Text: Elmar Walter
Blechblasinstrumente dienten ursprünglich einem praktischen Zweck: Sie waren Signalinstrumente – bei der Jagd, im Krieg, überall dort, wo die menschliche Stimme nicht weit genug trug. Ausgehöhlte Tierhörner erzeugten, wenn man die Lippen beim Blasen schwingen ließ, einen weichen, aber durchdringenden Ton. Aus dieser Entdeckung entwickelten sich Blasinstrumente, die später auch aus Holz oder Metall gefertigt wurden.
Allgemeine Entwicklung der Blasinstrumente
Schon in prähistorischer Zeit dienten Tierhörner als Signalinstrumente. Das Hifthorn war in Europa bis ins Mittelalter gebräuchlich; aus Byzanz gelangte der kunstvoll verzierte Olifant aus Elfenbein nach Europa. Im strengen Sinne waren diese Natur- und Tierhörner allerdings noch keine Blechblasinstrumente.
Die Geschichte der metallenen Blasinstrumente beginnt in der Bronzezeit, etwa 1700 v. Chr. Die ältesten bekannten Exemplare sind die Luren – nach dem Vorbild von Tierhörnern in Bronze gegossene Instrumente, die fast immer paarweise in gleicher Stimmung gefunden wurden. Die Nordischen Luren aus Dänemark und Südschweden besaßen ein festes, posaunenartiges Mundstück, ein mehrteiliges Rohr von 1,50 bis 2,40 m Länge und flache, verzierte Schallteller; Versuche haben gezeigt, dass sie einen vollen, weichen Klang erzeugten. Neben den Luren existierten in der Bronzezeit weitere Formen wie die keltische Carnyx mit Tierkopf-Schallbecher.
Einen technologischen Fortschritt brachten die Etrusker (4. Jh. v. Chr.): Sie stabilisierten die Röhre erstmals durch ein Querstück und bauten die ersten Instrumente mit abnehmbarem Mundstück. Ihr Einfluss auf die römischen Blechblasinstrumente war beträchtlich – die etruskische Salpinx wurde zur römischen Tuba, die später als Vorbild für die Tuba curva in Frankreich (um 1791) diente.
» … kraftvollen, tragfähigen Klang, volle Chromatik und ausreichende Tiefe.«
Im Mittelalter vertraten neben den Hörnern vor allem gerade Trompeten und Zugtrompeten die Gattung; in Barock und Rokoko gewannen Trompeten, Posaunen und Waldhörner erneut an Bedeutung. Eine besonde-re Rolle spielte der Zink: ein Horninstrument mit Grifflöchern, dessen bekanntester Vertreter der Serpent ist – ein im 16. Jahrhundert in Frankreich gebauter, schlangenförmiger Basszink mit dem Tonumfang von B1 bis b1. Wegen seiner unsauberen Intonation verschwand er aus den Orchestern, doch seiner Funktion nach darf man den Serpent als Vorläufer der heutigen Basstuba betrachten.
Die Erfindung der Basstuba
Die moderne Basstuba entwickelte sich im frühen 19. Jahrhundert aus verschiedenen tiefen Blechblasinstrumenten, die sich in Bauform, Mensur und Spieltechnik deutlich unterschieden:
Tuba curva: Die 1791 für die französische Revolutionsmusik gebaute Tuba curva war ein ventilloses, bogenförmig gekrümmtes Naturinstrument nach antikem Vorbild. Sie besaß einen sehr kräftigen Klang, war jedoch auf wenige Naturtöne beschränkt und wurde fast ausschließlich im Freien eingesetzt.
Ophikleide: Die klappenversehene Ophikleide war im 19. Jahrhundert vor allem in Frankreich das führende Bassinstrument. Terminologisch bestand große Unsicherheit: In Deutschland wurde sie zeitweise als Bombardon bezeichnet, später auch in Ventilausführungen gebaut. Ob zeitgenössische Quellen unter Ophikleide Klappen- oder Ventilinstrumente meinten, bleibt oft unklar.
Bombardon: Ab 1829 bauten Wenzel Riedl (ca. 1788–1837) und andere Instrumentenmacher ventilausgestattete Bassinstrumente nach dem Vorbild der Ophikleide. Der Begriff Bombardon wandelte sich dabei: Zunächst meinte er eng mensurierte Ventilophikleiden, später weitmensurierte Bassinstrumente, vor allem für Militär- und Blasmusik. Während Orchester bis um 1900 die Tuba bevorzugten, dominierten Bombardons lange Zeit die Blaskapellen. Seit dem frühen 20. Jahrhundert setzte sich die Bezeichnung Tuba allgemein durch.
Sax’sche Instrumentenfamilien: Adolphe Sax (1814–1894) entwickelte mit den Saxhörnern (ab 1843) eine systematische Familie weitmensurierter Ventilinstrumente mit einheitlicher Klangfarbe über alle Register, die vor allem in Militär- und Blasmusik verbreitet war. Die Saxotrombas (ab 1845) hingegen besaßen eine tromboide Mensur und fanden hauptsächlich in Frankreich und Belgien Verwendung. An antiken Vorbildern orientierte Sax seine Saxtuba bzw. Saxotuba. Dies waren Instrumente mit außergewöhnlicher Lautstärke, die jedoch in der Praxis kaum Verbreitung fanden. Die Bassmodelle standen der modernen Basstuba klanglich nahe.
Die entscheidende Grundlage für die Entwicklung der Basstuba war die Ventilerfindung durch Heinrich Stölzel (1777–1844). Durch Ventilkombinationen wurde erstmals vollständige Chromatik möglich. Bei der Basstuba setzte sich ein viertes Ventil (Quartventil) durch; spätere Erweiterungen mit Ausgleichsventilen und Triggern dienten der Intonationsverbesserung. Zwei Ventilbauarten prägen bis heute den Instrumentenbau: Drehventile im deutschsprachigen Raum und Périnet- (Pump-)Ventile vor allem in Frankreich, England und den USA.
Basstuba und Kontrabasstuba
Die ersten Ventilbässe orientierten sich stark an der Ophikleide. Ihre enge Mensur und drei Ventile erlaubten keine vollständige Chromatik im tiefen Register; der Tonraum war praktisch erst ab dem zweiten Naturton nutzbar. Um dieses Defizit zu beheben, entwickelten der preußische Gardemusikdirektor Wilhelm Friedrich Wieprecht (1802–1872) und der Berliner Instrumentenbauer Johann Gottfried Moritz (1777–1840) um 1834/35 ein weitmensuriertes Ventilbassinstrument: die Basstuba, die 1835 offiziell in den preußischen Militärdienst eingeführt wurde. Aufgrund ihrer Größe wurde sie senkrecht gehalten; das Mundrohr war seitlich zum Spieler geführt. Die frühe Basstuba in F (für Militärmusik meist in Es) war mit fünf Berliner Pumpventilen ausgestattet, darunter ein Quartventil zur Umstimmung. Diese Konstruktion ermöglichte zwar grundsätzlich Chromatik bis zum Grundton, verursachte jedoch erhebliche Intonationsprobleme. Bereits wenige Jahre später wurden Ventilanordnung und -abstimmung verbessert; schließlich setzten sich Instrumente mit sechs Ventilen durch. Das heute gebräuchliche System umfasst vier Grundventile zur Tonverlängerung sowie ein oder zwei zusätzliche Ventile zur Intonationskorrektur im tiefen Register.
»Die Tuba prägt den Klang der traditionellen Blasmusik.«
1) Václav František Červený (1819–1896) ließ ab 1845 verschiedene extrem tief gestimmte Bass- und Subkontrabassinstrumente patentieren und entwickelte später den weitmensurierten Kaiserbass. Seine Instrumente decken Stimmungen ab, die bis heute bei Tuben gebräuchlich sind.
2) Ausgehend von Anforderungen der Musikdramen Richard Wagners (1813–1883) plante Wilhelm Friedrich Wieprecht (1802–1872) zunächst erweiterte Basstuben, verwarf diese jedoch aus akustischen Gründen. Stattdessen entwickelte er eine eigenständige, weiter mensurierte Kontrabasstuba in B mit sechs Ventilen.
Eine eindeutige Zuschreibung ist historisch nicht möglich.
Sonderformen
Das Helikon ist ein um den Körper gewundenes Bassinstrument für den Marschgebrauch, vermutlich bereits vor 1845 in Osteuropa verbreitet. Es zeichnete sich durch extreme Lautstärke aus und wurde vor allem in Militärmusik eingesetzt.
Das Sousaphon entstand 1898 auf Anregung von John Philip Sousa (1854–1932) und wurde von der Firma C .G. Conn gebaut. Seine charakteristische Form mit nach vorn gerichteter, sehr weiter Schallöffnung erhielt es 1908. Es ist bis heute vor allem in Marsch-, Jazz- und Unterhaltungsmusik verbreitet. Im späten 19. Jahrhundert unterschied man zwischen Tenorhorn, Euphonium und Tenortuba. Während Tenorhorn und Euphonium eher tromboid bzw. weich-konisch gebaut waren, näherte sich die Tenortuba in Bauweise und Klang der Basstuba an. Später ging sie im allgemeinen Begriff Bariton auf.
Von der Militärmusik in die Welt der ernsten Musik
Die Basstuba entstand aus den praktischen Anforderungen der Militärmusik. Ihr Erfinder Wilhelm Friedrich Wieprecht, ursprünglich Orchestermusiker, reformierte ab den 1820er-Jahren die preußische Militärmusik. Unzufrieden mit den vorhandenen Bassinstrumenten, entwickelte er gemeinsam mit Johann Gottfried Moritz ein neues, weitmensuriertes Ventilbassinstrument. Die Bass- und Kontrabasstuba vereinte erstmals kraftvollen, tragfähigen Klang, volle Chromatik und ausreichende Tiefe in der 16’-Lage. Damit schloss sie eine entscheidende Lücke im Blasorchester und übernahm dort die Funktion des Kontrabasses. Im Zuge der preußischen Militärmusikreformen ab 1843 verbreitete sich die Tuba rasch international.
Bereits kurz nach ihrer Erfindung wurde die Basstuba in Opern- und Sinfonieorchester übernommen, insbesondere im romantischen Orchester. Hector Berlioz (1803–1869) lobte Klang und Möglichkeiten der Tuba und kritisierte die akustischen Grenzen der Ophikleide. Zwar kam in frühen Werken noch die Ventil-Ophikleide zum Einsatz, doch ab Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich die Tuba allgemein durch. Ab etwa 1850 ersetzte sie häufig die vierte Posaune, etwa bei Giuseppe Verdi (1813–1901), Giacomo Puccini (1858–1924) und insbesondere bei Richard Wagner. Neben der Verdoppelung tiefer Posaunenstimmen kombinierten Komponisten wie Wagner, Anton Bruckner (1824–1896) und Richard Strauss (1864–1949) die Tuba auch eigenständig mit Hörnern und Wagner-Tuben.
Ein Problem heutiger Aufführungen früher romantischer Werke liegt in der stark erweiterten Mensur moderner Tuben. Diese erhöht zwar die Klangfülle, kann jedoch bei unkontrolliertem Spiel zu übermäßiger Dominanz führen – insbesondere in hoch liegenden Tubastimmen bei Berlioz oder dem frühen Wagner.
Jenseits des Orchestergrabens
Die Geschichte der Tuba wäre unvollständig ohne einen Blick auf ihre Rolle außerhalb des klassischen Orchesters. Denn gerade in den letzten Jahrzehnten hat das Instrument eine bemerkenswerte Emanzipation erfahren – von der Bassstimme im Hintergrund zum respektierten Soloinstrument und zum klanglich prägenden Element in Jazz, Pop und Filmmusik.
Im New-Orleans-Jazz und Dixieland war die Tuba – meist als Sousaphon – zunächst das zentrale Bassinstrument, bevor sie in den 1930er-Jahren weitgehend vom Kontrabass abgelöst wurde. Dennoch blieb sie im Jazz präsent. Der bedeutendste Jazztubist der Moderne ist Howard Johnson (1941–2021), der mit führenden Jazzmusikern arbeitete und mit seinem Ensemble Gravity die Tuba als vollwertiges Leadinstrument etablierte.
In der Gegenwart erreichte die Tuba durch Damon Bryson (*1978) ein Millionenpublikum: Als Sousaphonist von The Roots ist sie seit 2014 regelmäßig im US-Fernsehen präsent. Parallel dazu verschaffte die Brass-Band-Renaissance (u. a. Dirty Dozen Brass Band, Mnozil Brass) dem Instrument neue Sichtbarkeit in Jazz, Funk und Pop.
Im alpenländischen Raum ist die Tuba seit dem späten 19. Jahrhundert zentrales Fundament der Blaskapelle. Anders als im Sinfonieorchester ist sie hier dauerhaft im Einsatz: als rhythmische und harmonische Basis von Marsch, Polka und Walzer, häufig mit zwei Tuben in Oktavlage. Besonders Helikon und B-Kontrabasstuba prägen den Klang der traditionellen Blasmusik.
In der Neuen Volksmusik seit den 2000er-Jahren gewann die Tuba neue Popularität. Die Band LaBrassBanda verband bayerische Blasmusik mit Pop und Rock und machte die Tuba einem internationalen Publikum zugänglich. Ähnliche Formationen und Festivals wie die Brass Wiesn dokumentieren die anhaltende Wirkung dieser Entwicklung.
All diese Entwicklungen zeigen, dass die Basstuba im 21. Jahrhundert längst mehr ist als ein Orchesterfundament. Sie hat sich als vielseitiges Instrument etabliert, das in der Lage ist, als Solostimme zu überzeugen, genreübergreifend zu wirken und ein breites Publikum anzusprechen – eine Entwicklung, die mit der Erfindung Wieprechts und Moritz’ im Jahr 1835 kaum jemand vorhergesehen hätte.
Quellen:
Bühler, Josef: Tuba – Bibliographie. Hofheim am Taunus 1990.
Haug, Hermann: Bibliographie und Diskographie für Soloblasinstrumente und Orchester. Band 3. Horn – Trompete – Posaune – Tuba. Leipzig/Paris 2004.
Kunitz, Hans: Die Instrumentation – Ein Hand- und Lehrbuch Teil 9: Die Tuba, Leipzig, 1956.
Nelson, Mark A.: The Tuba as a Solo Instrument: Composer Biographies. Annandale, Virginia, 1995.
Restle, Conny/Breternitz, Christian (Hg.): Valve Brass Music. 200 Jahre Ventiblasinstrumente, Berlin 2014.
Walter, Elmar: Die Basstuba als Soloinstrument. Magisterarbeit Universität Mozarteum Salzburg 2006.
Walter, Elmar: Die Entwicklung der Blechblasinstrumente vom Mittelalter bis zur Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung von Aufführungspraxis, Spieltechnik und Intonation bei Naturhorn, Naturtrompete und Barockposaune, Bakkalaureatsarbeit, Universität Mozarteum Salzburg 2004.
Wörner, Karl H.: Geschichte der Musik – Ein Studien und Nachschlagebuch, neu bearbeitet von Wolfgang Gratzer u. a. Göttingen 81993.















0 Kommentare