editorial

zwiefach #01-2026

15. Januar 2026

Lesezeit: 2 Minute(n)

»Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.«

(Lukas 4,4, Buch Deuteronomium 8,3)

Die Begebenheit gehört zu meinen liebsten Kindheitserinnerungen: Am Ende von ereignisreichen Samstagnachmittagen fand ich mich mit meinem Opa oft auf der Hausbank wieder, um die gemeinsame Brotzeit zu zelebrieren. Da wurde Schnittlauch im Beet geerntet, um ihn auf die gekonnt mit einem großen Messer vom Bauernbrotlaib geschnitten und mit goldgelber Butter bestrichenen Scheiben zu verteilen. Opa war ein geduldiger Kunsthandwerker, wenn es darum ging, den Radi der längsnach in hauchdünne Scheiben aufzufächern – Ehrensache, dass ich als Knirps den Radi dann mit meinen Salz-streu-künsten weinen lassen durfte. Als Belohnung durfte ich dann ab und an am fast alkoholfreien Nährbier zuzeln. Die ganze Prozedur wurde nicht selten von einem fröhlich angestimmten Mach ma Brotzeit, Brotzeit ist die schönste Zeit musikalisch begleitet.

Das Lied war mir aus dem Fernsehen bestens vertraut, denn neben Wastl Fanderls Baierischem Bilder- und Notenbüchl wurde in den 1970/80er-Jahren bei meinen Großeltern gerne auch Heinz Schenks musikalische Unterhaltungssendung Zum Blauen Bock angeschaut. In eben jener Sendung lernte ich nicht nur die mir bis dahin fremden hessischen Dia­lektwörter Appelwoi und Bembel kennen, sondern auch Die 3 ­lustigen Moosacher. Der Installateur ­Johann Hansi Döring (1931–2000) am Akkordeon, Elektriker Georg Schorschi Niedermeier (1929–2004) an der Gitarre und Großhandelskaufmann Rudolf Waggi Schneider (1934–2021) am Stehbass haben mein Bubenherz im Sturm erobert – mit lustigen Grimassen und Verkleidungstalent, aber besonders auch mit ihrem Hit, der Brotzeitpolka. Textfetzen wie »A Ripperl und a Bier, des hab i ja bei mir, i setz mi g’müatlich hin, denn der Mensch is koa Maschin« oder »Mach ma Brotzeit, Brotzeit ist die schönste Zeit, weil uns dann die Arbeitszeit wieder besser freut.« begleiten mich irgendwie bis heute. Inzwischen weiß ich, dass der Text vom Oberkrainer-Entdecker und -Förderer Fred Rauch (1909–1997) stammt und er ihn 1961 auf eine Melodie des begnadeten Zitherspielers ­Toni Sulzböck (1922–1994) reimte.

Und noch eins habe ich inzwischen gelernt: Brotzeiten sind wichtiger, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Tatsächlich ist das gesellige Beisammensein am Feuer oder Tisch beim Menschen eine entwicklungsgeschichtliche Konstante. Schon vor mehr als 800.000 Jahren haben sich kleine Gruppen von Steinzeitmenschen am Feuer zusammengefunden, Essen geteilt, sich gegenseitig beschützt, ihr Leid geklagt, man wärmte sich, fing irgendwann an zu singen, zu tanzen und Geschichten zu erzählen. Wurden früher Abmachungen nicht schriftlich, sondern bei Gaumenfreuden besiegelt, hat heute das gemeinsame Essen und Trinken bei entsprechenden Gelegenheiten vor allem einen symbolischen Wert. Soziologen wie Psychologen sind sich einig: Essen verbindet, es hat positive Effekte. Sänger, Tänzer, Musikanten und viele andere Brauchträger können die sozial-kommunikative Wirkung der gemeinsamen Brotzeit bestätigen. Sie gehört einfach dazu!

Ich wünsche Ihnen dafür Zeit, Muse und an Guadn!

Ihr Roland Pongratz

[Sie finden die Ausgabe #1-2026 der »zwiefach« hier im Archiv]

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