Im volksmusikalischen Schlaraffenland

Erlebnisse eines ungarndeutschen Volksmusikanten in Bayern

16. Januar 2026

Lesezeit: 8 Minute(n)

Musik ganz allgemein und Volksmusik im Speziellen ist für viele Menschen Lebensmittel. Wie essbare Lebensmittel sorgt sie auf kulturellem Gebiet für die nötige Grundversorgung von Körper, Geist und Seele. Die Speisekammer freilich muss immer wieder mal aufgefüllt werden – auch bei Sängern, Tänzern und Musikanten. Seminare, Kurse und Workshops bieten hierzu immer wieder Gelegenheit. Ferenc Mohl hat sich sogar bis aus Ungarn auf den Weg gemacht, um beim Seminar Bayerischer Dreiklang – Lied, Musik und Tanz in Altbayern, Franken und Schwaben des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege e.V. in Herrsching neue Impulse zu sammeln und berichtet für die »­zwiefach« von seinem musikalischen Fortbildungsschmaus.
Text: Ferenc Mohl Fotos: Dagmar Held, ­Maximilian Schramm

Hops hodarei duljo, Grüß Gott beinand!«, erklang der Begrüßungs-Jodler aus mehr als 100 Kehlen. Was für ein Start-Klang! Schon in den ersten zehn Minuten bekam ich Gänsehaut, Wahnsinn! – Sonntagnachmittag, Haus der bayerischen Landwirtschaft in Herrsching am Ammersee. Mehr als 100 Teilnehmer und Referenten aus ganz Bayern und zwei Kuckuckseier: Der eine kommt aus Norddeutschland von der Küste, der Andere bin ich aus Ungarn. Alle Teilnehmer brennen für das Eine – Volksmusik. Und jetzt werden sie eine Woche gemeinsam verbringen.

Ferenc Mohl und Dagmar Held
Ferenc (r.) beim Musizieren zum Tanz.

»Eine wohltuende Erfahrung!«

Wie alles begann

Im Jahre 2022 nahm unsere Musikgruppe Klani Hupf beim drumherum-Festival in Regen teil. Das Ziel der Reise war, meine ungarndeutsche Musikkultur mit nach Deutschland zu bringen und etwas aus Deutschland mit nach Hause zu nehmen. An einem Nachmittag nahmen wir an einer Singstunde teil und haben einige Volkslieder von bayerischen Fachleuten kennengelernt. Und genau hier habe ich ein Volkslied in meinen musikalischen Rucksack eingepackt. Das Lied hat uns Dagmar Held von der Forschungsstelle für Volksmusik in Schwaben beigebracht. Ich habe den Kontakt mit ihr sofort aufgenommen. Auf dem Festival haben wir noch sehr schöne Momente mit Dagmar gehabt. Seitdem pflegen wir unseren Kontakt.

Nach knapp zwei Jahren war 2024 Dagmar als Gast bei uns in Ungarn und hat sehr viele Eindrücke aus unserer Kultur bekommen. Sie hat an einem Tanzabend der Klani Hupf teilgenommen und hat mehrere Ortschaften besucht, um Lieder aufzuzeichnen. Ein Volkslied aus unserem Repertoire war der Impuls für eine Einladung, nämlich: »Das wäre was für Herrsching!« Und die offizielle Einladung mit diesem Wunsch ist Anfang 2025 in meiner Inbox gelandet.

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Auch im Biergarten wurde fleißig musiziert ...

Der bayerische Dreiklang – eine gesamtbayerische Volksmusikwoche

Aber was bedeutet eigentlich Herrsching? Der Begriff bezeichnet wesentlich mehr als die Stadt an sich. Es ist schwer zu erklären, aber ich versuche es: das ist eine Volksmusikwoche, bei der die Teilnehmer Volkslieder, Tänze und Musik von den besten Volksmusik-Fachleuten Bayerns lernen können. Eine Gemeinschaft, bei der man sich wirklich zu Hause fühlt, wo sich jeder für den anderen freut. Eine Referentin hat gesagt: »Die Leute kommen nicht zu der Volksmusikwoche des bayerischen Dreiklanges. Sie kommen nach Herrsching.« Und das habe ich auch sofort gespürt: Herrsching ist ein Begriff, eine Kommune, eine Erlebnisbombe, eine Aufladestelle.

Im Wochenplan gab es viele verschiedene Angebote für Gruppenarbeiten, Erholung, gemeinsame Aktivitäten. Was mir aufgefallen ist: es gab keinen Zeitdruck und Stress, keinen Zwang, an den verschiedenen Programmen teilzunehmen. Hätte ich allerdings den Grundtanzkurs, geistliches Singen in der Kirche, Workshops, Serenade, Tanzen im Plenum, Scharade, Nachtgesänge usw. versäumt, wäre ich viel ärmer. Und genau so denken wohl alle, da der Teilnehmeranteil bei diesen Angeboten zwischen 95 und 100 Prozent liegt.

Das offizielle Tagesprogramm endete jeden Tag um 22 Uhr mit einem Gute-Nacht-Lied. Nach dem gemeinsamen Singen sind einige schlafen gegangen, für die anderen begann die Nachtschicht im Bierstüberl. Bis in da Frua gab’s Musik, Gesang und Tanz. Jeder durfte mitspielen, mitsingen und tanzen. Viele haben die Instrumente gewechselt: Geige, Basstrompete, Harfe, Steirische, Kontrabass, völlig egal, welche man nimmt, diese Musiker sind echt talentiert. Die Tänzer bezwangen den Tanzboden barfuß oder in Socken, pure Lebensfreude herrschte überall. Moderne Stücke oder Schlager waren in diesen Tagen nicht gefragt. Auch die jugendlichen Teilnehmer und Teilnehmerinnen fanden am Traditionellen Geschmack.

Ferenc (li.) beim Aufspielen im Bierstüberl.

Im Unperfekten liegt der Reiz

Ich könnte sehr viel über die Professionalität dieser Woche erzählen, was die Organisation, Terminierung und Thematik betrifft. Die Volksmusikwoche existiert seit mehr als 50 Jahren, so haben die Organisatoren viel Erfahrung in der Praxis. Zehn Motoren dienten als Antrieb dieser Woche, die zehn Referenten vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e.V.. Sie sind nicht nur hervorragende Fachleute, Musiker, Sänger und Tänzer, sondern auch Top-Pädagogen mit Geduld, Verständnis, Lernbereitschaft, Liebe und Menschlichkeit. In einer Minute waren die Referenten Tänzer, in der kommenden Minute Musiker, dann Sänger. Tanz, Musik und Gesang behandeln sie als Einheit, sind untrennbar. Wenn ich die Analogie benutzen darf: Tanz, Musik und Gesang bilden die Dreifaltigkeit.

Bei der Gruppenarbeit standen nicht die technischen Fähigkeiten des einzelnen Musikers im Vordergrund, sondern die Freude am Zusammenspiel. Eine wohltuende Erfahrung! Auch die Wirtshausmusikanten auf den vorgespielten Tonaufnahmen waren einfache Musikanten, keine professionellen Musiker. Und doch war ihre Musik so fetzig, so geschmackvoll aufgespielt, dass man sofort Lust zum Tanzen und Singen bekam. Die Auswahl an Tanzarten war reich: Rheinländer, Schottische, Zwiefache, Boarische, Dreher, Walzer, Galopp. Der Nachschlag (musikalische Begleitung) spielt eine sehr markante Rolle. Bei geringer Musikerzahl ist er viel wichtiger als z. B. die zweite Stimme. Der Nachschlag ist immer wichtig, gut hör- und spürbar. Das war für mich eine sehr interessante Erkenntnis. Die Tempi der Musikstücke waren zum größten Teil bequem und ruhig – ich würde lieber nicht den Begriff langsam benutzen, weil die Tänze in Bayern und Ungarn trotz der gemeinsamen Wurzeln oft verschieden sind.

... und natürlich beim Musikanten­ausflug rund um Herrsching.

Lieder fürs Herz und das Tanzbein

Jeden Tag haben wir neue Volkslieder von den Referenten gelernt. Im großen Saal erklangen sowohl lustige, als auch herzzerreißende Melodien, viele Lieder im Dialekt, manchmal waren sie für mich kaum zu verstehen. Es war schön, diese Vielfalt von Dialekten zu hören und das nicht nur beim Singen, sondern auch bei den Gesprächen. Man bat mich als Musiker, den Teilnehmern ein paar ungarndeutsche Volkslieder beizubringen. Ein Lied war der Wunsch von Dagmar: Wenn i aus der Heimat geh. Das alte Volkslied hat viele sehr angerührt und manche hatten sogar Tränen in den Augen. Jeden Tag habe ich Rückmeldungen bekommen, dass das Lied unglaublich herzerweichend sei – vor allem von denjenigen, deren Vorfahren z. B. aus dem Banat oder dem Sudetenland stammen. Das andere Lied war der Walzer Rund ist die Kugel. Ein schwungvoller Walzer, der wirklich gut nach Herrsching passte, wo alles rund und g’sund war.

Ich durfte auch einen Workshop mit dem Thema Spielen wie die Klani Hupf für die Teilnehmer anbieten. Eine tolle Gelegenheit, um meine ungarndeutsche Musikkultur vorzustellen. Ich habe einige Musikstücke aus unserem Klani Hupf Repertoire mitgebracht. Mit Zither, Steirische, Flöte, Bariton, Klarinette, Hackbrett usw. ergab sich eine tolle Klangfarbe. So wurden der Schorokscharer Ländler und die Wirt-Polka sicher noch nie gehört! Auch ein paar Tonaufnahmen habe ich für die Interessenten abgespielt, um die Vielfältigkeit der ungarndeutschen Musik zu zeigen.

Volksmusik in aller Herrgottsfrüh

Was ist denn hier los? Eine Vollgas-Fanfare vom Flur weckt mich am ersten Morgen um 7.25 Uhr in meinem Zimmer. Ach, ja, meine Musikkollegen, die früher auch in Herrsching waren, haben schon von dem Weckruf erzählt. Mir war sofort klar, dass in den kommenden sechs Tagen die Zeit richtig ausgenutzt wird, jeden Tag und jede Nacht mit Musik, Gesang und Tanz.

Einmal in der Nacht wollte ich schon schlafen gehen, doch als ich auf dem Flur war und Musik aus dem Kellergeschoss hörte, ging ich ihr nach und wurde von einem herzlichen »Möchst mitspieln?« empfangen. »Jo, freili’!«, lautete meine Antwort. Zwei Musiker probten für ihren Einsatz für den morgendlichen Weckruf. Bratsche und Basstrompete, eine ungewöhnliche Paarung, doch in Herrsching ist alles möglich. Ein Csardas aus Tschechien wurde gefunden und bereits zehn Minuten nach unserer Begegnung war das Stück zum Einsatz bereit.

Nach kurzer Schlafenszeit um 7.15 Uhr wartete ich am nächsten Morgen auf meine neuesten Musikkollegen. Ein Musiker mit Steirischer war schon auf den Beinen und übte ein Stück. Auf mein Nachfragen stellte sich heraus, dass auch er den Weckruf für diesen Morgen geplant hatte – ein Missverständnis, das wir unmittelbar zum Guten wendeten: Die Weckruf-Band war nun von zwei auf vier Musiker gewachsen. Spontan und flexibel ist hier die Devise.

Eine Nacht voller Lieder

Am letzten Tag fand der Abschiedsabend mit vielen schönen Tänzen und Musik statt. Nach dem offiziellen Abendprogramm blieben wir im Foyer. Einige trugen Tracht, andere lockere Kleidung, die einen standen an der Theke, die anderen saßen auf dem Boden, Weingläser in den Händen, und es wurde stundenlang gesungen. Was für ein Lebensgefühl! Ein Lied erklang nach dem anderen. Was für ein Zufall, glaubte ich bei der ersten Strophe eines Liedes. Wir singen in Ungarn auch ein Volkslied über einen Nussbaum mit der gleichen Frage im Text, aber die Melodie ist anders und die nachfolgenden Strophen sind völlig fremd für mich. Doch als die sechste und siebte Strophe wieder mit dem mir bekannten Text übereinstimmen, wird mir klar: das ist das gleiche Lied mit der kompletten Geschichte, mit einer anderen Melodie. In Ungarn sind nur die letzten zwei Strophen geblieben, deren Text ich zwar verstand, deren Logik mir aber immer fehlte. Hier in Herrsching fand ich nun die komplette Geschichte, so verstand ich endlich, worum es im Lied eigentlich geht.

Es gibt noch ein Beispiel: Zu Hause in Ungarn habe ich mehrmals einen ungarischen Text zu einem Walzer gehört: »Mit ér a ró­zsafa, ha rózsa nincs rajta? Mit ér a szerelem, ha szereto˝m nincsen?« Und hier wurde gesungen: »Und was nützet mir die Rose, wenn die Blätter fallen ab? Und was nützet mir mein jungfrisch’s Leben, ja wenn ich keine Liebe hab?« Das ist das Besondere und auch Schöne an den Volksliedern. Es finden sich ähnliche Varianten an ganz unterschiedlichen Orten. Immer ein bisschen anders, manchmal mit der gleichen Melodie, manchmal mit einer völlig anderen Melodie. In jedem Dorf, in jedem Land klingt es anders, aber trotzdem ist es das gleiche. Ich glaube, dass die Wurzeln unserer ungarndeutschen Volkslieder in Deutschland sind, aber die Geschichte der Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg hat diese Wurzeln zum größten Teil ausgelöscht.

»Praxis sagt mehr als tausend Worte

Impressionen vom Abschlussabend
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Voller Inspiration wieder nach Hause

Ich könnte noch stundenlang über meine Erlebnisse und Erfahrungen berichten. Worte, Tonaufnahmen, Bilder und Videos können die richtige Atmosphäre von Herrsching leider nicht wiedergeben. Eines ist mir aber auf jeden Fall klar geworden: für die Bewahrung unseres Erbes müssen wir in Ungarn unser Bestes geben. Jede einzelne Person soll ihre Arbeit leisten, so kann sich eine starke Gesellschaft weiterentwickeln. Ich persönlich habe eine Menge Motivation erhalten, um meine Forschungsarbeiten zu Volksliedern weiter voranzutreiben und mein Projekt Mus-I-Zua (Treffen der ungarndeutschen Musikanten) weiter zu organisieren und zu entwickeln.

Auch das Ziel meiner Deutschlandreise hat sich erfüllt. Natürlich wollte ich zum einen den Wunsch der Einladung erfüllen, neues Wissen erwerben und mir persönlich etwas Gutes tun. Zum anderen war es mein Hauptziel, die Verbindung zu Herrsching für talentierte ungarndeutsche Sänger, Musiker und Tänzer zu festigen, damit auch sie ihr fachliches Wissen und die kulturelle Sichtweise erweitern können. In Herrsching war ich nicht die erste Schwalbe. Jahrzehntelang gab es schon früher eine Partnerschaft zwischen Herrsching und Ungarn. Im Rahmen dieser Partnerschaft durften jedes Jahr Teilnehmer aus Ungarn in die Volksmusikwoche fahren. Ich persönlich kenne viele Leute, die damals in Herrsching mit dabei waren. Die Meisten sind bis zum heutigen Tag Flaggschiffe der ungarndeutschen Tanz-, Musik- und Gesangskultur.

In Herrsching steht nicht nur Theorie im Vordergrund. Praxis sagt mehr als tausend Worte. Ich bin auf jeden Fall glücklich, dass ich diese Wahnsinnswoche erleben durfte. Am letzten Vormittag verabschiedeten sich alle Teilnehmer und Referenten. »Hops hodarei duljo, Pfiat Gott beinand!« – erklang der Abschieds-Jodler nicht nur aus 100 Kehlen, sondern auch aus 100 Herzen.

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Aufmacher:
Impressionen vom Abschlussabend - Fot von der Halle - Foto von Maximilian Schramm

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