Text: Dagmar Held Fotos: Vipasana Roy
Die Füße tun mir schon gescheit weh, aber ich halte durch, denn der Gutschein, den ich zu meinem runden Geburtstag bekommen habe, muss noch ganz eingelöst werden. Der erste Teil war eine Bergwanderung. Die ist geschafft mit wunderbarem Ausblick vom Edelsberg. Jetzt darf ich mich noch auf eine Brotzeit in einer Berghütte freuen und ich bin wirklich froh, als endlich, die meine Freunde zum Einkehren ausgesucht haben, in Sicht kommt. Schnell einen Platz sichern und dann die Speisekarte studieren, denn Wandern macht hungrig. Jetzt wird mir auch klar, warum es unbedingt die Hündeleskopfhütte sein musste. Auf der Speisekarte finden sich ausschließlich vegetarische Gerichte. Das gefällt natürlich meiner Freundin, die seit vielen Jahren Vegetarierin ist. Mir gefällt das auch und es fällt mir nicht schwer, mich für eins der Gerichte zu entscheiden.
Der Hüttenwrap hört sich interessant an. Den werde ich probieren. Es hört sich nicht nur gut an, sondern schmeckt auch wunderbar, dieser mit knackigem Gemüse gefüllte Kräuterpfannkuchen, den man aus dem kleinen Fenster der Küche gereicht bekommt. Wir genießen das Essen und die Aussicht. Plötzlich verschwindet meine Freundin und taucht schließlich mit der Wirtin im Schlepptau wieder auf. Ich staune nicht schlecht, denn die Wirtin hat eine Gitarre dabei und stattet uns gleich mit Liederbüchern aus. Was geschieht hier? Gehört das auch zum Angebot der Hütte?
Unerwartet ist es am Schönsten
Nein, natürlich nicht, aber meine Freundin hat die Gabe, Menschen zu überreden. In dem Fall die Hüttenwirtin, um mit uns zu singen, denn sie hatte mitbekommen, dass sie das ab und zu mit ihren Gästen macht. Und da wir doch so musikalische Gäste sind, wäre die Gelegenheit günstig! Netterweise hat Silvia Beyer ihre Küche Küche sein lassen und sich zu uns gesetzt, mit uns gesungen und sogar ein bisschen gejodelt. Wir kommen ins Gespräch und sie erzählt, dass sie einmal im Monat auf die Hündeleskopfhütte zu einem Singstammtisch einlädt.
Sie ist selbst begeisterte Sängerin und genießt es, wenn die verschiedensten Leute zum Singen kommen. Die Singbegeisterten kommen nicht nur aus dem nahen Nesselwang, sondern auch aus Wertach oder Füssen. Es kommen Einheimische, aber oft auch Touristen, die mitbekommen haben, dass man auf der Hündeleskopfhütte mitsingen kann. Silvia Beyer leitet mit ihrer Gitarre das Singen an. Sie hat für diese Gelegenheit auch ein kleines Liederheft zusammengestellt, in dem neben deutschen Volksliedern auch Allgäuer Spezialitäten wie der Hirtebue zu finden sind.
Begeistert erzählt sie, dass es jedes Mal ganz anders ist, je nachdem, wer kommt, und das gefällt ihr. Spontan ist sie, das hat sie heute auch schon bewiesen. Und jetzt werden wir auch noch spontan von ihr auf die Probe gestellt. Sie zeigt uns stolz die Noten von einem Jodler, den die Leiterin der Nesselwanger Jodlergruppe extra für sie geschrieben hat und der passenderweise Auf der Hündeleskopfhütte heißt. Den könnten wir doch zusammen probieren. Tja, was soll ich sagen. Wir haben’s probiert, aber der Jodler war gar nicht so leicht zum Klingen zu bringen – da braucht es doch ein bisschen mehr Übung. Schön wars trotzdem! Ich darf die Noten mitnehmen. Jetzt kann ich üben. Bei meinem nächsten Besuch auf der Hündeleskopfhütte werde ich vorbereitet oder gricht sein, wie man im Allgäu so schön sagt. Das nehme ich mir auf alle Fälle fest vor.
»Urig, herzlich, vegetarisch«
Das ist das Motto auf der Hündeleskopfhütte, die auf 1.180 m Höhe in den Allgäuer Alpen liegt. Am schnellsten ist sie mit einem ca. 45-minütigen Fußmarsch von Pfronten-Kappel aus zu erreichen. Der Aufstieg lohnt sich, denn die Speisekarte hat Ungewöhnliches zu bieten. Neben den klassischen Hüttengerichten wie Allgäuer Kässpatzen, Flädlesuppe und Käsebrot gibt es einen Hüttenwrap, Alblinsensuppe und sogar eine vegane und glutenfreie Zucchinilasagne. Auf Vorbestellung gibt es auch vegane Kässpatzen. Alles ist immer frisch gekocht aus heimischen Zutaten und überwiegend in Bio-Qualität. Das ist Silvia Beyer wichtig.
Doch wie kommt man überhaupt auf die Idee, eine Berghütte vegetarisch zu betreiben? »Viele haben mir keine zwei Monate gegeben«, erzählt sie lächelnd. Ihre Freunde sagten: »Des goht it! Des ka it gau. Du muasch Wienerle her doa für die Kinder. Da kommt niemand!« Doch sie hat sich von den Zweiflern nicht beirren lassen.
Inzwischen betreibt sie die Hündeleskopfhütte mit ihrem vegetarischen Konzept schon seit fast zehn Jahren und kann sich über mangelnden Zuspruch nicht beklagen. Für sie war es einfach eine logische Fortführung ihrer eigenen Lebensweise. Sie selbst isst schon seit jungen Jahren kein Fleisch mehr. Auf einem Allgäuer Bauernhof in Nesselwang als mittlere von drei Schwestern aufgewachsen, fiel mit zwölf Jahren ihre Entscheidung, vegetarisch zu leben, nachdem ihr klar geworden war, welches Schicksal ihren liebevoll aufgezogenen Kälbern bevorsteht. »Dia hot ma nach Italien gschickt zum Mästen und zum Schlachten wieder rauf. Und die Viehhändler waren immer so brutal, wenn sie die Kälble abgholt ham. Des war so a Moment, wo i drüber nachdacht hab und wo i gsagt hab. Na, da mach i nimmer mit!«
»Krautkrapfen waren immer schon vegan«
Tradition und Moderne sind kein Widerspruch
Mittlerweile ist gut die Hälfte der Speisen vegan. Silvia ist es dennoch wichtig, regional und traditionell zu kochen. Typisch allgäuerisch und fleischfrei das schließt sich ihrer Meinung nach auch gar nicht aus. Denn oft würden ältere Leute sagen: »Mir hand gar it soviel Fleisch gessa!« Sie sagt: »Früher haben wir die Mehlspeisen ghabt. Es hat mal am Sonntag a Fleisch geaba. Das war gar nie so, das hat sich erst in relativ kurzer Zeit entwickelt, dass man meint, Fleisch essen gehört zum Allgäu.« Oder überhaupt zur traditionellen bayerischen Küche. »Krautkrapfen waren immer schon vegan«, erklärt sie. »Man hat es nur nicht so gnennt. Dia send natürlich ohne Speck. Da mach i an Nudelteig, einfach mit Wasser und Salz und dua des Kraut schön würzen, roll des ein und brat des in am Sonnenblumenöl raus. Die waren immer scho vegan!«
Die Leidenschaft für gesunde, vollwertige und regionale Küche wurde schon in ihrer Kindheit geweckt. Ihre Mama Traudl versorgte die Familie mit selbst angebautem Gemüse aus dem eigenen Garten. Ihre Oma führte eine ungewöhnliche Pension, in der nach Waerland ein sehr einfaches Essen ohne Fleisch, Fisch, Zucker und Weißmehl gekocht wurde. (Are Waerland war ein schwedischer Ernährungsreformer Anfang des 20. Jahrhunderts). Sie sagt: »In einem Familienbetrieb aufzuwachsen, mit Vieh, Zusammenarbeit und Verantwortung war für mich der beste Start ins Leben und ich bin sehr dankbar dafür.«
Silvia Beyer hat ihre Leidenschaft fürs Kochen auch zum Beruf gemacht. Seit 2011 ist sie Hauswirtschaftsmeisterin und vor neun Jahren ist der Traum von einer eigenen Hütte wahrgeworden, in der sie ihre Gäste mit viel Herzlichkeit und wunderbaren vegetarischen Speisen bewirtet. Und wenn sie Zeit und Muse hat, dann greift sie auch gern zu ihrer Gitarre und stimmt mit ihren Gästen ein Lied an.









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