»Warum hast du nicht Flöte gelernt?«

Die Bassgeige in der alpenländischen Volksmusik

27. Februar 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

Text: Sebastian Rastl  Fotos: Stephan Mussil, Martina Unterrainer, Ulrike Rauch

Leidensgenossen werden diese, oder ähnliche Erfahrungen mit mir teilen: Die Zeit ist schon knapp, die Straßenbahn überfüllt, und nachdem dieser sperrige Sack, in dem sich ein hölzernes Ungetüm von Instrument befindet, über die Stufen, an mehreren Kinderwägen und unzählige entnervte Mitreisende anrempelnd vorbei manövriert wurde, findet sich endlich eine Nische, in der man die Reise antreten kann. Kurze Zeit zum Innehalten. Doch plötzlich kommt der Gedanke, das soeben Erlebte, am Ziel angekommen, noch einmal in umgekehrter Reihenfolge durchmachen zu müssen. Er wird jäh unterbrochen: »Warum hast du nicht Flöte gelernt?«, dringt eine verächtliche Frage aus der Menge zu mir. Die Person ist sich der Tatsache offensichtlich nicht bewusst, nicht die Erste zu sein, die mit dieser wenig originellen Frage auf sich aufmerksam macht. Um eine angemessene Reaktion bemüht, ist die Antwort lediglich ein trockenes Lächeln.

Wie das Leben so spielt

Im vertrauten Rahmen des Musikunterrichts ist diese Frage doch angemessener. So interessiere ich mich immer für den Weg, der meine Schüler und Studenten zu diesem ungewöhnlichen Instrument führte. Meist verbergen sich in der Antwort unkonventionelle, bewegte Geschichten. Meine eigene ist: Ich habe es mir nicht ausgesucht, es ist mir passiert. Als junger Gitarrist bei der Sunnseit’n Musi in Grundlsee ist mir wegen Personalnot eines Tages der Kontrabass in die Hände geraten. Seitdem ist er mein ständiger Begleiter.

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Verwandtschaften

Die Bassgeige, die Stehgeige, der Stang’lbass, im Englischen auch liebevoll Doghouse genannt, ist das größte und tiefste der Streichinstrumente. Der Tonraum erstreckt sich bis in die namensgebende Kontrabass-Lage. Sein nächster Verwandter ist nicht, wie man eher vermuten möchte, die Violine oder das Violoncello, sondern vielmehr die Gambe. Dieses um einiges ältere Streichinstrument wird stehend zwischen den Beinen gehalten und der Bogen untergriffig geführt. In verschiedenen Größen existiert sie als Sopran-, Alt-, Tenor- und Bass-Instrument. Um der Bassgambe eine weitere Oktave nach unten gegenüberzustellen, entstand der sogenannte Violone – dem heutigen Kontrabass sehr ähnlich. Für die Nähe zur Gambe sprechen auch die abfallenden Schultern, die Quarten-Stimmung und der flache Boden. Andere Bauformen mit beispielsweise gewölbtem Boden, spitz zulaufenden Zargen, erinnern wiederum an die Violine.

»Bassgeige, Stehgeige, Stang’lbass

Die Notwendigkeit eines Instrumentes im 16-Fuß-Register hat historisch für die verschiedensten Stimmungen und Anzahl der Saiten gesorgt. Um auf alle einzugehen, wäre wohl eine separate wissenschaftliche Abhandlung notwendig. Heutzutage wird für den modernen Kontrabass überwiegend die Stimmung E1–A1–D–G verwendet. Bei Orchesterbässen wird der Tonraum üblicherweise um eine tiefe C- oder H-Saite erweitert. Eine kleinere Bauform, früher in der Kirchenmusik und von Spielleuten zum Marschieren verwendet, ist als Bassettl bis heute als Volksmusikinstrument erhalten geblieben.

Im historischen Instrumentarium ist der Violone auch heute noch im Einsatz, wird mit Bünden am Hals und Darmsaiten gespielt und bildet in verschiedenen Barockensembles das rhythmische und harmonische Fundament. Diese Aufgabe erfüllt sein nächster Verwandter, der Kontrabass, naturgegeben in allen denkbaren Musikwelten wie dem modernen Symphonieorchester, im Jazz, Rock’n Roll, der Weltmusik, der Volksmusik u. v. m.

Der unhaltbare Drang der Menschheit nach Fortschritt und Innovation machte auch vor diesem Instrument nicht halt. So entwickelte sich der Kontrabass über seine Begleitfunktion hinaus bis zum Soloinstrument. Viele große Namen wie Johann Matthias Sperger (1750–1812), Domenico Dragonetti (1763–1846), Giovanni Bottesini (1821–1889), Franz Simandl (1840–1912), Ray Brown (1926–2002), Ludwig Streicher (1920–2003), François Rabat (*1931) und zahlreiche weitere große Kontrabassisten verhalfen ihm zu seinem Erfolg.

Foto: Martina Unterrainer

Ohne Bass geht’s nicht

In der alpenländischen Volksmusik ist der Kontrabass ein nicht wegzudenkender Teil des Instrumentariums. Um Hermann Härtel zu zitieren: »Was wäre wohl unsere Tanzmusik ohne den unterschwelligen Brummton, der nicht nur am Tanzboden, sondern auch im hintersten Winkel des Saales noch deutlich zu vernehmen ist?«

Wie auch dem Tubisten, wird dem Bassgeiger in der Tanzmusik eine verantwortungsvolle Rolle zuteil. Den Blick auf die Beine der Tanzenden gerichtet, dirigiert er sozusagen die Tanzkapelle im richtigen Puls. Die Vorgabe des richtigen Tempos im spannenden Wechselspiel mit Bratsche, Harfe oder Gitarre, die den Nachschlag liefern, ist unverzichtbar in dieser Musik. Hinzu kommt die Definition der Tonart durch das Spielen der Grundbässe auf der ersten Taktzeit. Diese können kreativ ergänzt werden durch improvisierte Basslinien – die sogenannten Gangln. Die konstante Vorgabe des Pulses, also der richtige Groove und die geschmackvolle, niemals überladene Gestaltung einer kontrapunktischen Bassmelodie zeichnen einen wahren Bassisten aus.

Autor Sebastian Rastl als Kontrabassist der Tanzgeiger.

Foto: Stephan Mussil

Das Tieftönen richtig lernen

Wer sich fragt, wie und wo sich dieses Instrument mit dem Fokus auf die Volksmusik erlernen lässt, wird beim mittlerweile reichhaltigen Angebot von Sing- und Musizierwochen und Seminaren fündig. Im gesamten Alpenraum haben sich in der jüngeren Vergangenheit immer mehr Initiativen etabliert. Nicht zuletzt der Arbeit der Volkslied- und Heimatwerke in den österreichischen Bundesländern geschuldet, entstanden attraktive Weiterbildungsmöglichkeiten. Die Weitergabe der Musizierfreude über Generationen hinweg und das Engagement, mit dem junge Musikantinnen und Musikanten ihre Passion weitertragen, ist bemerkenswert. Auf jedem Instrument wird hochwertiger Unterricht geboten. Ensembles holen sich ihren Feinschliff oder finden sich dort überhaupt erst zusammen. Wurde der Kontrabass in der Vergangenheit dort eher stiefmütterlich behandelt, hat er sich bei Seminaren mittlerweile einen festen Platz erspielt.

Seit nunmehr 20 Jahren existiert im Salzburger Pongau das Bassgeigenseminar, welches sich ausschließlich unserem geliebten Tieftöner widmet. Gegründet im Jahr 2005 von Anton Mooslechner jun. findet es jährlich in der Zeit nach Ostern in Michis Sonnhof in Flachau statt. Der Sonnhof ist ein beliebter Ort für Volksmusikseminare, die Wirtin selbst ist begeisterte Musikantin. Gemeinsam mit ihrer Familie sorgt sie mit ihrem Esprit und ihrer Gastfreundschaft für die richtigen Rahmenbedingungen und trägt somit jedes Jahr zum Gelingen bei.

Foto: Martina Unterrainer

 

Wer sich also mit dem Kontrabass als Volksmusikinstrument ein Wochenende lang intensiv beschäftigen möchte, ist hier genau richtig. Egal ob man Anfänger oder fortgeschrittener Teilnehmer ist, das fachlich bestens ausgebildete Referententeam bietet einen fundierten Unterricht an und geht auf jegliche individuellen Wünsche ein. Fragen zur richtigen Bogentechnik und Pizzicato (dem Zupfen) und der Instrumentenhaltung werden hier bearbeitet. Es werden Hilfestellungen und Tipps zur richtigen Stimmführung, den schönsten Gangln und der Einstieg in ungewohnte Tonarten geboten. Instrumentenkunde, Pflege, kurzum alles rund um den Kontrabass wird beim Bassgeigenseminar behandelt.

Das gemeinsame Musizieren kommt dabei selbstverständlich nicht zu kurz und ist letztendlich Sinn der Sache. Alle Mitwirkenden sind natürlich eingeladen, weitere Instrumente mitzubringen. Ein Harmonikaspieler ist auch dabei, um uns als Korrepetitor das Wochenende hindurch zu begleiten. Den imposanten Abschluss bildet ein erdbebengleiches Zusammenspiel aller Kontrabässe.

Auch zuletzt wurden wieder neue Bekanntschaften geknüpft, Freundschaften geschlossen oder alte vertieft im wahrsten Sinn des Wortes. Und während sämtliche Blasen und Schwielen an den Fingern am Abklingen sind, freuen wir uns jetzt schon auf das nächste Jahr in Michis Sonnhof.

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Aufmacher:

Foto: Martina Unterrainer

Sebastian Rastls vielschichtige musikalische Tätigkeiten erstrecken sich von alpenländischer Volksmusik über Kammermusik unterschiedlichster Stile bis hin zu regelmäßigen Engagements in Orchestern wie dem Mozarteumorchester Salzburg, Camerata Salzburg, Wiener Symphoniker, ORF Radiosinfonieorchester Wien, Grazer Philharmoniker, u. v. m. Er ist Solobassist beim Orchester »recreation« Graz und Mitglied des Ensembles Die Tanzgeiger. Als Senior Lecturer für Kontrabass ist er an der Kunstuniversität in Graz tätig, weiters unterrichtet er am Landesmusikschulwerk Oberösterreich. Als Dozent bei Kursen und Seminaren ist er um die Vermittlung der alpenländischen Volksmusik bemüht.

Der Artikel, der in Kooperation mit dem Steirischen Volksliedwerk entstand, erschien bereits in Salzburger Volks.kultur Jg.48 (2024), Heft 1, S. 70–72.

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