Kuli-narrische Begegnungen

Leb’n und leb’n lassen – auf Bayerisch und Tschechisch

17. Januar 2026

Lesezeit: 3 Minute(n)

Text und Fotos: Gisela und Herbert Pöhnl

Pavel Valdmann, der Bürgermeister aus dem tschechischen Hartmanice und Franz Wittmann, sein Kollege aus dem bayerischen Viechtach, verstehen sich sofort. Zumindest bei einer wichtigen Sache, dem Grillen eines ganzen Schweins. Die spektakuläre Aktion begann vor gut zehn Jahren in dem kleinen böhmischen Dorf anlässlich der 150-Jahr-Feier der örtlichen Feuerwehr mit Bier, Gesang, Blasmusik und, eben, einem gegrillten Schwein. Die Begeisterung war positiv, das Fest musste wiederholt werden, alle Jahre wieder, bis es im Jahre 2025 mit zweiundzwanzig Grillstationen mit jeweils sechsköpfigem Team zu einem richtigen Volksfest wurde.

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Franz Wittmann war vor zwei Jahren erstmals als Besucher dabei und er will das Grillfest in Viechtach kopieren, aber mit internationalem Anspruch. Er rechnet mit tausend Besuchern und bald haben sich Griller aus Italien, Albanien, Tschechien, Afghanistan und Franken angesagt.

Es kommen auch die Gegnerinnen, Damen der lokalen Veganer mit einer Hundeattrappe, die sie zu grillen ankündigen. Die Aufregung ist enorm, die Leserbriefflut pro und contra massiv, die Presse von Berlin bis München berichtet und das bayerische Fernsehen sendet in Abendschau, quer und Capriccio. Private TV-Sender, Foren, Kanäle und Homepages belehren, polemisieren und kommentieren. Die Besucherzahl wird nun auf wenigstens drei- bis fünftausend prognostiziert.

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»… durch das Tun,
durch Toleranz,
durch Freude am Feiern …«

Diese Euphorie bei den Verantwortlichen steigt erneut, als der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sein Kommen ankündigt. Jetzt spart sich Wittmann tatsächlich alle Werbekosten. Im Mai 2025 ist es soweit, das Fest steigt mit einer Rekordbesucherzahl von acht- bis zehntausend, wie Optimisten bilanzieren, eine bayerische und eine tschechische Kapelle spielen, teils sogar miteinander, die Speisen und Getränke werden knapp und die Stimmung ist spektakulär gut.

Doch es beteiligt sich nur ein tschechisches Team, ihnen ist das Politische bei einem Volksfest unangenehm und die Reise über hundert Kilometer einfach mit einem halben Dutzend Mitstreitern, einem Ster Buchenholz, einem mächtigen Grill und einem ganzen Schwein auch zu aufwendig.

Während in Viechtach die Tierrechtsorganisation Peta ihre Demonstration organisiert und durchzieht, sind die tschechischen Vegetariáni lockerer. Sie beteiligen sich aktiv am Fest in Hartmanice und grillen fleißig mit, einschließlich des lukrativen Verkaufs von Schweineteilchen in 50-Gramm-Portionen mit Brot, Kren und Essiggurkerl. Das ist ein anderes Zeichen, eines der Toleranz, keines der Belehrung und der Weltrettung.

Wegen des großen Medienechos wird das Thema Schweinefleisch essen oder nicht essen zu einer Thematik, die das nachbarschaftliche, das grenzüberschreitende überlagert. Besonders in digitalen Foren werden harte Formulierungen gebraucht.

Trotzdem ist das Fest unter dem Aspekt der Nachbarschaft zu bewerten, als Begegnung aus einer Spontanität und Freundlichkeit heraus, ohne Projektbeschreibung und Fördermittel, einfach durch das Tun, durch Toleranz, durch Freude am Feiern und am sich Treffen, durch das bayerische Leb’n und leb’n lassen. Oder ist das eher ein tschechisches Prinzip?

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