»Wir haben uns als Kulturinstitution etabliert«

20 Jahre Haus der Volksmusik in Altdorf in der Schweiz

19. Januar 2026

Lesezeit: 10 Minute(n)

Das Haus der Volksmusik im Herzen der Schweiz feiert 2026 seinen 20. Geburtstag. Geschäftsführer Markus Brülisauer unterhält sich mit Walter Knecht über die Befindlichkeit der Schweizer Volksmusik und die Rolle seiner Institution als Hüterin und Förderin des heimischen Musikschaffens in all ihren regionalen und stilistischen Facetten.
Interview: Walter Knecht Fotos: Marco Eberli, Rafael Brand, Flavian Cajacob

Walter Knecht: Markus Brülisauer, wie steht es um die Schweizer Volksmusik?

Markus Brülisauer: Die eine Schweizer Volksmusik gibt es nicht – wir sprechen besser von den Schweizer Volksmusiken, also in Mehrzahl.

Weshalb?

Weil die Bandbreite extrem auseinandergeht, sowohl, was die regionale Abstammung anbelangt, als auch hinsichtlich des Stils. Die Spanne reicht von der unterhaltungs- und festzeltgeprägten Volksmusik bis hin zur ernsthaften Auseinandersetzung mit der Materie und der dementsprechenden Spielweise, die in jedem etablierten Konzerthaus Platz findet. Will man die Frage, wie es der Schweizer Volksmusik geht, konkret beantworten, muss man also immer auch berücksichtigen, von welchem Bereich man spricht; ob man die professionelle Herangehensweise in Betracht zieht oder doch eher die hobbymässige, ob wir uns den traditionellen Klängen zuwenden oder den modernen.

Markus Brülisauer, 41, ist Historiker, Musikethnologe und seit 2013 Geschäftsführer des Hauses der Volksmusik in Altdorf in der Schweiz.

Welchen Strömungen wendet sich das Haus der Volksmusik am ehesten zu?

Wir bewegen uns im Spannungsfeld von Bewahrung und Aufbruch. Als Institution werten wir nicht und wollen auch nicht das eine gegen das andere ausspielen. Unser wichtigster Anspruch ist es, das heimische Volksmusikschaffen in all seinen Facetten zu fördern, zu vermitteln und eine möglichst breite Bevölkerungsschicht mit den damit einhergehenden Informationen zu versorgen.

Auf welche Art und Weise geschieht dies?

Mittels Forschung, Dokumentation, Beratung und aktiver Förderung, also beispielsweise mit Konzerten und Kursen, im Rahmen derer Musikantinnen und Musikanten unter kundiger Leitung an ihren Fähigkeiten schleifen oder neue Instrumente und Stilrichtungen erkunden können. Dazu gehören auch mehrtägige Ferienkurse, in denen Kinder und Jugendliche an die Volksmusik herangeführt wird. Hier zeigt sich die Verbundenheit mit der heimischen Musik ganz besonders – aufgrund der großen Nachfrage müssen sich die Nachwuchstalente inzwischen für einen freien Platz bewerben.

Das klingt nach einem ­Selbstläufer …

… in diesem konkreten Fall ist dem tatsächlich so! Im Großen und Ganzen bedarf es jedoch immenser Anstrengungen, um unserer Volksmusik jene Bedeutung zu verschaffen, die sie verdient. Das ist aber keine Erscheinung der Neuzeit, sondern verhält sich seit Jahrzehnten so.

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»Wir wollen unsere Kompetenzen hör-, spür- und sichtbar machen.«

Was sind die Gründe?

Der Schweizer Ländler wurde während des Zweiten Weltkriegs im Rahmen der Geistigen Landesverteidigung zur Volksmusik hochstilisiert. Mit dem Aufkommen der amerikanisch und englisch geprägten Populärmusik in den 1950er-Jahren wurde diese dann wieder aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängt und rutschte – ich sage es bewusst provokativ – in die Pflegebedürftigkeit ab.

Und das Haus der Volksmusik betätigt sich nun als Pflegerin?

Wir wollen viel mehr als pflegen! Wir sorgen dafür, dass die Volksmusik lebendig bleibt, dass sie ein gewisses Maß an Selbstverständlichkeit und Unbeschwertheit beibehält oder neu erlangt. Zumindest für all jene, die sich mit uns austauschen oder von unseren Angeboten profitieren. Für viele Menschen ist die Volksmusik nach wie vor ein Teil ihres Lebens. Diesem Grundsatz fühlen wir uns verpflichtet.

Als Dokumentationsstelle sammelt das Haus der Volksmusik Musiknoten, Tonträger, Fotos, Bücher und vieles mehr – und macht dieses wertvolle Kulturerbe allen Interessierten u. a. bei Kursen zugänglich.
YouTube

Video: Einblicke in einen Kurs im Haus der Volksmusik.

Haus der Volksmusik - Örgeliplausch im Berner Stil - Schwarzsee 2025

War dem bereits vor 20 Jahren so, als das Haus der Volksmusik gegründet wurde?

Ich war damals noch nicht am Haus der Volksmusik tätig, aber ich weiß, dass es dem Initianten Fabian Müller – einem klassisch ausgebildeten Cellisten und Komponisten zeitgenössischer Musik – äußerst wichtig war, dass die Volksmusik in der Schweiz ein Zuhause bekommt, ähnlich dem Folk Music Institut in Finnland. In Altdorf stieß er mit seiner Idee auf offene Ohren: Mit dem Festival Alpentöne etablierte sich der Ort im Herzen der Schweiz bereits 1999 als ergiebiger Nährboden für eine unkonventionelle und äußerst lebendige Auseinandersetzung mit dem musikalischen Schaffen in der Schweiz und im gesamten Alpenbogen. Zu diesem Umfeld zählen auch Personen und Behörden, die sich bis heute mit viel Herzblut und Überzeugung hinter die Idee Haus der Volksmusik stellen.

Alle zwei Jahre organisiert das Haus der Volksmusik das Volksmusikfestival Altdorf, ein Highlight für Musikliebhaberinnen und -liebhaber aus der ganzen Schweiz.

Sie sprechen die Unterstützung Ihrer Institution an. Wie finanziert sich das Haus der Volksmusik?

Zu einem Großteil durch die öffentliche Hand, sprich, Kantone und die Standortgemeinde. Hinzu kommen Zuwendungen von Stiftungen, mit denen wir eine Leistungsvereinbarung eingegangen sind. Einen Teil erwirtschaften wir zudem über unsere Kurse, Veranstaltungen sowie Mitgliederbeiträge. Unsere Aufwendungen und Erträge belaufen sich jährlich auf rund 400.000 Franken [= ca. 430.000 EUR]. Wir sind als Verein eingetragen und dieser zählt aktuell 340 Mitglieder, Tendenz steigend. Nach zwanzig Jahren darf man durchaus festhalten: Das Haus der Volksmusik hat sich als Kulturinstitution etabliert.

»Wir sorgen dafür, dass die Volksmusik lebendig bleibt

Welches sind in Ihren Augen die Höhepunkte in der zwanzigjährigen Geschichte des Hauses der Volksmusik?

Da gibt es einige. Kurse, in denen sich die Teilnehmenden mit unserem Nationalinstrument, dem Schwyzerörgeli, auseinandersetzen können, stoßen stets auf großes Interesse. Bei den Kindervolksmusikwochen und dem Jungtalentschuppen führen wir inzwischen Wartelisten. Seit Anbeginn großen Zuspruch erleben Veranstaltungen, bei denen die Volkstanz- und Instrumentalsammlung von Hanny Christen im Zentrum steht. Und dann ist da natürlich auch das Volksmusikfestival, das wir seit 2010 alle zwei Jahre veranstalten. Dieses Jahr haben wir zudem die neu gestaltete Schweizer Volksmusiksammlung volksmusik.ch vom Stapel gelassen, was ich nach einigen mit Technik und Technologie geschlagenen Schlachten ebenfalls als Erfolg werten würde. Der Mix aus Forschung, Dokumentation und Vermittlung bietet uns alles in allem so viele Möglichkeiten, die Volksmusik in all ihren Facetten unter die Menschen zu bringen.

Wir haben es angesprochen: 2026 wird das Haus der Volksmusik 20 Jahre alt. Sind spezielle Festivitäten geplant?

(lacht) Die sparen wir für das 25-Jahr-Jubiläum 2031 auf! 2026 steht wieder ein Volksmusikfestival auf dem Programm. Es bildet sicherlich den Höhepunkt des Geschäftsjahres. Die Schweiz hat bekanntlich 26 Kantone, dementsprechend wollen wir vom 12. bis 14. Juni 2026 in Altdorf Musikantinnen und Musikanten aus all diesen Ständen auf die Bühne bringen. Sie zeigen anschaulich die eingangs erwähnte große Vielfalt der Volksmusik in unserem Land auf. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, für uns als relativ kleines Team stellt eine mehrtägige Veranstaltung wie das Volksmusikfestival jedes Mal eine ziemliche Herkulesaufgabe dar. Umso dankbarer sind wir für die Unterstützung unserer ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer.

Wagen wir zum Abschluss noch einen Blick nach vorne: Wo steht das Haus der Volksmusik in fünf, zehn Jahren – und wie entwickelt sich die Schweizer Volksmusik bis dahin?

Momentan ist das Haus der Volksmusik als Institution Untermieterin in einem wunderbaren historischen Gebäude. Wir sind in erster Linie mit der Forschung, der Dokumentation und der Vermittlung beschäftigt, dem physischen Aspekt Haus im Sinne von Veranstaltungsort oder gar Museum können wir nicht oder nur bedingt gerecht werden. Unsere Vision ist es deshalb, dereinst einmal tatsächlich ein eigenes Haus zu haben, in dem unsere Kompetenzen vor Ort unmittelbar hör-, spür- und sichtbar gemacht werden können.

Wie soll dies geschehen?

Mit Ausstellungen zum Beispiel, mit einem Besucherzentrum, Führungen für Schulen oder Konzerten auch. Wir wollen ein Haus sein, in dem die Volksmusik praktiziert wird und in all ihren Facetten lebt und klingt. Bis dieser Traum Realität wird, dürften allerdings noch ein paar Jahre vergehen. Eine weit dynamischere Entwicklung beobachte ich hingegen in der Volksmusik selbst. Hier gibt es viele junge Interpretinnen, Interpreten und Kapellen, die neue Wege gehen und dafür sorgen, dass auch auf Seiten des Publikums eine nachrückende Generation auf ihre Rechnung kommt. Natürlich kann man immer darüber diskutieren, ob treibende Rhythmen und stampfende Bässe, die vor allem im Festzelt für Stimmung sorgen, Volksmusik im herkömmlichen Sinne sind, man muss gleichzeitig aber auch feststellen, dass dadurch Aufmerksamkeit generiert wird und neue Kreise erschlossen werden. Die Volksmusik an sich ist schon immer solchen Entwicklungen und den damit einhergehenden Diskussionen ausgesetzt gewesen.

Apropos Klänge: Gibt es ein Schweizer Volksmusikstück, das die Arbeit des Hauses der Volksmusik schon im Titel passend umschreiben würde?

So spontan kommt mir da jetzt nichts in den Sinn. Es gibt meines Wissens jedoch mindestens zwei Kompositionen, die das Haus der Volksmusik zum Inhalt haben. Eines davon stammt von Sepp Doswald. Es heißt Dem Haus der Volksmusik sei Dank. Ein musikalisches Dankeschön: ich weiß nicht, was es Schöneres gäbe für uns!

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Einblick in die Historie

  • 2006 Am 17. Juni findet nach längerer Vorbereitungsphase die Gründungsversammlung des Hauses der Volksmusik, kurz HdVM, statt. Die Initiative zur von der Gemeinde Altdorf und dem Kanton Uri unterstützten Institution geht vom künstlerischen Leiter des Festivals Alpentöne Urban Frye und dem Komponisten Fabian Müller aus. Letzterer übernimmt zusammen mit dem Ethnologen Franz-Xaver Nager bis 2008 die interimistische Leitung des HdVM.
  • 2008 Johannes Schmid-Kunz und Alois Gabriel treten im Sommer die Leitung am Haus der Volksmusik an. Der Volksmusiker, Tanzleiter und Kulturmanager Schmid festigt die Position des HdVM als Kompetenzzentrum der Schweizer Volksmusik weiter. Der Musikant und Primarlehrer Gabriel befasst sich mit der Mitgliederpflege und dem Aufbau des Volksmusikfestivals Altdorf.
  • 2009 Das Haus der Volksmusik präsentiert eine Forschungsarbeit über die Schwyzerörgeli-Pioniere Stump und Schmidig.
  • 2010 Im August findet das erste Volksmusikfestival Altdorf statt, initiiert und organisiert vom Haus der Volksmusik. Es erstreckt sich über drei Tage und bietet mehr als 120 Formationen aus der Schweiz und Österreich eine Auftrittsmöglichkeit. Das Volksmusikfestival liefert einen umfassenden Überblick zur aktuellen Schweizer Volksmusik und wechselt sich im Zweijahresturnus mit dem Musikfestival Alpentöne ab.
  • 2013 Neuer Geschäftsführer des HdVM wird Markus Brülisauer. Der Historiker und Musikethnologe baut das Programm aus, erschließt weitere Finanzierungsquellen und beginnt mit der systematischen Organisation des Archivs. – Der Nachlass von Kasi Geisser kommt ins Haus der Volksmusik. Das HdVM organisiert ein Symposium zu Kasi Geisser, digitalisiert die rund 1.000 Handschriften und nutzt diese später als Grundstock für volksmusik.ch. – Die IG Volkskultur verlegt ihre Geschäftsstelle ins Haus der Volksmusik.
  • 2014 Das Projekt Schänner Füfermusig beinhaltet die Aufarbeitung des historischen Notenbestands aus Schänis SG, die Gründung einer neuen Formation (heute international bekannt als Schäbyschigg) und Publikation eines Noten-Best-of.
  • 2015 Das Haus der Volksmusik präsentiert am Eidgenössischen Volksmusikfest in Aarau das musikalische Gesamtwerk von Alois Betschart s Piitschä Wysel als Notenband.
  • 2018 Die historische Notensammlung aus Furna GR wird publiziert.
  • 2019 Der Verband Schweizer Volksmusik verlegt seine Geschäftsstelle ins Haus der Volksmusik.
  • 2021 Publikation des Gesamtwerks von Dolfi Rogenmoser für Akkordeon und Schwyzerörgeli. Erstmals sind somit sämtliche seiner Kompositionen notiert. – Das Haus der Volksmusik erhält von der Albert Köchlin Stiftung einen Anerkennungspreis von 60.000 CHF für seine Arbeit.
  • 2022 Erich Herger, Präsident des Vereins Haus der Volksmusik, erhält die Auszeichnung Goldenen Uristier für sein Engagement. – Das Erschließungsprojekt zu Hanns in der Gands Nachlass gipfelt unerwartet in einer Publikation zu Leben und Werk dieses wichtigsten Volksliedsammlers der Schweiz.
  • 2023 Das Haus der Volksmusik notiert sämtliche Kompositionen von Chaschbi Gander und publiziert diese in einem Notenband.
  • 2024 Das Gesamtwerk des Akkordeonisten Hugo Bigi wird nach 2-jähriger Arbeit unter volksmusik.ch publiziert.
  • 2025 Umfassendes Redesign volksmusik.ch mit inzwischen über 80.000 Datensätzen zur Volksmusik: Noten, Biografien, Tonträger, Fotos, Literatur, Zeitungsausschnitte.

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