Text: Alexander Karl Wandinger Fotos: Zentrum für Trachtengewand, BR / Ralf Wilschewski
Der besondere Reiz eines Zwiefachen ist das Ungerade, der Wechsel zwischen Drei- und Zweivierteltakt. Was das mit lebendiger Tracht zu tun hat? Sie lebt wie die Zwiefachen von der Dramatik und vom Taktwechsel der Mode. Ihren Lebensraum findet sie in der Zwietracht zwischen der domestizierten echten Tracht und der ungebändigten Trachtenmode, zwischen alten und neuen Traditionen. Sie braucht die Einflüsse aus konservativen Kreisen genauso wie innovatives Design. Selbst die Trachtenkleidung auf dem Oktoberfest zeigt sich jährlich lustvoll in allen Schattierungen von traditionell bis experimentell – sie unterliegt dabei Gesetzmäßigkeiten und bricht sie gleichzeitig. Das Bild eines Paares in Tracht, das einen Zwiefachen tanzt, steht vielleicht besonders gut für die Vitalität, die Tracht und Volksmusik ausmachen kann.
Parallelwelten
Beide, die Tracht und die Volksmusik, entwickeln sich nicht für sich allein, sozusagen in aller Unschuld. Sie unterliegen seit dem 19. Jahrhundert Einflüssen durch die gezielte Pflege, kommerzielle Absichten oder ideologische Indoktrinationen, wie in der Zeit des Nationalsozialismus. Eine Trachtenberatung ohne ideologische Ziele leisten in Oberbayern seit Jahrzehnten zwei Institutionen: der Bayerische Landesverein für Heimatpflege und die Heimatpflege des Bezirks Oberbayern. Letztere verkörperte Paul Ernst Rattelmüller zwischen 1973 und 1989. Der ebenso wort- wie bildgewaltige Heimatpfleger beriet zahlreiche Musikvereine und Trachtengruppen im Sinn einer historisch begründeten regionalen Tracht. Seine Quellen waren Lithographien und Photographien aus dem 19. Jahrhundert genauso, wie die umfangreichen schriftlichen Aufzeichnungen eines Joseph von Hazzi (1768–1845) oder die Bavaria von Joseph Friedrich Lentner (1814–1852). Als gelernter Graphiker schuf er auf Grundlage historischer Vorbilder hunderte von kolorierten Zeichnungen mit idealisierendem Charakter. Als Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk war er seit 1955 Autor hunderter Sendungen und gestaltete z. B. die Sendereihe Boarischer Hoagascht. Die Beratungsarbeit war von seinen klaren Vorgaben gekennzeichnet, wie eine erneuerte oder überlieferte Tracht aussehen sollte.
Sein Nachfolger Stefan Hirsch konnte der Annahme, dass es eine über Zeiten hinweg gültige Tracht gibt, wenig abgewinnen. Er öffnete den Begriff und sorgte für Diskussionen, was Tracht denn eigentlich war, ist und sein könnte. Sein undogmatischer Umgang ließ zwar manch Ratsuchende zunächst ratlos zurück, aber er gab wertvollen Raum selbst zu denken und sich eine Meinung zu bilden, welche Bräuche, Bauweisen oder Trachten zeitgemäß sind. Ihm ist eine aufgeschlossene und reflektierte Sichtweise auf Themen der Heimatpflege zu verdanken, die bis heute nachwirkt. Noch in seiner Zeit als stellvertretender Geschäftsführer im Bayerischen Landesverein für Heimatpflege begegnete ihm Mitte der 1980er-Jahre Alexander Karl Wandinger. Der 16jährige Schüler begann damals auf eigene Initiative hin mit Feldforschungen zur Kleidungskultur im ländlichen Raum. Zusammen mit Stefan Hirsch begann in Oberbayern erstmals eine Großzahlforschung zum Thema Tracht mittels historischer Photographien und Originalstücken, die Wandinger zusammentrug.
Ein Zentrum für die Tracht
Als Stefan Hirsch 1989 Bezirksheimatpfleger wurde, blieb der Kontakt bestehen und Wandinger bekam 1990 den ersten Werkvertrag für Feldforschung innerhalb der bayerischen Trachtenlandschaften. Seit 1997 zunächst als Mitarbeiter des Bezirksheimatpflegers und später als Leiter des im Jahr 2000 gegründeten Trachten-Informationszentrums in Benediktbeuern, übernahm er die Trachtenfachberatung in Oberbayern. Das Trachten-Informationszentrum – später umbenannt in Zentrum für Trachtengewand – wuchs kontinuierlich, ebenso wie sein Sammlungsbestand. Publikationen, Ausstellungen, Trachtenmodenschauen, Vorträge, Führungen, Beratungen und ein Trachtenkontor mit vorbildhaften Erzeugnissen prägten die Trachtenlandschaft Oberbayerns – bis zum 26. August 2023 …
Inmitten der Katastrophe
Das Unwetter, das an diesem Tag über das Kloster und den Ort Benediktbeuern hereinbrach, war ein Inferno aus Wind, Regen und Eisbrocken. Auch das Zentrum für Trachtengewand und das Forum Heimat & Kultur des Bezirks Oberbayern waren betroffen. Auf der Westseite durchschlug der Hagel sämtliche Fensterscheiben, über den Dachraum drang Wasser partiell durch das Deckengewölbe ein. Die Trachtensammlung und die Bibliothek wurden sofort in das Freilichtmuseum an der Glentleiten evakuiert, um sie vor möglichen Schäden zu bewahren.
Bereits im Vorfeld der Naturkatastrophe liefen Planungen und Vorbereitungen das Zentrum für Trachtengewand (ZET) aus- und umzubauen. Der Bau eines dringend notwendigen Depots für die Textil- und Accessoires-Sammlung nach heutigen Standards, der Umbau der Verwaltung, der Bibliothek und die Schaffung eines zeitgemäßen Veranstaltungsraumes standen an. Diese Baumaßnahmen konnten Anfang 2025 nach anderthalb Jahren abgeschlossen werden.
Neustrukturierung
Aus organisatorischen Überlegungen heraus wurde das ZET im März 2024 als eigenständiges Referat aufgelöst und dem Freilichtmuseum Glentleiten zugeordnet. Die Sammlung des Zentrums für Trachtengewand (ZET) ist seitdem mit der des Freilichtmuseums vereint und das ZET bleibt als Zweigstelle in Benediktbeuern erhalten. Mit der Zusammenlegung der beiden Kulturinstitutionen beschreitet der Bezirk Oberbayern in Zeiten sinkender öffentlicher Etats im Kulturbereich den Weg effizienter Strukturen. Darüber hinaus hat der schwere Hagelschaden im August 2023 gezeigt, wie wichtig es ist, im Kulturbereich leistungsstarke Organisationseinheiten zu bilden.
Die Trachtenberatung ist seit März 2024 als wichtiger Aspekt der Heimatpflege bei der Bezirksheimatpflegerin Dr. Astrid Pellengahr in München angesiedelt und wird in bewährter Weise durch Alexander Karl Wandinger betreut. Der ausgewiesene Fachmann steht mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung in allen Fragen rund um das Thema Tracht zur Verfügung.
Was gehört zum Service der Trachtenfachberatung?
Jeder, der sich in Oberbayern für das Thema Tracht interessiert und beraten werden möchte, ist beim Bezirk Oberbayern richtig – ob das Museen, Bildungseinrichtungen, Verbände, Vereine, Musikkapellen oder Privatpersonen sind.
Museen …
… bewegen zum Beispiel Fragen zu ihren Sammlungsstücken und deren Kontext. Tatsächlich sind viele Textilsammlungen nur ansatzweise inventarisiert und häufig existiert nicht einmal ein Eingangsbuch. Es fehlt oft an Informationen, woher die Exponate stammen (Provenienz), wie alt die Stücke sind oder wer sie ursprünglich getragen hat. Vor allem dann, wenn Exponate ausgestellt und publiziert werden sollen, sind diese Fragen von großer Bedeutung, denn solange ein Mieder im Depot schlummert, fällt das fehlende Wissen zum Gegenstand meist niemandem auf. Hier kann eine Beratung weiterhelfen die Datierung der Objekte, ihre Herkunft und den kulturellen Zusammenhang ans Licht zu bringen. Darüber hinaus können Fragen zu konservatorischen Themen wie die sachgemäße Aufbewahrung von Textilien oder die Schädlingsprävention besprochen werden.
Musik- und Trachtengruppen …
… bringen völlig andere Fragen mit als museale Einrichtungen. Denn es handelt sich nicht um Museumsstücke, die klassifiziert werden sollen, sondern um lebendige Menschen und ihre Kleidung. Die wichtigste Frage ist zunächst: Was braucht die Gruppe, um sich später in ihrem Gewand rundum wohlzufühlen? Die Beratung beginnt mit einem Erstgespräch, in dem zunächst viele Fragen erörtert werden: Warum besteht der Wunsch nach Änderung oder Neuerung? Wie ist die Sozial- und Altersstruktur der Gruppe? Welche Spielgelegenheiten gibt es? Was tragen die Musikerinnen und Musiker jetzt und wo finden sich die Vorlagen? Sind sie mit ihrem Gewand zufrieden oder (warum) sind sie es nicht? Sollen nur einzelne Teile der aktuellen Tracht verändert und angepasst werden oder ist eine Neueinkleidung gewünscht? Wie sind die finanziellen Möglichkeiten und wer sind die geeigneten Ansprechpersonen in der Gruppe? Jeder Verein funktioniert anders und hat ein ihm eigenes Gefüge.
Emotionen verlangen Sensibilität
Die richtige Tracht für alle Fälle direkt aus dem Musterkoffer gibt es also nicht. Tracht ist im Ursprung Mode einer bestimmten Zeit und sozialen Schicht, die wir mit Heimaten, (vermeintlichen) Traditionen, Zugehörigkeit und Regionalität verbinden. Sie gibt das Gefühl, Teil einer gleichgesinnten Gruppe zu sein und somit Sicherheit; sie kann allerdings auch andere ausgrenzen, die nicht zur Gruppe gehören oder divergent gekleidet sind. Das Trachtenthema ist mit vielfältigen Emotionen verbunden und die Beratung braucht eine gewisse Sensibilität. Wenn zum Beispiel ein älterer Musikant seit 30 Jahren das gleiche Outfit gewöhnt ist, kann es sein, dass er eine Veränderung nur schwer akzeptiert. Manchmal reibt sich auch der Wunsch nach einem uniformierten Auftreten mit dem Bedürfnis individuellen Vorlieben Raum zu geben, etwa durch unterschiedliche Schürzen für die Frauen.
Wenn nach ein paar Monaten, weiteren Treffen und Diskussionen alle Fragen geklärt sind, können passende Hersteller und Bezugsquellen für Stoffe oder Trachten gefunden werden. Für das Einholen von Angeboten und die Auftragserteilung ist dann jeder Verein selbst zuständig.
Eine ganz echte Sache …
Immer wieder wird bei Beratungen die Frage nach der Echtheit einer Tracht gestellt. Hier verhält es sich ähnlich wie bei der Volksmusik: Es gibt weder die echte Tracht noch die echte Volksmusik. Kleidungstil und Musikgeschmack verändern sich mit jeder Generation, ob gewollt oder ungewollt. Der Notenbestand einer heutigen Blaskapelle hat zum Beispiel mit dem Repertoire aus der Zeit von 1890 auch nicht mehr viel zu tun, ebenso wenig wie die Besetzung der Instrumente. In den 1970er-Jahren war es durchaus noch üblich, dass Mädchen und Frauen in Männerkleidung in der Kapelle mitmarschierten; das hat sich erfreulicherweise über die Jahre verändert. Selbst in Trachtenvereinen gab es mehr Wandel, als es sich manche Bewahrer gewünscht hätten. Kulturelle Güter wie Musik oder Kleidung müssen immer wieder neu verhandelt werden, um lebendig zu bleiben. Dass es da im Spannungsfeld zwischen Erhalten und freier Entwicklung auch einmal zur Zwietracht kommen kann, ist normal – Hauptsache zum Schluss herrscht Eintracht!
Kontakt:
Alexander Karl Wandinger,
Trachtenfachberatung des Bezirks Oberbayern,
Prinzregentenstraße 14,
80538 München,
+49 170 455 44 04,
alexander.wandinger@bezirk-oberbayern.de
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