Bradln als Synonym für das – ungezwungene, auswendige, womöglich gar improvisierte – Musizieren erfreut sich im österreichischen Musikantensprech großer Beliebtheit. Viele Formationen tragen es im Namen, um auf ihre musikantische Qualität hinzuweisen. Der Namenspatron dieser Tätigkeit, der (Bratl-, Bradl-) Bratelgeiger, auch Bierfiedler, Bierhäuslgeiger o. ä., war hingegen eine eher gering angesehene Figur: »Der Name Bratlgeiger war ein sehr bezeichnender uralter Ausdruck für jene Musikanten, welche man bei irgendeiner Gelegenheit herbeirief, um sich recht angeigen zu lassen, und dabei tüchtig zu essen und zu trinken; ’s Bratl (der Braten) wie natürlich spielte dabei die Hauptrolle. Nach beendigtem Aufspielen ließ man solchen Geigern einige Kupferstücke verabreichen, und sie waren damit zufrieden und zigeunerten weiter.«1
Ob nun das Bratl vom Zuhörer, oder hernach – als Lohn – vom Musikanten verzehrt wurde, darüber sind sich die Quellen uneins. Das Österreichische Musiklexikon vermerkt für die jüngere Geschichte zweiteres: »Davon ausgehend ist der Ausdruck Bratelgeiger in den allgemeinen Sprachgebrauch gelangt für Musiker, die als Gage ein Abendessen (Braten) bekamen.« 2 Jedenfalls scheint ihre musikalische Qualität nicht immer unumstritten gewesen zu sein, wie es 1763 – zweifellos überspitzt – einem Kunstpfeifer in der Kurz-Posse Präcedenzstreit der Kunstpfeifer und Spielleute in den Mund gelegt wird: »Wenn aber die Bierfiedler vorgeben, sie machten niemals eine Sau, gestehen sie, die Kunstpfeifer gerne zu, weil sie niemals eine Sau allein, sondern jedesmal eine ganze Herde machen: sintemal ihr ganzes Spielen in lauter Roßquinten, Kühoctaven und abscheulichen Dissonantien, und also in lauter Ferkeln, die continuirlich auf einander folgen, bestehet, daß auch ein zartes Gehör leichtlich die Colicam [Kolik] davon bekommen möchte.«3
Bradln heute – ungezwungene Musi für d’ Leid …
Und wie ist es heute um die Bratl-/Bradl-Geiger/-Fiedler/-Musikanten bestellt? Um dem nachzugehen, habe ich jene mir bekannten steirischen Musikgruppen befragt, die das Bradln im Namen tragen, namentlich also (in nicht-hierarchischer Reihenfolge) die die Bradlstreich, die Bradlmusikanten und die Stiwoller Bradlmusi.
Zuallererst ist festzuhalten, dass die Gefahr einer Kolik der Zuhörenden keineswegs gegeben ist – sowohl das Ausbildungsniveau der Musikanten und Musikantinnen als auch die Spielbarkeit der Instrumente ist wohl kaum mehr mit der Situation im 18. Jahrhundert vergleichbar. Zweitens ist festzustellen, dass, im Gegensatz zu den zitierten historischen Quellen, keiner der befragten Musikanten den Begriff des Bradlns als abwertend empfindet (sonst wäre wohl auch keine Wortzusammensetzung davon als Gruppenname gewählt worden). Was jedoch genau unter diesem Begriff zu verstehen ist, interpretiert jede der befragten Gruppen auf ihre Art und Weise, jeweils angelehnt ans eigene Selbstverständnis.
So versteht Max Petrischek von der Bradlstreich darunter eine Art »steirische Jam-Session, das einfach-drauflos-Spielen, auch zum Beispiel mit Leuten, mit denen man davor noch nie gespielt hat, oder Stücke, die man noch nicht geprobt, aber im Ohr hat.« Ganz ähnlich definiert auch Max Krienzer von der Stiwoller Bradlmusi das (An-)Bradln: »Lässig unplugged anspielen.«
»Lässig unplugged anspielen.«
… und fürs Ess’n
Hannes Preßl von der Ausseer Bradlmusi betont hingegen, dass diese Verwendung des Begriffs im Ausseerland – zumindest traditionellerweise – nicht üblich ist: »So wie mein Vater den Begriff verwendet hat, ist nicht dieses klischeehafte ›Anspielen‹ gemeint, sondern die musikalische Unterhaltung der Männer, die am Sonntagvormittag, wenn ihre Frauen in die Kirche gegangen sind, im Wirtshaus ein Bratl gegessen haben. Natürlich sind die damals musizierenden Musikanten keine trainierte, also im heutigen Sinne gut geprobte Gruppe gewesen, insofern trifft auch die heute übliche Wortverwendung irgendwie wieder zu.« Und Adi Prügger von den Bradlmusikanten stellt bei seiner Wortdefinition vor allem die Publikumsnähe in den Vordergrund: »Bradln heißt für uns: Spielen bei den Menschen, zu den Menschen zuwispielen, sie zum Mitsingen animieren, lustig sein mit den Menschen.«
Auch die beiden mutmaßlichen Herkunftsaspekte des Begriffes, also einerseits das Spielen für Menschen, die essen, als auch für die Gegenleistung einer Mahlzeit, spielen nach wie vor eine Rolle im heutigen Musikantenleben. Für Speis und Trank anstatt für Geld wird zwar von allen befragten Musikgruppen fallweise gespielt, allerdings nur mehr für Freunde, Verwandte oder gute Bekannte. Oder auch, wie von den Bradlmusikanten praktiziert, beim Musizieren in Seniorenheimen. Und das Musizieren, wenn andere essen, gehört für die meisten der befragten Musikanten zu den Standard-Aufgabengebieten. »Das passt auch.«, meint Hannes Preßl von der Ausseer Bradlmusi dazu: »Für mich gibt es grundsätzlich zwei verschiedene Settings, in denen wir musizieren. Einmal mit Bühne und Konzert, wenn alle Zuhörer mucksmauserlstad sind und zuhören, oder eben, um Stimmung und Atmosphäre zu schaffen – das hat genauso seine Berechtigung.« Und sollte diese Tätigkeit einmal nicht so stimmig sein, »dann haben wir auch bestimmte Lieder, um die Leute beim Essen zu stören«, merkt Max Petrischek von der Bradlstreich augenzwinkernd an.
Schrammeln, raundln, einibraten
So flächendeckend der Begriff Bradln in der Steiermark also verstanden wird, so gibt es noch ein paar weitere Spezialbegriffe, die ich als erwähnenswert erachte. Im Rahmen einer Feldforschung in der Eisenerzer Gegend fiel mir vor einigen Jahren etwa auf, dass die befragten (großteils älteren) Menschen von Musikanten erzählten, die da und dort geschrammelt haben, auch ang’schrammelt, oder dahingeschrammelt. Die Wortverwendung erfolgte also bedeutungsgleich zum hier schon vielzitierten Bradln, bisweilen aber auch abwertend, also auf eine nicht ganz so hohe Qualität hinweisend. Die Wortherkunft getraue ich mich ohne tiefgreifende Recherche auf die Tradition der Wiener Schrammelmusik zurückzuführen (benannt nach den Gebrüdern Schrammel). Dies ist auch deshalb nicht ganz abwegig, weil Eisenerz zu Zeiten seiner wirtschaftlichen Hochblüte ein attraktiver Ort für Musikanten war: »Sogar auswärtige Gruppen kamen nach Eisenerz, um mit ihrer Musik ein bisschen Geld zu verdienen, beispielsweise Wiener Schrammelquartette. Deren Spielweise passte aber anscheinend nicht besonders gut in unsere gebirgige Gegend, sodass diese qualitativ durchaus sehr guten Darbietungen nur wenig honoriert wurden.«4
Um noch einen – meiner Erfahrung nach ausschließlich abwertend gebrauchten – Begriff zu nennen: Raundln (dahinraundln, daherraundln …) bezeichnet ein leierndes, qualitativ minderes Dahinmusizieren. Die Wortherkunft wage ich in diesem Fall nicht zu deuten.
Der Vollständigkeit halber sei noch darauf hingewiesen, dass der Braten auch für ein anderes typisch österreichisches Verb aus dem zwischenmenschlichen Bereich herhalten muss: das Einibraten. Gemeint ist die oft einseitige offensive Beziehungsanbahnung – und für die in dieser Tätigkeit sich besonders hervortuenden Individuen wird gelegentlich verbal die (nicht sehr ehrenvoll gemeinte) goldene Bratpfanne verliehen. Wäre das vielleicht eine Idee, um künftig besonders verdiente Musikanten und Musikantinnen zu ehren – die goldene Bradlrein?
Wer sich im Bradln, also dem spontanen Musizieren nach Gehör und Herz, weiter vertiefen möchte, dem sei der Admonter Bradlkurs des Steirischen Volksliedwerks ans Herz gelegt, der von 18. bis 19. April 2026 stattfindet (Einibraten wird nicht unterrichtet).
Aufmacher:
Anmerkungen:
- Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt für alle Stände, Ausgabe 12. Februar 1842 (= Nr.25/34. Jg.), S. 102.
- https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_B/Bratlgeiger.xml, Stand vom 14.6. 2023.
- [Mutmaßlicher Verfasser:] Wolfgang Caspar Printz oder Johann Kunau: Der reisende Musicant. Eine anmutige Geschichte, Stockholm 1763, S. 137.
- Christian Hartl, Die Universität der Volksmusik … in: Steirisches Volksliedwerk (Hg.) Der Vierzeiler 2/2019, S. 3.
Daniel Fuchsberger (*1979) ist forschender, komponierender und bradl-erfahrener Musikant und Mitarbeiter im Steirischen Volksliedwerk. Außerdem nimmt er einen Lehrauftrag zum Thema Jodeln am Institut für Ethnomusikologie der Kunstuniversität Graz war. Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit dem Steirischen Volksliedwerk.







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