Die Tarantella – der Tarantel-​Tanz

Ein Ausflug in die italienische Volksmusik

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6. Juni 2023

Lesezeit: 4 Minute(n)

Die Tarantella verbreitete sich als Volkstanz im 19. Jahrhundert europaweit als Markenzeichen für Süditalien und Sizilien schlechthin. Viele dieser Markenzeichen fanden auch jenseits der Musik ihren Eingang in die Alltagskultur. Kaum ein lauer Abend, an dem nicht in Betracht gezogen wird, Pizza und Pasta zu essen, kaum ein heißer Sommertag an dem die Kinder nicht nach ihrem heiß geliebten gelato verlangen. Die Sehnsucht nach dem unbeschwerten dolce vita, dessen wahre Bedeutung man vermutlich nur ergründen kann, wenn man selbst einige Jahre in Italien gelebt hat, ist nicht nur in Zeiten eingeschränkter Reisemöglichkeiten präsent. Aber auch in der Mehrzahl von Musikbegriffen, sogenannter Vortragsbezeichnungen, für Geschwindigkeit, Lautstärke, Ausdruck und Spieltechnik zeigt sich der prägende Einfluss des Italiens des 17. Jahrhunderts. Eine wörtliche Übersetzung von »tarantella« bedeutet so viel wie »kleine Tarantel« und ist in ihrem Wortstamm ursprünglich auf die süditalienische Stadt Tarent zurückzuführen. Die Theorie, dass allein Tanz und Musik der Tarantella in der Lage waren, das Gift der Tarantel aus dem menschlichen Körper zu vertreiben, war fest im Glauben des 17. Jahrhunderts verwurzelt.
Text: Armin Weinfurter Illustration: Rupert Hörbst

Tanzmusik als Heilmittel

Zahlreiche Geschichten und Mythen ranken sich um den ausgelassenen Spinnentanz. Wurde das Opfer einmal gebissen, bedeutete dies einigen Quellen zufolge oft eine lebenslange Verbindung zur Spinne. Einmal gebissen, konnte angeblich nur das Singen und Tanzen der Tarantella Linderung und Heilung verschaffen. Aus diesem Grund wurden im 17. Jahrhundert »therapeutische Musikanten« öffentlich besoldet. Sie sollten Charakter und Verhaltensweisen von Spinnen erforschen, welche dann in der jeweiligen Musizierweise der heilkräftigen Tarantella ihren Niederschlag finden sollten. Selbstverständlich konnte die Tarantella nur dann ihre heilende Wirkung entfalten, wenn sie dem Charakter der Spinne entsprechend gespielt und getanzt wurde.

Aus dem Kalabrien des späten 16. Jahrhunderts stammt das Stück Cicerenella (sprich Tschitscherenella) und gilt als »klassisches« Beispiel für eine schnelle und ausgelassene sizilianische Tarantella. Das Tanzlied beschreibt im Original die zahlreichen Erlebnisse und Abendteuer eines Mädchens, Kosename Cicerenella (wörtlich übersetzt von ital. Piccolo cece, kleine Kichererbse). Dem ursprünglichen Text zu Folge kann man sich Cicerenella als eine Art Party-​Girl des 16. Jahrhunderts vorstellen. Sie isst, trinkt, tanzt und feiert auf vielfältigste Art und Weise.

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