»Bratwurst-Vegetarierin«

Der unwiderstehliche Geschmack einer fränkischen Kindheit

17. Januar 2026

Lesezeit: 2 Minute(n)

Text: Steffi Zachmeier Foto: pixabay

In einem langen Musikantinnen-Leben gibt es viele schöne, weniger schöne, unvergessene und unvergessliche Erlebnisse. Was zu fast allen Auftritten gehört, ist die Verpflegung. Obwohl sie eine große Rolle fürs musikantische Wohlbefinden spielt, und Bestandteil jedes Vertrags ist, wird sie merkwürdigerweise kaum thematisiert. Ich kenne jedenfalls keine ethnomusikologische Untersuchung übers Essen bei Auftritten. Und das, obwohl in seitenlangen sogenannten Ridern selbst skurrile Backstage-Wünsche Einzug in offizielle Vereinbarungen der Stars finden – von Überraschungseiern über exotische Mineralwasser bis hin zu eigens angerührten Brot-Aufstrichen. Ein Freund, der das Booking für ein großes Festival betreute, machte diese Erfahrung sehr direkt.

Fleischlos hat man’s schwer

Ich selbst war schon froh, wenn auf der Speisekarte überhaupt etwas anderes als Bratwurstweckle standen. Seit ich als junge Erwachsene einen verstörenden Film über Tierhaltung und Tiertransporte gesehen hatte, aß ich jahrelang kein Fleisch. Zusammen mit zwei ähnlich gesinnten Kolleginnen vertilgten wir über die Zeit beachtliche Mengen von Pommes und peppten unzählige trockene Brötchen auf mit Senf aus kleinen Plastiktütchen. Ein Fortschritt bereits, wenn ein Gasthaus überbackene Gemüsetaler aus der Tiefkühltruhe anbot. Großartig die Auftrittsgelegenheiten, bei denen es Salatteller oder Knödel mit Pilzsoße gab.

Vegetarisch – fränkisch definiert!

Eines Tages – wieder einmal bei einem Gemeinde-Sommerfest, wo es ausschließlich Bratwurst vom Grill mit Brötchen gab – hatte ich die Faxen dicke. Als mein Bassist versicherte: »Wenn überhabbts, dann heut! Die Bratwürscht sin subbä!«, schlug ich zu. Nach zwanzig wurstlosen Jahren war der Effekt umwerfend: Mittelfränkische grobe Bratwürste werden reichlich mit Majoran gewürzt, dieser wiedererfahrene Geschmack begleitete mich noch zwei Tage lang. Er erinnerte mich auch an die Heimkehr aus den Sommerferien im Kinderheim: Als offenbar damals schon geschmacklich geprägte Fränkin hatte ich mir zum ersten Mittagessen daheim von meiner Mutter Bratwürste gewünscht.

Heute stehe ich zu meinem ungewöhnlichen Ernährungsstil und bezeichne mich ganz offen als Bratwurst-Vegetarierin. In Franken verstehen die meisten auf Anhieb, dass dieses Nahrungsmittel auch auf einem ansonsten pflanzlich geprägten Speiseplan einfach nicht fehlen darf.

www.zachmeier.de

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