»Denn die Freiheit ist das Paradies.«

Freiheitslieder aus München, Bayern und Österreich

19. Januar 2026

Lesezeit: 9 Minute(n)

BOben: Colorierte Nachzeichnung des Kupferstichs Das Rebelische bayrn Parlament zu Brauna aus dem Jahre 1705.

Darunter: Überbleibsel der Bauern­aufstände: die Gotzinger Trommel.

Text: Ulrike Zöller Fotos: Andreas Orttenburger, Uli Neumann-​Cosel, Heimatmuseum Miesbach, Bundesarchiv, privat

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um auf Freiheitslieder aus München, Bayern und Österreich aufmerksam zu machen? Eigentlich immer, aber es gibt natürlich aktuelle Anlässe: Der erste Anlass, aus dem das Kulturreferat München ein Programm mit Freiheitsliedern in Auftrag gegeben hat, war der 300. Jahrestag der Sendlinger Mordweihnacht im Jahr 2005. Aufgeführt und vom Bayerischen Rundfunk aufgezeichnet wurde es Anfang 2006. Die Aufnahme des Programms, die als CD veröffentlicht wurde, kam durch die Mitwirkung verschiedener traditioneller Volksmusikanten zustande. Unter dem Titel Man hört erzählen sangen die Ruaßkuchlmusi, der Schaupen-Trojer Gsang und Rose Bihler-Shah Lieder über die Sendlinger Mordweihnacht, über die napoleonische Zeit, über den Bruderkrieg 1866 oder die Angst der Bayern, 1870 ihre Unabhängigkeit als Königreich zu verlieren. Die feierliche, verspielte oder nachdenkliche Musik trugen das Blechbläserensemble Konrad Sepp und das Gröbenbach-Trio bei.

Neuaufnahme eines alten Themas

Eine Renaissance erfuhr das Thema Freiheitslieder nach fast 20 Jahren. Alfons Niederhofer aus dem niederbayerischen Ortenburg, der Vorsitzende des Förderkreises Bereich Schloss Ortenburg, fragte an, ob das Programm denn auch in der dortigen Schlosskapelle aufzuführen sei: Mit seinen Wunschgruppen, der örtlichen Hoabergmusi, dem Trio Zeidlang und Anna Veit – teilweise kannte er sie schon aus seiner Lehrerzeit am Gymnasium – wünschte er sich eine Wiederaufnahme dieses Themas, mit Bezug auf die Bauernkriege, Bauernaufstände und die Religionsfreiheit: Prägende Themen für die Gegend um Niederbayern und das angrenzende Oberösterreich. Ortenburg war im 17. Jahrhundert ein Asylort für protestantische Glaubensflüchtlinge.

Hoabergmusi

Mit großem Engagement und Professionalität machten sich die Musiker und Sängerinnen aus verschiedenen Genres daran, die von mir vorgeschlagenen Lieder über Religionsfreiheit, persönliche und politische Freiheit beider Geschlechter, neu oder traditionell zu interpretieren: Maria und Matthias Deger und Anna Gruchmann von Zeidlang kommen aus der Alten Musik und der Volksmusik, Brigitte und Andreas Orttenburger haben ihre Wurzeln in der Volksmusik, sind aber auch anderweitig musikalisch aktiv; genauso wie ihre Kollegen der Hoabergmusi, Matthias Eichlseder und Gunther Wührer. Auch Anna Veit hat Wurzeln auf dem Tanzboden und im Konzertsaal, ist inzwischen unter anderem renommierte Chansonsängerin.

Nun darf ich, Ulrike Zöller, mich in aller Bescheidenheit noch selbst vorstellen: Nach meinem Studium in Volkskunde und Bayerischer Geschichte war es mir als Journalistin beim Bayerischen Rundfunk und als Leiterin von Veranstaltungen immer wichtig, Lieder über Geschichtsereignisse, aber auch persönliche Empfindungen, über Ungerechtigkeiten oder deren Überwindung zu thematisieren. Lieder sind eine Funktion von Geschichte, Gemeinschaften ohne epische, historische politische Gesänge (und seien es nur Spottlieder) sind mir aus keinem Winkel der Welt bekannt. Meine Art, mich um Politik, Menschlichkeit, Frieden und Freiheit zu kümmern, ist, diese Werte musikalisch zu vermitteln.

Ulrike Zöller

Völlig unpolitische Musik gibt es nicht. Denn vor allem die unschuldigsten Lieder, Märsche oder Landler können jederzeit politisch instrumentalisiert werden; andererseits – und das zeigt unser Münchner Programm Denn die Freiheit ist das Paradies – gibt scheinbar harmlose Musik die Möglichkeit, sich zu positionieren und sich dadurch ein kleines bissl Gedankenfreiheit herauszunehmen. Ein Beispiel aus dem KZ Dachau: Häftlinge stimmten immer wieder den Hochzeitsmarsch von Felix Mendelssohn an, dessen Musik, da er einer jüdisch-stämmigen Familie angehörte, verboten war. Das ignorante Aufsichtspersonal kannte natürlich den berühmten Marsch, nicht aber seinen Urheber. Ein anderes Beispiel aus dieser Zeit: Paul Kiem aus München, der Kiem Pauli, hatte neben all den traditionellen Landlern und Menuetten mit seinen Tegernseer Musikanten das aus dieser Auswahl herausstechende Andantino des verbotenen jüdischen Komponisten Fritz Kreisler im Repertoire.

Veranstaltungstipp

Denn die Freiheit ist das Paradies. Freiheitslieder aus München, Bayern und Österreich wird am 21. Februar 2026 in München im Gasteig HP8, Saal X, Hans-Preißinger-Straße 8 aufgeführt und vom Bayerischen Rundfunk aufgezeichnet. Karten dazu gibt es bei München Ticket. Beginn ist um 20.00 Uhr.

Darüber hinaus bietet Liberalitas das Programm auch für andere Orte in Bayern und Österreich an, wobei die jeweils örtliche Geschichte individuell mit einbezogen wird. Bei Interesse gerne direkt mit Ulrike Zöller (ulrikemaria.zoeller@gmail.com) in Kontakt treten.

www.hoabergmusi.de
www.annaveit.de
www.zeidlang.com

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Zeidlang

»Über Freiheit kann man nicht oft genug singen

Ein Freiheitsprogramm zur Kommunalwahl

Wann also ist der richtige Zeitpunkt, um auf Freiheitslieder aus München, Bayern und Österreich aufmerksam zu machen? Eigentlich immer: Über Freiheit kann man nicht oft genug singen. Vielleicht ist gerade die Zeit vor den Kommunalwahlen eine gute Zeit? Die jüdische Deutsch-Amerikanerin Hannah Arendt kommt mir in den Sinn, mit ihrem Ausspruch »Der Sinn von Politik ist Freiheit.« Pünktlich zu ihrem 120. Geburtstag und zwei Wochen vor den Kommunalwahlen in Bayern bekamen wir, die Hoabergmusi, Zeidlang, Anna Veit und ich, die wir uns nun Ensemble Liberalitas nennen, eine große Chance: Das Kulturreferat der Stadt München ermöglichte uns durch eine Projektförderung, ein eigenes Freiheitsprogramm für München zu entwerfen.

Interessant waren für uns dabei die Erkenntnisse, wie viel an Volksmusiktradition, verbunden mit bayerischer und österreichischer Geschichte, von der Landeshauptstadt ausgeht. Traditionelle Musik über die Freiheit in der Landeshauptstadt: Das bedeutet etwa Lieder über die Sendlinger Mordweihnacht. Oder über Napoleon, der Bayern das Königreich gegeben und die Freiheit genommen hat. Ein sehr gefühlvolles Lied beschreibt König Max I., wie er beim Anblick der wenigen Heimkehrer aus dem Russlandfeldzug in Tränen ausbricht. Freiheit in München: Das bedeutet die Auseinandersetzung mit Religionsfreiheit bei Hofe – vor allem unter Königin Karoline, der leidgeprüften Gattin König Ludwig I. Für den wiederum war die wiedergewonnene Freiheit nach der napoleonischen Zeit und parallel die Befreiung Griechenlands von der türkischen Unterdrückung ein Lebensthema. Der Tatsache, dass er seinen Sohn als König Otto von Griechenland und mit ihm einen Hofstaat und Soldaten nach Griechenland schickte, verdanken wir wohl das Lied Das Schifflein schwingt sie dane vom Land.

Prof. Kurt Huber (1893–1943)

Volksmusik und Freiheit in München: Da hören wir nicht nur den Gesang vom Münchner Soldatengefängnis (launig vorgetragen von Gunther Wührer), sondern auch das Lied, das Professor Kurt Huber, Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose und Volksliedforscher, in München Stadelheim kurz vor seiner Ermordung durch die Nationalsozialisten zu Papier gebracht hatte: Er dichtete das bekannte Andreas Hofers Abschied vom Leben mit dem Textanfang: »Ach Himmel, es ist verspielt« für sich um und ermutigte seine Volksliedfreunde, die alten Jodler quasi in seinem Andenken weiter zu singen:

Ihr habt des Volkes Sang ins Volk zurück gesungen
und Euer Jodler Klang ist mir ins Herz gedrungen.
Ihr habt mit Herz und Hand für Euer Land gestritten,
ich hab’ für unser Land den ­bittern Tod gelitten.
Lasst vom Boareibl weit den alten Jodler hallen,
in Bergeseinsamkeit den ich geliebt vor allen.
Galnt Ihr dann eins hinauf in blaue Himmelsfernen,
es wird Euch Antwort drauf dort von den fernen Sternen!
Musikalische Freiheiten

Matthias Deger, als musikalischer Leiter, hat sich gerade zu den Themen, die die Unfreiheiten im Dritten Reich ansprechen, besondere Gedanken gemacht: So löst er das Lied Ach Himmel, es ist verspielt von seiner gewohnten Dreistimmigkeit und lässt Anna Veit die Melodie frei interpretieren – lediglich begleitet von Anna Gruchmann, die in ihrem anderen Leben als Kontrabassistin bei den Wiener Philharmonikern arbeitet. Dagegen hat er für das ursprünglich als Marsch vertonte Dachaulied von Jura Soyfer eine harmonisch eng geführte neue dreistimmige Melodie geschaffen, die, a cappella von Zeidlang gesungen, beim Zuhören den Atem stocken lässt. Ähnlich wie bei seiner Vokalkomposition Friede, die lediglich die Zeile Friede auf Erden beinhaltet, aber Ohr und Herz tief berührt, anders kann man es nicht sagen.

Mit einem eigenen Instrumentalwerk Freiheit, bildet Matthias Deger auch eine musikalische Klammer vom Anfang zum Ende, von Mittelalter bis Gegenwart, von nachdenklichen bis zu heiteren Themen. Als musikalischer Leiter verbindet er das 90-minütige Programm dermaßen geschickt, dass die unterschiedlichen Klänge aus fünf Jahrhunderten wie eine in sich geschlossene Komposition erscheinen. Sensibel vereint er mittelalterliche Balladen mit Landlern, Chansons mit Gstanzln, Zwiefache und 5/8-Tänze mit anklagenden oder herzhaften Gsangln.

»Völlig unpolitische Musik gibt es nicht.«

Freilich Zwischentöne und Couplets

Wie fügt sich eine Volksmusikgruppe mit Klarinette, Akkordeon, Harfe und Kontrabass in ein solches Gefüge von teils schweren Inhalten, alter und neu komponierter Musik ein? Es ist ihre Offenheit, natürlich auch musikalisches Können, das es Brigitte und Andreas Orttenburger, Gunther Wührer und Matthias Eichlseder ermöglicht, als Hoabergmusi ein wichtiger Teil dieses Programms zu sein. »Es ist schon erstaunlich, was ich durch dieses Programm alles kennenlerne«, hat Matthias nach einer der Proben kommentiert. Tatsächlich lotet schon die Probenarbeit wohl bei allen Mitwirkenden Grenzen aus: Stilistische, musikalische und inhaltliche Grenzen, die man ansonsten vielleicht nicht überschritten hätte.

Dass Brigitte, Andreas, Matthias und Gunther wahre Spuiratzn sind und gern alles ausprobieren, macht die Proben zu einem Vergnügen. Und wenn die Hoabergmusi den Zwiefachen Der Lutherische spielt oder Gunther in Freinderl kennst Du das Haus (dessen Schlusszeile »Denn nur die Freiheit ist das Paradies« dem Programm den Namen gegeben hat) rhythmisch mit dem Gefängnisschlüssel klappert, dann weiß das Publikum: Auch in einem Programm mit ernsten Themen ist lautes und befreiendes Lachen erlaubt.

Probenarbeit

Nowak, Kreisler und die Münchner Freiheiten

Einen Star wie Anna Veit im Ensemble zu haben, ist natürlich eine besondere Ehre. Wer sonst hätte diesen Spagat geschafft, das Publikum zu bannen, zum Swingen, schmunzeln, erstarren zu bringen. Mit Gstanzln und Chansons, mit Gänsehaut-Interpretationen neuer Lieder und Chansons oder einem afrikanischen Jodler. Anna, die Wahlmünchnerin, bringt mit ihren teils frechen Songs über urbane Themen eine ganz besondere Note ins Programm: Frivol ist das Lied vom Nowak (»Der Nowak lässt uns nicht verkommen«). Wie so viele Couplets aus Wien importiert, wurde es zum musikalischen Markenzeichen der Schwabinger Gisela, der singenden Wirtin, die sich in ihrem Lokal Schwabinger Laterne in der Occamstraße 8 (später Vereinsheim) die Freiheit nahm, in der moralingrauen Adenauerzeit über Lust, Liebe und Politik zu singen. Der Nowak wurde ständig tagesaktuell textlich abgeändert. Anna Veit setzt der Schwabinger Gisela mit ihrer Version des Nowak ein Denkmal.

Anna Veit
Schallplatten-Cover der Schwabinger Gisela (bürgerlich: Gisela Jonas-Dialer, 1929–2014)

Gegen Ende des Programms erinnert Anna daran, dass München auch die neue Heimat derjenigen ist, die in ihrem eigenen Land nicht in Freiheit leben können. Was verbindet Zentral- oder Ostafrikaner und Münchner miteinander? Die gemeinsame Tradition des Jodelns! In ihrer Arbeit mit Geflüchteten für das Festival LAUTyodeln 2024 in München kam Anna in Berührung mit diesem vertrauten und doch fremden Klang.

Freiheit oder Freiheitle?

Liberalitas nennt sich unser neunköpfiges Ensemble. Wörtlich übersetzt aus dem Lateinischen: Freigebigkeit. Auch wenn das vielzitierte Liberalitas Bavarica oder auch Liberalitas Bavariae immer mit dem bayerischen Motto Leben und leben lassen interpretiert wird: ­Liberalitas in seinem eigentlichen Sinn ist nichts Passives. Laut Wikipedia ist es »die Personifikation der Großzügigkeit und Wohltätigkeit und ihrer Bereitwilligkeit, zu geben, ohne dazu verpflichtet zu sein.«

Hinter diesem musikalischen Ensemble stehen ein Angebot und eine Weltanschauung: Offen auf die anderen zuzugehen, aber auch wahrzunehmen, wo die Freiheit beschädigt oder zerstört wird. Und da geht es nicht nur um große Politik, sondern manchmal auch um ganz Persönliches: Um das Freiheitle etwa, dem ich einmal, in einer anstrengenden Lebensphase auf einer Wanderung durch Vorarl­berg und durchs Allgäu begegnet bin: Ein kleiner imaginärer Wichtel, der mit mir Brotzeit machte, meine Radieserl und Tomaten mit mir teilte, und mir den Satz mit auf den Weg gab: »Nur wer sich mit dem kleinen Freiheitle anfreundet, wird die große Freiheit kennenlernen!«

Freiheit 1921: Dame in Männerkleidung
»Freiheit« schrieb Sophie Scholl (Weiße Rose) auf die Rückseite ihrer Anklageschrift

Freiheit wird wohl jeder für sich definieren und seinen eigenen Klang dazu bilden. Bei mir privat ist es die klangliche Freiheit, beim Wandern, beim Besuch einer Kapelle oder unter Freunden freiweg einen Jodler anzustimmen, einen bayerischen oder einen afrikanischen Jodler. Das Ensemble Liberalitas lebt seine Freiheit mit der Überschreitung von musikalischen und gedanklichen Grenzen aus: Lustvoll, nachdenklich, harmonisch. Schon bei den Proben zu Denn die Freiheit ist das Paradies haben wir gespürt, dass hier auch für uns etwas Besonderes entsteht. Etwas für uns und das Publikum sehr Befreiendes.

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Aufmacher:
Colorierte Nachzeichnung des Kupferstichs Das Rebelische bayrn Parlament zu Brauna aus dem Jahre 1705.

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