Die Klassenzimmer zum Klingen bringen

Singen, Tanzen, Musizieren appetitlich servieren lernen

17. Januar 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

Text: Thomas Bergmann Fotos: Thomas Bergmann, Matthias Ettinger

Freitag, 15 Uhr in Freyung. Während andernorts das Wochenende beginnt, packen in der Volksmusikakademie in Bayern Menschen ihre Instrumente aus: Steirische Harmonikas, Geigen, Gitarren, Klarinetten, Flöten und andere Instrumente, dazwischen neugierige Gesichter. Einige sind gestandene Profis, andere kommen aus der Jugendarbeit. Einige betreuen bereits regelmäßig Kinder, manche kommen aus ganz anderen Berufen. Was sie verbindet: Sie wollen Volksmusik in die schulische Ganztagsbetreuung bringen – und zwar so, dass sie nach modernem Vergnügen klingt, nicht nach Mottenkiste.

Ich bin einer von ihnen. Und ich war nach dem ersten Modul des neuen Zertifizierungsprogramms Volksmusik für Ganztagsbetreuung überrascht, wie wenig das mit dem Klischee von altbacken zu tun hat – und wie viel mit Haltung, Achtsamkeit und pädagogischer Professionalität.

Josef Eder
Carolin Pruy

»Spielerisch und unterhaltsam,
auch für Erwachsene.«

Ein neues Berufsfeld – und eine große Chance

Ab dem Schuljahr 2026/27 haben Grundschulkinder in Bayern Anspruch auf Ganztagsbetreuung. Was auf dem Papier nach Betreuung klingt, ist in der Praxis eine riesige kulturelle Chance: Nachmittage, die nicht nur mit Hausaufgaben, Aufsicht und Beschäftigung gefüllt werden, sondern mit Musik, Bewegung und gemeinschaftlichem Erleben.

Genau hier setzt das Zertifizierungsprogramm an, das die Abteilung Volksmusik des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege e.V. gemeinsam mit der Volksmusikakademie in Bayern in Freyung auf Basis einer Idee und eines Konzeptes von Roland Pongratz entwickelt hat. Das Ziel ist klar: Versierte Laien und Profis so zu qualifizieren, dass sie Volksmusik fachlich fundiert und pädagogisch reflektiert in der Ganztagsbetreuung vermitteln können – singen, tanzen, musizieren, mit Kindern und für Kinder.

Dabei geht es nicht darum, eine museale Tradition zu konservieren. Es geht darum, Volksmusik als lebendige Praxis zu begreifen: als etwas, das in die Lebenswelt von Grundschulkindern passt, das inklusiv ist, divers, offen für verschiedene kulturelle Hintergründe – und trotzdem klar im bayerischen Kulturraum verankert.

Basismodul I: Zwischen Selbsterfahrung und Gruppendynamik

Das erste von drei Basismodulen beginnt. Schon in diesen ersten Minuten nach einer erstaunlichen Vorstellungsrunde wird deutlich, wie das Programm funktioniert: Es geht nicht um Einzelleistungen, sondern um Gruppenprozesse, um das gemeinsame Tun. Singen, Tanzen und Musizieren werden nicht isoliert behandelt, sondern permanent miteinander verbunden.

Der Bereich Tanz beginnt mit einfachen Bewegungen, die wir frei in den Raum gestalten dürfen. Referent

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fokussiert auf verborgene Kreativ-Potentiale von Menschen und die individuellen und gruppendynamischen Ressourcen. Die Selbsterfahrungsübungen sind für mich anfangs gewöhnungsbedürftig, überzeugen dann aber durch die geschaffene Präsenz und die Schönheit des Moments. Dabei wirkt nichts verstaubt oder belehrend. Stattdessen wird klar: Bewegung ist in der heutigen Zeit nicht nice to have, sondern eine der wichtigsten Ressourcen – gerade für Kinder, die ihren Alltag oft im Sitzen verbringen. Eder zeigt, wie Tanz angeleitet werden kann, ohne zu überfordern, und wie man moderne Bewegungsbedürfnisse mit traditionellen Inhalten verschränkt.

Wir lernen Kriterien an Liedern kennen, damit die Inhalte in der Praxis mit Kindern sofort einsetzbar sind: Kürze, eingängige Melodien, einfache Tonumfänge, Texte, die man nicht erst übersetzen muss, oder die eben gerade einen Kontext brauchen. Parallel dazu werden Methoden vermittelt: Wie führe ich ein neues Lied ein? Wie schaffe ich eine Atmosphäre, die alle mitnimmt. Beim Singen und Musizieren mit Simone Lautenschlager geht es zunächst gar nicht um einen bestimmten, festgelegten Inhalt, sondern um den pädagogischen Kontext: Orff-Instrumente, einfache Begleitmuster, kleine Arrangements. Viele von uns haben eigene Instrumente dabei – aber das Ziel ist nicht, sie glänzen zu lassen, sondern zu lernen, wie Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen zusammen musizieren können. Dazu gehört auch: Einfache Begleitungen oder Klatschen so aufzubereiten, dass sie mit einer heterogenen Gruppe gut anwendbar sind. Spielerisch und unterhaltsam, auch für Erwachsene. Quellen für Lieder, Anregungen und Ideen.

Und weil nicht alle Teilnehmenden musiktheoretisch gleich sattelfest sind, steht auch Musiktheorie auf dem Programm: Noten- und Pausenwerte, Violinschlüssel, Stufen, musikalische Fachbegriffe – kompakt, praxisnah, ohne akademischen Dünkel. Es entsteht eine solide Grundlage oder eine kompakte Auffrischung, je nachdem, wieviel Vorkenntnisse man bereits mitgebracht hat.

Moderne Didaktik statt verklärter Folklore

Was mich im ersten Modul am meisten beeindruckt hat, ist die Haltung, mit der unterrichtet wird. Die Referenten wollen uns nicht in ein starres Konzept pressen. Stattdessen wird ein Raum geöffnet, in dem wir unsere eigenen Stärken entdecken und weiterentwickeln können – musikalisch wie pädagogisch.

Simone Lautenschlager und Josef Eder spielen dabei eine Schlüsselrolle. Ihre Persönlichkeit – klar, zugewandt, humorvoll – macht Lernen beinahe zum Nebenprodukt. Plötzlich ist der Unterricht kein trockenes Thema mehr, sondern etwas, das sich leicht und selbstverständlich anfühlt. Man spürt, dass hier jemand arbeitet, der sowohl künstlerisch als auch pädagogisch auf sehr hohem Niveau unterwegs ist – und gleichzeitig eine Sprache findet, die alle mitnimmt.

Selbsterfahrung statt Auswendiglernen

Insgesamt entsteht im Seminar eine hochgradig achtsame und lehrreiche Umgebung. Es wird viel gelacht, aber genauso konzentriert gearbeitet. Kritik wird wertschätzend formuliert, Feedback ist konkret und hilfreich. Für eine Fortbildung, die Menschen auf die Arbeit mit Kindern vorbereitet, ist das fast schon ein Qualitätskriterium an sich: Wer Achtsamkeit vermitteln will, muss sie selbst leben.

Ein konkretes Beispiel: Ein faszinierender Moment entstand, als die Teilnehmenden über Liedtexte diskutierten. Sollen überholte Rollenbilder weiterhin verbreitet werden? Darf man Texte einfach verändern? Wie kann ich politisch neutral bleiben? Darf ich als Lehrkraft religiöse Lieder außerhalb des Religionsunterrichts einsetzen – und wenn ja: Gilt das dann für alle Religionen? Die Diskussion wurde emotional, die Positionen hätten unterschiedlicher kaum sein können. Unsere Gruppe bestand überwiegend aus privilegierten, gebildeten Muttersprachlern mit mitteleuropäischem Weltbild. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – fiel es uns schwer, andere Perspektiven auszuhalten. Wir waren respektvoll, leicht war es nicht.

Das Seminar transportiert durch Selbsterfahrung: Die nächste Generation wächst mit deutlich vielfältigeren Einflüssen auf. Wenn wir uns im Unterricht als glaubwürdige Leitfiguren behaupten wollen, müssen wir uns bewegen. Wie werden wir selbst inklusiver?

»Dabei wirkt nichts
verstaubt oder belehrend.«

Weitsicht im Konzept: Von der Basis bis zur Inklusion

Das Zertifizierungsprogramm ist modular aufgebaut und bewusst langfristig angelegt. Nach den drei Basismodulen folgen Vertiefungsmodule – wahlweise zu Tanzen (T), Singen (S) oder Musizieren (M). Dort werden Inhalte aus dem Basismodul aufgegriffen und weitergeführt.

Ein eigener Baustein ist das Modul Integration und Inklusion. Schon jetzt wird deutlich: Hier soll nicht nur über Vielfalt gesprochen werden, sondern es werden konkrete Strategien entwickelt, wie Volksmusik in bunten, diversen Gruppen funktionieren kann. Wie gestalte ich ein Tanzangebot, an dem auch Kinder mit körperlichen Einschränkungen teilnehmen können? Wie kann ich mit Liedern unterschiedliche Sprachen einbeziehen, ohne den bayerischen Kern des Programms zu verlieren? Wie gehe ich mit Kindern um, die wenig oder keine Zugänge zu traditioneller Musik haben?

Wer das Zertifikat Volksmusik für Ganztagsbetreuung am Ende in den Händen hält, hat nicht nur ein paar schöne Lieder und Tänze gelernt, sondern ein professionelles Profil entwickelt: Seine individuellen musikalischen, pädagogischen und persönlichen Kompetenzen, die im Ganztagsbereich dringend gebraucht werden.

Volksmusik als Content

Natürlich könnte man fragen: Brauchen Grundschulkinder im Jahr 2026 wirklich Volksmusik? Ist das nicht ein Thema für Musikschulen und Trachtenvereine? Die Antwort, die dieses Programm gibt, ist eine andere. Volksmusik wird hier verstanden als niederschwellige, gemeinschaftsstiftende Kulturtechnik. Man braucht kein teures Instrument, kein spezielles Outfit, keinen bestimmten sozialen Hintergrund, um mitzusingen, mitzutanzen, mitzuspielen. Ein Kreis, ein paar Stimmen, ein klarer Rhythmus – mehr braucht es oft nicht.

Dass all das in einem bayerischen Klangraum stattfindet, ist kein Rückzug ins Gestern, sondern ein bewusstes Angebot: In einer Welt, in der vieles austauschbar und globalisiert ist, entstehen hier lokale, identitätsstiftende Erfahrungen, die trotzdem offen bleiben für andere kulturelle Einflüsse.

Ein Programm für alle, die ihre Passion weitergeben

Nach dem ersten Modul stehe ich mit einem Stapel neuer Erfahrungen, einem Kopf voller Ideen und einem guten Gefühl im Bauch vor der Volksmusikakademie in Bayern. Ja, es war intensiv. Ja, wir haben gearbeitet, getanzt, gesungen, gelacht, nachgedacht. Aber vor allem ist klar geworden: Dieses Zertifizierungsprogramm ist keine nostalgische Liebhaberei, sondern eine investive Antwort auf die Herausforderungen der Ganztagsschule.

Für Schulen bedeutet es die Chance, Ganztagsangebote zu schaffen, die Kinder wirklich erreichen – körperlich, emotional, sozial. Und für die bayerische Volksmusik bedeutet es: Sie bleibt nicht im Archiv, sondern lebt weiter – in Turnhallen, Klassenzimmern und Aula-Böden, in klatschenden Händen, tanzenden Füßen und singenden Kinderstimmen.

Wir wollen unsere Passion für Musik an die nächste Generation weitergeben. Wer also Lust hat, die Nachmittage von morgen mitzugestalten, findet hier mehr als nur eine Fortbildung. Man findet einen Weg, Kinder mit Musik zu berühren – und ganz nebenbei sich selbst noch einmal neu als Musiker.

Zertifizierungskurs 2026/27

  • 16.–18. Oktober 2026: Basismodul I
  • 13.–15. November 2026: Basismodul II
  • 22.–24. Januar 2027: Basismodul III
  • 19.–21. Februar 2027: Vertiefungsmodul Singen / Musizieren
  • 5.–7. März 2027: Vertiefungsmodul Singen / Musizieren
  • 19.–21. März 2027: Vertiefungsmodul Tanzen
  • 9.–11. April 2027: Vertiefungsmodul Inklusion und Integration
  • 23.–25. April 2027: Abschlusswochenende mit Modul zu Prävention und Prüfung
www.volksmusikakademie.de
www.heimat-bayern.de/volksmusik/zertifizierung/

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