Hutmacherkunst neu gedacht

Ein Gespräch mit dem innovativen Huadmo aus Solalinden

2. Mai 2024

Lesezeit: 8 Minute(n)

In Solalinden bei München hat Thomas, auch bekannt als Huadmo, die traditionelle Hutmacherei zu seinem Beruf gemacht. Ursprünglich aus der Informatik kommend, mit Erfahrungen bei großen Tech-Unternehmen, widmet er sich seit 2019 voll der Kunst der Hutmacherei.
Thomas kombiniert altbairische Traditionen mit modernen Technologien wie KI und 3D-Druck, um individuelle Hüte höchster Qualität herzustellen. In einem Gespräch mit ihm erfährt Andrea Iven, wie er zum Hutmacher wurde, was seine Hüte auszeichnet und wie er Innovation in ein traditionelles Handwerk integriert.
Interview und Fotos: Andrea Iven

Andrea Iven: Lieber Thomas, Du bist als Huadmo bekannt. Bist du der erste in deiner Familie, der diesen Weg eingeschlagen hat, oder folgst du einer Familientradition?

Huadmo: In der Tat, ich bin der erste in meiner Familie, der sich der Hutmacherei widmet und habe diese Leidenschaft 2019 zu meinem Hauptberuf gemacht.

Eine faszinierende Berufswahl. Wie wird man eigentlich Hutmacher? Gibt es eine spezifische Ausbildung dafür?

Bei uns ist der Berufszugang zum Hutmacher seit Jahrzehnten nicht mehr durch eine spezielle Ausbildung geregelt. In Österreich besteht diese Möglichkeit noch. Mein Werdegang ist allerdings ein anderer; ursprünglich komme ich aus der Informatik, mit internationalen Aufgaben bei Tech-Unternehmen wie IBM und SAP. Die Hutmacherei begann als privates Interesse und entwickelte sich ziemlich schnell zu meiner Passion. Das Handwerk habe ich von einem erfahrenen Hutmacher erlernt, der bereits in der vierten Generation tätig ist. Seine traditionellen Methoden faszinierten mich und ich habe mich immer weiter in die Thematik vertieft. Am Anfang habe ich keinerlei Werbung gemacht und trotzdem kamen immer mehr Anfragen für Hüte. Mittlerweile pflege ich zwei Technologiepartnerschaften mit Hutmachern aus vollig anderen Kulturkreisen und entwickle meine Techniken immer noch durch eigene Versuche weiter.

»Mim Huad in der Hand kummst durchs ganze Land.«

Du hast dich auf altbairische Hüte spezialisiert. Was führte zu dieser Spezialisierung und was macht diese Hüte so besonders?

Die altbairischen Hüte sind tief in der Tradition Bayerns verwurzelt. Mir war von Anfang an klar, dass ich nur Material höchster Qualität anbieten möchte. Dieses ist nicht nur teuer und rar, sondern auch in seiner Beschaffenheit einzigartig.

Die Formen meiner Hüte, die ovalen Garnituren oder die Innenausstattung sind mittlerweile zu meinem Markenzeichen geworden und repräsentieren eine gelungene Symbiose aus Tradition und Gegenwart.

In deinen Hüten steckt der Gras-Ober. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Die Geschichte vom Brandner Kaspar hat mich mein Leben lang begleitet. Der Gras-Ober im Hut ist eine Hommage an diese tiefe Verbindung. Im Notfall bringt er nochmal 18 Jahre. Und wenns drauf ankommt, hat man ihn gleich zur Hand

»Der Brandner Kasper von Franz von Kobell.

Der Brandner Kaspar lebt einigermaßen rechtschaffend in Bayern. Als der Boandlkramer (Tod) kommt, um ihn zu holen, macht er ihn mit Kerschgeist betrunken und schwindelt ihm beim Kartenspiel mit dem Gras-​Ober 18 weitere Lebensjahre ab. Die Sache wird jedoch im Himmel beim Portner Petrus bekannt. Der duldet keine Abweichungen im göttlichen Schicksalsablauf. Da bleibt dem Boandlkramer nur eine Chance: den Brandner die Freuden der paradiesischen Ewigkeit auf Probe vorkosten zu lassen. Das ewige Drama um Leben und Tod wird in Bayern oft humorvoll gesehen. Weil es ein Einzelner vermag, die Allmacht des Todes und die himmlischen Schicksalsmächte mit seiner Schlitzohrigkeit zu überlisten.«

Zu welchen Anlässen trägt man deine Hüte?

Meine Kunden sind aus der bayerischen Musikantenszene, Burschen- und Deandl-Vereinen, Trachtler, Bulldogfahrer und bayerische Leut. Besonders junge Leute unter 30 schätzen die Hüte für ihren alltäglichen Gebrauch, weil eine Baseballkappe nicht zu ihrer bayerischen Lebensart passen würde. Aber auch zu besonderen Anlässen, wie Hochzeiten und dem Bayrisch Fortgehen, finden sie Anklang.

Neben deiner Arbeit als Hutmacher bist du auch in der Volksmusik aktiv?

Ja, die Musik ist ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens. Ich bin seit 17 Jahren Gitarrist bei der Zua­weziaga Wirtshausmusi und spiele zudem Steirische Harmonika sowie Basstrompete.

Hast du einen Lieblingshut?

Einer meiner Favoriten ist ein Modell mit einem besonders hohen Sechser. Ein anderer ist der Böhmische Schwirza, eine Form, die sich durch ihre ausdrucksstarke und etwas zerdrückte Gestalt auszeichnet. Ich hab ihn auf alten Fotos entdeckt und wieder auferstehen lassen.

Huadmos Lieblingshüte

Deine Hüte sind handgemacht, dennoch setzt du auf moderne Technologien wie KI und 3D-Druck. Wie sieht das in der Praxis aus?

Der Einsatz von Technologie erlaubt es mir, individuelle Hutmodelle zu kreieren, die perfekt auf die Kopfform meiner Kunden abgestimmt sind. Vom digitalen Entwurf bis hin zur handgeformten Endfertigung – jede Phase des Herstellungsprozesses ist durchdacht und vereint Tradition mit Innovation.

Thomas, dein Werdegang und deine Hingabe zur Hutmacherei sind wahrlich inspirierend. Welche Rolle spielt die Tradition in deiner Arbeit und wie integrierst du Innovation in dieses Handwerk?

Tradition bildet das Fundament meiner Arbeit. Doch ich sehe es als meine Aufgabe, diese mit modernen Techniken zu erweitern. Im Bereich der Werkzeugherstellung etwa kommen sowohl traditionelle Holzbearbeitung als auch CNC-Fräsverfahren zum Einsatz. Die Digitalisierung ermöglicht es mir, individuelle Kopfformen präzise zu erfassen und für den 3D-Druck vorzubereiten. Ich fertige für jeden Kunden ein individuelles Hutmodel, etwa so, wie ein Schuster einen Leisten schnitzt. Die Vermessung, Planung, Design und die Produktion der Werkzeuge werden dabei mit den modernsten Technologien bearbeitet. Die eigentliche Herstellung des Hutes ist dann manuell, wie es schon vor 200 Jahren gemacht wurde. Auch die Krone wird jedes Mal per Hand von mir eingearbeitet. So ist jeder Hut ein Unikat und ich kann die Form und Proportionen exakt auf den Kunden abstimmen.

Wie gehst du mit den Herausforderungen um, die die Materialbeschaffung, insbesondere das seltene Hasenvelour, mit sich bringt?

Das Velour ist in der Tat rar und teuer geworden, besonders nach den Einschränkungen durch die Coronapandemie. Ich kann eigentlich nichts verlässlich bestellen, die handgefärbten Rohlinge fallen in Form, Farbe und Material immer wieder anders aus. Ich verkaufe deshalb von Anfang an nur Stumpen, die ich vorrätig habe. Meine Kunden suchen sich den gewünschten Rohling bei mir aus und ich zwick den Namen hin. So ist es zeitlich und finanziell planbar und gleichzeitig ein schönes Kundenerlebnis, das tatsächliche Ausgangsmaterial schon mal in der Hand zu halten.

Große Auswahl an altbairischen Musterhüten

Welche Bedeutung hat das Handwerkliche in einem zunehmend digitalisierten Berufsfeld?

Auch wenn digitale Werkzeuge einen Teil des Prozesses einnehmen, bleibt das Handwerkliche essenziell. Die persönliche Note, die handgefertigte Hüte auszeichnet, kann nicht digitalisiert werden. Ich entscheide über die Proportionen, damit der Hut perfekt zu meinem Auftraggeber passt. Die Handarbeit ist und bleibt Kern meiner Philosophie.

Was kannst du uns über die Zukunft der Hutmacherei und deine Pläne verraten?

Die Hutmacherei in Bayern erlebt eine Renaissance. Mit Kunden, die Wert auf Individualität und Handwerk legen. Allerdings sehe ich meine Hüte als Alltagsgegenstände. Zu oft wird bayerisches Gwand in der Werbung in einer heilen Welt dargestellt. Perfekte Models hüpfen barfuß über eine Blumenwiese, plötzlich eine Alm und ein Brotzeitbrettl steht natürlich auch schon bereit. Meine Welt ist nicht so, die meiner Kunden auch nicht. Unter meinen Hüten darf auch mal geweint und geflucht werden, weil gesungen, getanzt und geliebt wird damit sowieso.

Vielen Dank für das wunderbare Interview und die Einblicke in deine Huadmacherei.

»De Arbad dauert so lang wias dauert

Blick mit Thomas ­Bergmann in die Huadmacherei

In der Holzwerkstatt: »Die Holzwerkstatt brauche ich nur zum Werkzeugbau für die Reifen (Reaf), über die später die Krempe geformt wird. Diese werden in verschiedenen Holzarten und Herstellungsmethoden erstellt. Die neuste Generation an Werkzeugen kommt aus der CNC-Fräse. Mein Freund Egon ist gelernter Schreiner und außerdem Kontrabassist der Zuaweziaga Wirtshausmusi. Mit ihm gemeinsam arbeite ich hier in einem Co-Working-Modell. Ein hervorragendes Miteinander.«

Büro für Digitales und 3D-Druck: »Über einen Reproscanner gelangt die jeweilige Kopfform in den Computer. Die Skizzen werden digital weiterverarbeitet und für den 3D-Druck und die CNC-Fräse vorbereitet. Jeder Kopf bekommt ein eigenes Hutmodell. Die Krone wird aber hier nicht festgelegt. Diese entsteht später handgeformt so wie schon vor 200 Jahren. So hat jeder Hut tatsächlich seine einzigartige und individuelle Form.

Die Daten werden an einen 3D-Drucker weitergegeben. Man kann sich so eine Maschine vorstellen, wie eine sehr kleine, sehr schnelle Heißklebe-Pistole. Diese produziert kleine feine Linien in vielen Schichten übereinander. Daraus entsteht dann der gedruckte Gegenstand. Ich kann unzählige Parameter vorher festlegen. Das muss genau ausgetüftelt werden, damit das Ganze auch statisch und thermisch der Anwendung entspricht.«

Formwerkstatt: »Das Rohmaterial wird hier erhitzt und bearbeitet bevor es über die entsprechenden Werkzeugformen gespannt wird. Hier wird auch das Material gebürstet und die Kronen nach alter Tradition per Hand eingearbeitet.«

Nähzimmer: »Hier lagern mein Material und meine Aufträge und es werden die benötigten Schneide- und Näharbeiten durchgeführt.

Die Herstellung des Rohmaterials nennt man Fachen. Da es in Europa nur noch wenige Betriebe gibt, die das Handwerk ausüben, ist das Velour sehr teuer geworden. Deshalb experimentiere ich auch mit anderen Materialien, die ich aus Europa, Kanada und Neuseeland beziehe.

Das verwendete Schweißband wird aus Leder für alte Mercedes-Pagoden hergestellt. Es wird dann noch so bearbeitet, dass es genau die passende konische Form bekommt. Damit legt man sich auf die Größe fest. Wie maßgeschneidert. So ein Hut soll ja auch ein Leben lang halten.«

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Aufmacher:
Thomas Bergmann, der Huadmo

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