Wendelin Massanari

Ein Augsburger Kapellmeister mit italienischem Namen

15. September 2026

Lesezeit: 7 Minute(n)

Massanari war Leiter zahlreicher größerer und kleinerer Blasorchester, u. a. der Augsburger Feuerwehrkapelle, der Musikvereinigung Augsburg und Umgebung, der Kapelle Wittelsbach, und des Privatmusikvereins Lechhausen. In Buttenwiesen, dem Nachbardorf seines Geburtsorts Unterthürheim, leitete er von 1885 bis 1913 die Musikkapelle. Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass die Familie seit 1881 in Augsburg lebte und das 35 Kilometer entfernt liegende Buttenwiesen erst 1905 an das Bahnnetz angeschlossen wurde. Ein Foto, das wohl um 1890 entstand, zeigt eine neunstimmige Blechbesetzung.

Feuerwehrkapelle Augsburg, in der Mitte Wendelin Massanari (ohne Uniform)
Jugendkapelle Bobingen mit Wendelin Massanari
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Wendelin Massanari bildete Jugendblaskapellen in Gersthofen und Bobingen aus, die ebenfalls in neunstimmiger Besetzung spielten und für die er auch die entsprechenden Noten schrieb. In Bobingen war er von 1917 bis zu seinem Tod 1928 tätig.

Massanari spielte außerdem in kleineren gemischten Besetzungen Tanzmusik und dabei die meisten Stücke auswendig, z. B. am Kirchweihsonntag und -montag in Gersthofen, in Hirblingen und anderen Orten der Umgebung.

Musikalische Nachfahren

Die drei Söhne Wendelin Massanaris wurden, nachdem sie erst die Lehre zum Maler bzw. Kaufmann absolvierten, zu Berufsmusikern in philharmonischen Orchestern.

Josef (*1896) war Kontrabassist bei den Münchner Philharmonikern. Wendelin jun. (*1898) war als Violinist Gründungsmitglied des Pfalz-Orchesters in Landau, der heutigen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Alois (*1904) war Kontrabassist beim Städtischen Orchester in Augsburg und lehrte am Augsburger Leopold-Mozart-Konservatorium. Ein Blasinstrument hat jedoch keiner von ihnen gespielt.

Ein Onkel Wendelins wanderte im 19. Jahrhundert in die USA aus. Auch dort waren die Massanaris als Maler und Musiker tätig. Der kalifornische Jazzgitarrist Jeff (Jeffrey) Massanari entstammt diesem Familienzweig. Ein direkter Nachfahre Wendelin Massanaris ist der Australier Luke Kilpatrick, Gitarrist der international tourenden Metalcore-Band Parkway drive. Ein Urenkel Massanaris war zudem Fahrer des Tourbusses der Kastelruther Spatzen.

In Augsburg und Umgebung gibt es heute zwar keine Träger des Namens Massanari mehr, es gibt jedoch noch einen Enkel Massanaris, der mir viel aus der Familiengeschichte berichten konnte.

Überliefertes Notenmaterial

Dass man in der schwäbischen Volksmusikpflege auf Wendelin Massanari aufmerksam wurde, ist dem Blasmusikwettbewerb gschpielt ond bloasa zu verdanken, den die Augsburger Allgemeine und die Allgäuer Zeitung 1984 durchführten. Mit diesem wollte man der überlieferten Blasmusik neuen Aufschwung geben. In der Ausschreibung des Wettbewerbs wurde zudem dazu aufgerufen alte Musikantenhandschriften aufzustöbern und einzusenden. Das dabei entdeckte Notenmaterial wurde zu einem Grundstock des damals in Aufbau befindlichen Archivs für Volksmusik in Schwaben (AVS). Im Zuge dessen kamen auch Stimmbücher aus dem Besitz der Musikerfamilie Egetemeir aus dem Augsburger Stadtteil Göggingen ins Archiv. Der ehemalige Militärmusiker Lorenz Egetemeir hatte nach dem Tod Massanaris einen Teil seiner Blasmusiknoten übernommen. Diese Stimmbücher stellen heute eine der wichtigsten Quellen für das Werk Massanaris dar. In ihnen befinden sich 23 seiner Kompositionen. Diese Entdeckung nahm der damalige Archivbetreuer Xaver Holzhauser zum Anlass, ein Interview mit Wendelins Sohn Alois zu führen, das eine wichtige Quelle für diesen Beitrag ist.

In Musikerkreisen war Massanari zudem bekannt dafür, dass er gut spielbare Arrangements für Blasmusik erstellte. Es ist überliefert, dass viele Musikanten aus den umliegenden Dörfern in seinen Augsburger Kapellen mitgespielt haben, um an seine Noten heranzukommen. Und so lassen sich im Archiv für Volksmusik in Schwaben Kompositionen von Massanari in Notenhandschriften aus einem weiten Umkreis von Augsburg finden. Sie stammen aus 17 Orten, von Lauterbach bei Wertingen bis Scheuring im Landkreis Landsberg, von Oberrohr bei Krumbach bis Aichach.

»Massanari hat erstmals die Musik zum Achtertanz schriftlich festgehalten.«

Tanzmusik für Jung und Alt

Bei den heute bekannten Kompositionen Massanaris handelt es sich überwiegend um Tanzmusik. Die bereits erwähnte handschriftliche Partie für neunstimmige Blasmusik aus dem Besitz der Familie Egetemeir enthält 61 Stücke, von denen 23 mit »von M.«. bezeichnet sind: neun Walzer, vier Schottische, eine Kreuzpolka, drei Rheinländer, zwei Mazurkas, zwei Quadrillen und eine Polonaise.

In Bobingen bewahrt Xaver Holzhauser interessantes Notenmaterial seiner Vorfahren auf, die Mitglieder der 1917 gegründeten Jugendkapelle waren, die von Massanari geleitet wurde. Massanari schrieb mindestens zwei Notenhefte für die Jugendkapelle. Das eine umfasst 59 Stücke, unter denen sich ebenfalls Kompositionen von ihm befinden, u. a. eine Quadrille und weitere Tanzmelodien wie Rheinländer, Polonaise und Galopp.

Bobingen ist einer der ganz wenigen Orte in Bayern, in dem ein Achtertanz, also eine Quadrillen-Form, überliefert ist und bis heute gepflegt wird. Die Kolpingfamilie führt diesen Tanz immer bei der Maifeier zum Aufstellen des Maibaums auf. Xaver Holzhauser weiß von seinem Onkel, der in der Jugendkapelle unter Massanari gespielt hat, dass die alten Musikanten die Musik zum Achter geschnurrt, also auswendig gespielt haben. Massanari hat erstmals die Musik zum Achtertanz schriftlich festgehalten, indem er die Melodien der Alten aufgezeichnet und arrangiert oder evtl. sogar neue dazu komponiert hat. Diese Musikzusammenstellung Massanaris dient in Bobingen bis heute als Tanzmusik zum Achtertanz.

Leider finden sich im Archiv für Volksmusik in Schwaben keine konzertanten Kompositionen Wendelin Massanaris. Jedoch sind in einem Repertoireverzeichnis der Musikkapelle des Katholischen Gesellenvereins Göggingen (dem heutigen Kolping-Blasorchester) von 1929 eine Conzert-Polka und eine Conzert-Polonaise von Massanari aufgeführt. In einem 1991 erstellten Notenverzeichnis des Musikvereins Frisch auf aus Willishausen sind von Massanari folgende Titel enthalten: Die beiden Schwätzer, Konzertpolka, Frohsinn-Ouvertüre und Musikalische Plauderei, Potpourri. Die Noten sind derzeit bedauerlicherweise nicht auffindbar.

Die Kapelle Massanari, 2022

Quadrillen für Française und mehr

In schwäbischen Notenhandschriften finden sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein oft mehrere verschiedene Quadrille-Melodien, zu denen die Française getanzt wurde. Die Häufigkeit von Quadrillen ist ein Hinweis darauf, dass das Française-Tanzen äußerst beliebt war. Alois Massanari erzählte 1985 im Interview, dass sein Vater, wenn er in der Augsburger Umgebung zu Tanzveranstaltungen unterwegs war, etwa alle Stunde zur Française aufspielte. Von Wendelin Massanari sind drei Quadrillen überliefert, wobei eine davon weit verbreitet war. Sie findet sich im Satz für siebenstimmige Blechmusik (zum Teil auch mit Zusatzstimmen für Es- und B-Klarinette) in den bereits erwähnten Notenhandschriften aus Göggingen und Bobingen, sowie in Sammlungen aus Lauterbach, Walkertshofen und Prittriching. Bei der Stadtkapelle Wertingen ist sogar eine Fassung für großes Blasorchester vorhanden. Erich Sepp veröffentlichte 1991 in der Blasmusik-Sammlung Gschpielt ond bloasa von dieser Quadrille ein Arrangement für heutige Instrumentierung, wodurch sie in der Volksmusikpflege größere Verbreitung fand und häufig als die Massanari-Quadrille bezeichnet wird. Unter diesem Titel wurde 2007 eine Bearbeitung für Steirische Harmonika von Roland Pongratz in der Zeitschrift Sänger und Musikanten (Heft 50/1) veröffentlicht.

Märsche gewinnen ­zunehmend Fans

Wer die Kapelle Josef Menzl kennt, hat wahrscheinlich auch schon einmal einen Marsch aus der Feder Wendelin Massanaris gehört: Hoch Wittelsbach. Josef Menzl hat das Arrangement für seine Kapelle nach der Aufnahme des Kapellmeisters Otto Ebner erstellt, der den Marsch in den 1950er-Jahren für das Archiv des Bayerischen Rundfunks in Bläser- und in Streicher-Besetzung eingespielt hat. Hoch Wittelsbach ist ein Eröffnungsstück der Kapelle Josef Menzl, die es 2022 auf der Brass Wiesn in Eching sogar vor mehreren Tausend Menschen aufgeführt hat.

Zu Lebzeiten Wendelin Massanaris dürfte aber ein anderer Marsch bekannter gewesen sein: Für schneidige Leut’, der allein in acht verschiedenen Notensammlungen auftaucht. Dieser und ein weiterer Marsch mit dem Titel In Treue fest sind nach bisherigen Erkenntnisstand auch die einzigen Stücke Massanaris, die schon in Druck gegangen sind, bevor Massanari in den 1980er-Jahren von der Volksmusikpflege wiederentdeckt wurde.

Seit einiger Zeit steigt das Interesse an überlieferter, regionaler Blasmusik. Gruppen wie das Blechbläserensemble Stiftsmälzer aus dem Allgäu beschäftigen sich gezielt mit diesem Repertoire. Von den Stiftsmälzern gibt es eine Aufnahme des Marsches Für schneidige Leut’ – mit dieser ist Wendelin Massanari nun sogar bei Spotify gelandet. Insgesamt haben sich die Noten von elf Märschen Massanaris erhalten. Dazu kommen drei Trauermärsche, von den einer noch heute von der Trachtenkapelle Lechhausen und der Musikkapelle Gennach regelmäßig am Volkstrauertag aufgeführt wird. (sh. »zwiefach« 64/6, 2021)

Im Sommer 2023 wurden dem Archiv für Volksmusik in Schwaben Noten aus dem Besitz der Musikerfamilie Greiner aus Fischen übergeben, deren Vorfahren aus Ottmarshausen bei Augsburg stammen. Darunter findet sich eine handschriftliche Partie für gemischte Streicher-Bläser-Besetzung (Violine 1 und 2, Viola, Kontrabass, Klarinette 1 und 2 in C, Trompete 1 in C, Trompete 2 in F, Posaune) die von Wendelin Massanari arrangiert wurde. Dies ist der erste Fund von Streichernoten aus der Feder Massanaris und gibt Anlass zur Hoffnung, dass im Laufe der Zeit noch weitere Entdeckungen hinzukommen werden.

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Aufmacher:
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An der Spitze der Blasmusik – Augsburger Kapellmeister um 1900

Vortrag im Stadtarchiv Augsburg

2026 dreht sich im Museum Oberschönenfeld alles um das Thema ­Blasmusik in Schwaben. Vertiefend zur Sonderausstellung beleuchtet dieser Vortrag bedeutende Augsburger Persönlichkeiten, die als Kapellmeister die Geschicke und die Qualität von Bläserensembles maßgeblich beeinflusst haben. Während Museumsleiter Simon Kotter den Stabstrompeter Carl Carl vom 4. Feldartillerie-Regiment als den wohl berühmtesten Militärkapellmeister Augsburgs porträtiert, widmet sich Volksmusikberater Christoph Lambertz den Augsburger Musikerfamilien Schwerdhöfer, Massanari und Eichner, die im frühen 20. Jahrhundert als Kapellmeister auszogen und die Blasmusik ins Augsburger Umland brachten.
Stadtarchiv, Zur Kammgarnspinnerei 11, Augsburg, Mittwoch, 16. September 2026, 19.00 Uhr

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