Recanati

Stimmen aus dem Süden

12. September 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

Text: Wolfram Märzendorfer Fotos: Emigiorg, George Grantham Bain Collection, Castagnari

Unvergesslich in Erinnerung ist mir folgendes Erlebnis: Es war vor etwa 40 Jahren in einem Landgasthaus meiner Heimat im Mürztal. Ein Wirt bediente in der Stube, mitten unter seinen Gästen am Tisch sitzend, ein Koffergrammophon. Zum ersten Mal sah ich so ein Wunderwerk ganz aus der Nähe in Betrieb und war, wie man so sagt, buchstäblich gefesselt. Rein mechanisch, ohne elektrische Verstärkung, klang aus dem Hohlraum unter dem Plattenteller lautstark Musik – auch ohne den dekorativen Trichter, wie man ihn von Grammophonen kennt. Im Inneren des aufgeklappten Deckels hatte der Wirt eine kleine Auswahl an Schellacks – darunter ein Lied der legendären Geschwister Buchberger aus Kufstein, einen Erfolgsschlager von Vico Toriani und zuletzt, als Krönung seiner Vorführung, ein neapolitanisches Lied, gesungen vom großen italienischen Tenor Bejamin Gigli. Ist die Rede von großen Tenören der Schellackzeit zwischen 1900 und 1940, dann fällt der Name Gigli gleich nach Caruso. Völlig unerwartet erklang an diesem Nachmittag für mich in der ländlichen Gaststube diese kraftvolle, strahlende leidenschaftliche Stimme aus dem Süden. Diese Begegnung mit Bejamin Gigli sollte für mich Jahre später nochmals eine Bedeutung haben.

Benjamin Gigli, die große Stimme aus dem Süden.

Der Harmonikageschichte auf der Spur

Mehrere Reisen haben mich in den folgenden Jahren im Zusammenhang mit der Erforschung der Harmonikageschichte nach Italien geführt, speziell in die Region Marken. Etwa dreißig Kilometer südlich der für den Handel so bedeutenden Hafenstadt Ancona liegt auch Castelfidardo. Das ist jener Ort, an dem in den 1860er-Jahren Paulo Soprani (1844–1918) den Grundstein für die Italienische Harmonikaindustrie gelegt hat – inspiriert durch eine Begegnung mit einem Pilger, der aus Wien kommend, die Idee des kleinen tragbaren Musikinstrumentes mit nach Italien gebracht hat.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass in den Anfangsjahren der Harmonikageschichte etwa von 1830 bis 1860 ganz wesentliche Entwicklungsschritte in Wien ihren Ursprung hatten, doch ich habe unterwegs in dieser Stadt oft vergeblich nach irgendeinem architektonischen Zeugnis gesucht, nach einem Bauwerk, das wenigstens durch eine Gedenktafel an eine Harmonikawerkstatt im 19. Jahrhundert erinnert.

Zu Gast in der Werkstatt von Castagnari.
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Besuch in der Werkstatt von Castagnari

Im Spätherbst 2023 war ich wieder unterwegs um in Recanati, einem benachbarten Ort von Castelfidardo, eine Harmonikawerkstatt zu besuchen: den Familienbetrieb von Castagnari. Diese kleine, aber in ihrer Bedeutung große Firma arbeitet seit 1914 in dritter Generation in einem Stadthaus der zauberhaften Stadt Recanati, die sich über einen Hügel mit Blick auf das adriatische Meer erstreckt. In einem kleinen Hafen kommt bis heute durch einen Vertrag des Firmengründers per Schiff das amerikanische Kirschholz an, das bei Castagnari zum Bau der Harmonikakästen verwendet wird. Amerikanische Kirsche ist ein Edelholz, das sich beginnend von gelblich bis rotbraun verfärbt und leicht verarbeiten lässt. Es findet vielfach im Möbel- und Innenausbau aber auch im Klavierbau Verwendung. Im Vergleich zur heimischen Kirsche ist die amerikanische Kirsche gleichmäßiger gefärbt und wird meist etwas dunkler. In einem kleinen Innenhof des Hauses zeigte man uns die letzte Lieferung aus Amerika. Noch unverarbeitetes Holz, das zum Trocknen aufgestapelt lag. Mit großer Freundlichkeit wurden ich und mein Begleiter, der mir als Übersetzer zur Seite stand, mehr als zwei Stunden lang durch alle Räumlichkeiten des Hauses geführt. Verteilt auf zwei Stockwerke besuchten wir alle Stationen der Fertigung, vom rohen Kasten über den Einbau der Mechanik bis zur Feinstimmung am Ende. Familienmitglieder und zumeist nahe Angehörige betreuen die einzelnen Stadien der Herstellung im Haus.

Aus amerikanischem Kirschholz entstehen bei Castagnari die Harmonikakästen.

Wie alle bekannten Harmonikabauer zeigen auch die Castagnaris gern eine bekannte Musikerpersönlichkeit mit einem Instrument aus ihrem Haus. In ihrem Fall ist es der renommierte Organetto-Spieler Ricardo Tesi (*1956), der auf großen Plakaten mehrere Wände entlang des Eingangs schmückt. In den letzten Jahren war Tesi mehrfach auch in Wien beim Akkordeonfestival zu hören.

Diese Situation – Werkstätten verteilt in einem Stadthaus – muss so wohl auch in Wien gewesen sein. Eine Statistik, veröffentlicht in der Wiener Zeitung von 1852, spricht von 59 Harmonikamachern. Von außen kaum erkennbar, wurde sicher auch hier in kleinen Werkstätten, auf Wohnungen verteilt, gearbeitet.

Castagnari: Ein kleiner Familienbetrieb fast wie im Wien des 19. Jahrhunderts.

Parallelen zwischen Stimme und Akkordeon

Der nette Zufall, dass ich in unmittelbarer Nähe der Werkstatt von Castagnari das Geburtshaus des Opernsängers Benjamin Gigli (1890–1957) entdeckt habe, hat mir das eingangs geschilderte Erlebnis wieder in Erinnerung gerufen und mich zugleich angeregt, über den mehrdeutigen Begriff der Stimme nachzudenken – über Parallelen, die es zwischen Akkordeon und menschlicher Stimme gibt. Die menschliche Stimme gilt als das älteste Musikinstrument. Man kann sie als Blasinstrument beschreiben und das trifft auch auf die Harmonika zu. Stimmlippen im Kehlkopf und Stimmzungen auf Stimmplatten entsprechen einander. In beiden Fällen benötigt man Luftdruck zur Tonerzeugung und für die Resonanz.

Der Landesmusikrat von Schleswig-Holstein hat 2008 die Initiative ins Leben gerufen, jährlich ein Instrument zum Instrument des Jahres zu ernennen. Kurioserweise folgte auf die Ernennung der menschlichen Stimme als Musikinstrument des Jahres 2025 das Akkordeon im Jahr 2026. Ganz ähnlich, wie der große Operntenor Gigli und der Harmonikabauer und Firmengründer Castagnari in Nachbarschaft gelebt, und sich möglicherweise persönlich gekannt haben.

Ricardo Tesi mit einem Instrument von Castagnari.

Import und Export

Die Geschäftsbeziehungen zum amerikanischen Markt betreffen nicht allein den Einkauf des Holzes. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts exportieren Firmen aus Castelfidardo und Recanati Akkordeons nach Amerika. Während des Akkordeonbooms in Amerika ab den 1920er-Jahren sind beachtliche Mengen von Instrumenten von Italien nach Übersee gegangen. Aber auch umgekehrt haben amerikanische Modelle ihren Weg nach Italien gefunden.

Im 19. Jahrhundert als vorwiegend in Deutschland auf den Export orientierte Harmonikafabriken entstanden, war der Bedarf an Stimmzungen entsprechend groß. Die wohl bekannteste Fabrik, ausschließlich auf die Herstellung von Stimmzungen spezialisiert, war das Deutsche Tonzungenwerk der Gebrüder Dix in Gera. Auch in allen Steirischen Harmonikas bis Mitte der 1960er-Jahre sind Dix-Stimmen verbaut. Seit den Jahren nach der Schließung des vormals Ostdeutschen Werkes decken italienische Stimmen – die Stimmen aus dem Süden – den heimischen Bedarf. Sie werden gegenwärtig zu einem großen Teil in Castelfidardo und im benachbarten Osimo hergestellt. Gut erinnere ich mich an meinen ersten Besuch beim renommierten Stimmzungenhersteller Salpa in Castelfidardo vor ca. 30 Jahren. Im Eingangsbereich des Hauses lagen versandfertig Pakete mit Stimmzungen adressiert an eine Grazer Herstellerfirma …

https://castagnari.com/

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Aufmacher:
Recanati
Ein Beitrag in Kooperation mit dem Steirischen Volksliedwerk.

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