»Immer gibt es Neuigkeiten …«

Von bürgernahen, ehrenamtlichen und kostengünstigen Volksmusikausstellungen

30. Juni 2026

Lesezeit: 7 Minute(n)

Text: Ernst Schusser Fotos: EBES-Volksmusik

In unserer Arbeit im Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern haben Eva Bruckner, Margit und Ernst Schusser (EBES-Volksmusik) in Zusammenwirken mit den Volksmusikfreunden in Ruhpolding und der Familie 1993 eine Ausstellung über Georg von Kaufmann (1907–1972) – Forstmeister, Sportler und Bergsteiger, Volksmusikant, Volkstanzsammler und Tanzmeister in Oberbayern im Holzknechtmuseum Ruhpolding-Laubau gestaltet. Die Ausstellung von Dokumenten zu Volksmusik, Volkstanz, Volkslied und musikalischen Bräuchen war die logische Folge unserer Feldforschungen und Archivarbeit zu Persönlichkeiten der Volksmusik und deren Beiträgen zur Entwicklung der überlieferten regionalen musikalischen Volkskultur in Oberbayern. Ganz selbstverständlich wurde die Ausstellung erweitert durch Tanzen, Spielen und Singen, durch Begegnung mit älteren Gewährsleuten, Sängern, Musikanten, Tänzern – Liebhabern und Fachleuten. Die auch in den Medien präsente Ausstellung trug zur Erinnerungskultur und Bewusstmachung von Tradition und steter Veränderung bei, die Besucher lieferten eigene Erkenntnisse und Materialien zur weiteren Forschung und Pflege.

Der damalige Bezirkstagspräsident Hermann Schuster, selbst Architekt, liebhaberischer Musikant und Gelegenheitssänger, hatte uns ermuntert, diesen Weg hinaus zu den Bürgern zu gehen, eine einfache hölzerne Ausstellungsarchitektur mit Vitrinen und Schautafeln zur oftmaligen Benutzung (Wanderausstellungen) zu bauen und zu erweitern. Der Bezirk wendete zu dieser Zeit nur verhältnismäßig geringe Steuergelder für die Volksmusik auf. Wir durften alles machen – es durfte nur wenig kosten, es sollten die Bürger mithelfen und der sparsame Umgang mit Steuermitteln musste erkennbar sein. Das bestärkte uns in der freien und ehrenamtlichen Einbindung der Bürger in unsere Volksmusikarbeit, die wiederum die Inhalte und Ergebnisse positiv nach außen trugen.

Impulse für die Eigenaktivität

Schon 1991 hatten wir bei den Oberbayerischen Kulturtagen in Burghausen Volksmusikabende mit einer kleinen Ausstellung verbunden, 1993 wurde dies mit Dokumenten zum Leben und volksmusikalischen Wirken von Hans Kammerer erweitert, da sich in der Zwischenzeit über die Ausstellungsbesucher viel Wissen dazu angesammelt hatte.

In den Jahren 1993 und 1994 gingen wir mit der Ausstellung Immer gibt es Neuigkeiten – Eine Reise durch 200 Jahre Volksmusiksammlung und -pflege in Oberbayern auf Wanderschaft durch mehrere Landkreise – immer auch mit weiteren regional interessanten Ergänzungen an Exponaten und Persönlichkeiten, mit Gelegenheiten zum Singen und Ratschen, zum Einbringen von Wissen und Können. Den Titel Immer gibt es Neuigkeiten haben wir bewusst gewählt, er ist der Anfang einer Liedaufzeichnung vom Kiem Pauli und programmatisch für ­jede (Volksmusik)Forschung. Die Ausstellungen waren Impulse für die Bürger, eigenes Wissen und Material auszugraben und mitzuteilen, teils über Jahre selbst zu forschen und Erinnerungen beizutragen. Das bleibt bis heute so!

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Fanderl auf Reisen

Im Jahr 1996 wagten wir uns im Rahmen der Tagung der Kommission für Lied, Musik und Tanzforschung in der deutschen Gesellschaft für Volkskunde im Kultur- und Bildungszentrum des Bezirks Oberbayern in Kloster Seeon an die Darstellung des volksmusikalischen Wirkens von Wastl Fanderl (1915–1991), dem ersten Volksmusikpfleger des Bezirks Oberbayern. Mittlerweile hatten wir die Ausstellungsarchitektur mit Unterstützung von Sepp Linhuber immer mehr erweitert und über Werner Brandlhuber um eine Tonanlage mit zwölf anwählbaren Hörbeispielen ergänzt. Wir hatten zwölf Flachvitrinen, sieben Hochvitrinen und über 60 Tafeln aus Holz, alles gut zu transportieren, einfach auf- und abzubauen – immer mit großer ehrenamtlicher Hilfe der Freunde des Volksmusikarchivs, aus denen sich nicht zuletzt auch aufgrund der Ausstellungsprojekte ein Förderverein gründete.

Nach Kloster Seeon kamen Besucher aus vielen Regionen von Oberbayern. Die deutschlandweite Bekanntheit von Wastl Fanderl über seine Medienpräsenz und vor allem durch seine auch in der DDR gesehene Fernsehreihe Baierisches Bilder- und Notenbüchl schlug sich im Besucherbuch und in den folgenden Rückmeldungen nieder. Manche oberbayerischen Besucher wollten diese Volksmusik-Ausstellung – natürlich mit Regionalbezug, Singen und Eigenaktivität, Treffpunkt für die Bevölkerung und vielen eigenen Beiträgen – auch in ihrer Nähe haben. So ging Fanderl auf Reisen, von Kloster Seeon aus in ca. zehn Orte zwischen Ingolstadt, Landsberg und Berchtesgaden – immer unter großer Mitwirkung der örtlichen Verantwortlichen.

Nach Corona

Machen wir einen Zeitsprung von den 1990er- in die 2020er-Jahre: EBES-Volksmusik ist beim Bezirk in Rente gegangen. Die Neu-Ausrichtung der Volksmusikarbeit des Bezirks Oberbayern brachte zeitgleich mit Corona viele Veränderungen: Das Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern gibt es in der über 30 Jahre entwickelten Form nicht mehr. Der Bezirk konnte die einfache hölzerne Ausstellungsarchitektur nicht mehr brauchen. Vitrinen wurden an Museen verschenkt – und der nunmehrige Förderverein Volksmusik Oberbayern konnte die restlichen Vitrinen, Ständer und Holztafeln übernehmen. Beim Abtransport und der Einlagerung gaben ehrenamtliche Träger und Transporteure den Impuls, die bewährte einfache, billige, ehrenamtliche und bürgernahe Ausstellungsform zur Volksmusik neu aufzulegen. Auch weit über 150 seit den 1990er-Jahren von EBES gefertigte, nachhaltige Informationstafeln mit guten Fotos und Texten hatte der Bezirk ausgesondert und dem Förderverein überlassen, zusammen mit den hölzernen, maßgefertigten Schränken zur Aufbewahrung.

Und so kam eines zum anderen: Der Förderverein Volksmusik Oberbayern konnte die Ausstellungsarchitektur kostenlos verleihen, z. B. an Gemeinden und Vereine, die kleine Ausstellungen am Ort machten. Die Kreisvolksmusikpflege Rosenheim ist der größte Nutznießer: Seit 2023 gibt es die neuen Volksmusikausstellungen in Schloss Hartmannsberg bei Hemhof (Markt Bad Endorf), einem Gebäude, das dem Landkreis Rosenheim gehört. Die Ausstellungen werden wieder von EBES-Volksmusik inhaltlich erarbeitet und gehen in Teilen wieder auf Wanderschaft.

Nach den Ausstellungen über Georg von Kaufmann und die Volkstanzpflege (2023) und Annette Thoma, Tobi Reiser, Hans Kammerer – Volksmusikpflege von den 1930er- bis in die 1970er-Jahre (2024) kam 2026 der Schwerpunkt Volkslied mit Wastl Fanderl – ein Leben für die Volksmusik. Jede Ausstellung in Hartmannsberg war in der Regel nur an den Sonntagen geöffnet, dauerte nicht länger als zwei Monate und hatte jeweils um oder mehr als 1.000 Besucher. Planungen zur Wanderung der ersten beiden Ausstellungen liegen vor – die Fanderl-Ausstellung wurde im Anschluss auch im Fanderl-Geburtsort Bergen/Chiemgau mit lokalen Ergänzungen gezeigt (sh. »zwiefach« 3/2026, S. 85f). Auch 2027 geht sie auf Wanderschaft.

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Das Ausstellungskonzept

Das in den 1990er-Jahren im Rahmen der Ausstellungen von EBES für das Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern erstellte Konzept haben wir ab 2023 zeitgemäß weiterentwickelt, auf neue Füße gestellt und den finanziellen Gegebenheiten angepasst. Gleichgeblieben ist u. a. die bewährte Bürgernähe, die Ehrenamtlichkeit, die Einfachheit und Bescheidenheit der Darstellung und die Sparsamkeit, verbunden mit Nachhaltigkeit. Hier nur einige für uns heute wichtige Ansätze:

Die Finanzierung: Leider zählt Kulturarbeit zu den freiwilligen Leistungen z. B. der Kommunen. In Zeiten leerer öffentlicher Kassen wird hier besonders bei der kleinen und unspektakulären (Volks)Kultur der Rotstift angesetzt. Die Einwerbung von Mitteln für die Deckung notwendiger Kosten z. B. bei Stiftungen, ist nicht einfach. Es bleibt vieles privat zu zahlen.

Freier Eintritt: Der Zugang zu unseren Ausstellungen ist immer kostenlos. Manche Besucher kommen mehrmals, allein zum Studium – oder mit Freunden. Wer will, kann eine kleine Spende für den Förderverein Volksmusik Oberbayern hinterlassen, der Träger der Ausstellung ist.

Ehrenamt: Ohne ehrenamtliche Leistungen wären für uns keine Ausstellungen möglich, z. B. bei Transport und Mitarbeit, inhaltlicher Planung und Aufbau, Gestaltung und Besucherkontakt. Brotzeit und Getränke sind die Währung, das menschliche Miteinander prägt und ist ein unbezahlbarer Faktor.

Neue Erkenntnisse: Bei der Planung der Inhalte ist ganz wesentlich die Offenheit für das Wissen von anderen, von Liebhabern und Fachleuten. Feldforschungen und Gewährsleute, öffentliche Bitten um Mitarbeit (z. B. Ankündigung in Zeitungen und bei Veranstaltungen) bringen ungeahnte Erfolge und Bereitstellung von Wissen und Exponaten. Jede Ausstellung bringt auch im Nachgang neue Forschungsergebnisse, die in ein weiteres Thema einfließen.

Nachhaltigkeit: Die ab den 1990er-Jahren von EBES erstellten Ausstellungstafeln mit Bildern und Texten werden weiter benützt und mit aktuellen Erkenntnissen und Materialien von ehrenamtlichen Mitarbeitern ergänzt.

Lokalbezug: Bei jedem Ausstellungsort arbeiten lokale/regionale Heimatpfleger und Privatleute mit und fügen ihre Erkenntnisse in eigener Darstellung in Vitrinen oder Schautafeln ein.

Miteinander: Jede Ausstellung ist auch Treffpunkt zum Wiedersehen und Kennenlernen, Ratschen und für Geselligkeit. Stühle und Getränke stehen bereit. Jederzeit kann miteinander gesungen werden, frei oder mit Anleitung.

Trubel an den Sonntagen.

Mitnehmen: Viele Liederblätter, Notenhefte, Volksmusikbücher und Zeitschriften aus dem Bestand vom Förderverein liegen zur kostenlosen Mitnahme bereit. Damit wird die volksmusikalische Praxis oder das Vertiefen der Themen zu Hause angeregt. Alle Texte, Bilder und Exponate dürfen fotografiert werden.

Begleitveranstaltungen: In frei zugänglichen Gesprächs- und Arbeitskreisen werden auch grundlegende Themen vertieft. Bewertungen werden möglichst vermieden und den Einzelnen überlassen. Mit Kritikern versuchen wird in Gesprächskontakt zu kommen. Toleranz vor anderen Meinungen ist wichtig. Bei anderen Terminen werden in unterhaltsamer Form (auch mit kompetenten Gästen und Zeitgenossen) möglichst einladend Zugänge für alle Interessenten zu weiterführenden Inhalten angeregt.

Führungen: Bei Führungen mit den Ausstellungsmachern (zu festen Zeiten oder nach Vereinbarung) gibt es Hintergrundinformationen und Wortmeldungen von Gewährsleuten – und es werden auch Lieder angestimmt.

Singen: Bei angekündigten Terminen werden in der Ausstellung auch gemeinsam thematisch passende Lieder gesungen und dazwischen ganz nebenbei weitere Informationen gegeben. Damit werden der emotionale musikalische Charakter oder besondere Entwicklungen bei Ausstellungsthemen eingebracht und gestärkt – und auch die stete Vielfalt und Wandlung in der Tradition.

Weiterführung: Keine Arbeit endet mit der Ausstellung – die Vielzahl der Rückmeldungen gehört grundsätzlich dazu und führt positiv weiter. Die Mitwirkung Vieler ist ein Gewinn und motiviert Viele in ganz unterschiedlichen Standpunkten, Fähigkeiten und Interessen. Hier zeigt sich die Stärke einer freien, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft und Kulturarbeit – und die Freude daran.

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Zum Schluss

Als Student der Didaktik der Geschichte bei Prof. Dr. Hubert Glaser an der LMU durfte ich bei Ausstellungen vom neuen, von Glaser geleiteten Haus der Bayerischen Geschichte mitmachen und sehr viel praktische Erfahrung gewinnen. So waren die großen Ausstellungen über Kurfürst Max Emmanuel (1976 Schloss Schleißheim) oder die Wittelsbacher (1980 an drei Ausstellungsorten) hoch wissenschaftlich erarbeitet, gestalterisch teuer und überschritten das Budget, was letztendlich zu Lasten der Führungen und menschennahen variablen Vermittlung der Inhalte ging. Darüber führten wir sehr konträre Diskussionen. Die beiden Ausstellungen in der Bayerischen Staatsbibliothek München über Volksmusik in Bayern (1985) und Johann Andreas Schmeller (1985) waren in der mehrjährigen Vorbereitung und Zusammenarbeit z. B. mit Dr. Robert Münster (Leiter der Musiksammlung), Wolfgang A. Mayer und Prof. Dr. Torsten Gebhard (­Institut für Volkskunde) oder Frau von Moisy (Stabi-Handschriftenabteilung) für mich als freier und großteils ehrenamtlicher Mitarbeiter von großer Bedeutung. Hier waren die Finanzmittel gedeckelt, es wurde fleißig und nachhaltig gearbeitet. Die kollegiale Arbeitsweise und die speziellen singerischen Führungen (z. B. mit Bezirksvolksmusikpfleger Wolfgang Scheck und Wastl Fanderl) prägten mich zeitlebens. Nicht unerwähnt lassen möchte ich meine Erfahrungen im Rahmen einer kleinen Ausstellung, die Wolfgang A. Mayer für das 1. Seminar Volksmusikforschung und -pflege in Bayern vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege (Herrsching 1978) erarbeitete. Das Arbeiten mit den Sammlungs-Originalen am Institut für Volkskunde, die Spontanität und Nachtarbeit zeigte, was möglich ist, wenn man voll von Wissen unter positivem Druck steht.

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