Text: Simon Kotter und Dorothee Pesch Fotos: Mira Hörter, Wolfgang Kleiner, Fritz Frech
Wie klingt eigentlich die schwäbische Kultur in ihrer ganzen Vielfalt? Diese Frage hat sich der Bezirk Schwaben gestellt und sich 2026 für das Kulturjahresmotto Sound of Schwaben entschieden. Mit dem Museum Oberschönenfeld sowie dem Museum Hammerschmiede und Stockerhof Naichen widmen gleich zwei Museen ihre Jahresausstellungen den musikalischen Klängen Schwabens.
Oberschönenfeld: Mehr als Umtata!
Bayerisch-Schwaben ist Blasmusik-Land: Keine Region Deutschlands kann eine höhere Dichte an Blaskapellen aufweisen. Fast 40.000 Musikerinnen und Musiker engagieren sich hier in rund 1.000 Ensembles und Orchestern, verteilt auf 640 registrierte Musikvereine. Diese nackten Zahlen belegen eindrücklich die gesellschaftliche Relevanz, erklären aber natürlich nicht annähernd das Phänomen Blasmusik. Daher schickt sich nun das Museum Oberschönenfeld an, in einer neuen Sonderausstellung der Faszination Blasmusik nachzugehen.
Die Erfolgsgeschichte begann im 19. Jahrhundert, als die aufkommenden Militärkapellen massiven Einfluss auf das zivile Musikleben nahmen. Ausgestattet nur mit Blasinstrumenten und Schlagwerk, waren diese Ensembles in der Lage, unter freiem Himmel und auch noch in Bewegung ein großes Publikum zu beschallen. Zur gleichen Zeit machte auch der Instrumentenbau immense Fortschritte, sodass mit Klarinette, Trompete, Tuba und Co. bald jegliche Art von Musik gespielt werden konnte. Einen weiteren wichtigen Impuls bekam die schwäbische Blasmusik nach dem Zweiten Weltkrieg, als tausende Vertriebene aus dem Sudetenland ihre reiche Musikkultur mitbrachten und an der Gründung vieler neuer Musikkapellen mitwirkten.
»Ziel ist es einen unterhaltsamen
wie informativen Museumsbesuch
zu bescheren.«
Einblicke in die Sonderausstellung Mehr als Umtata. Blasmusik in Schwaben.
Phänomen Blasmusik
Schon 1926 mündete die anhaltende Blasmusik-Begeisterung in der Gründung des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes. Bis heute hat sich der ASM zu einem der größten Musikverbände Deutschlands entwickelt – ein weiterer Beleg für die außerordentliche Bedeutung der Blasmusik in Bayerisch-Schwaben. Das 100-jährige Verbandsjubiläum ist für das Museum Oberschönenfeld nun willkommener Anlass, dem Phänomen Blasmusik in einer Sonderausstellung kulturhistorisch auf den Grund zu gehen.
Ein prominentes Jubiläum ist immer ein guter Moment, um zurückzublicken, gleichzeitig lohnt sich bei einer so lebendigen Tradition wie der Blasmusik ein Blick auf die Gegenwart. Beides soll die Sonderausstellung Mehr als Umtata. Blasmusik in Schwaben leisten: Eindrückliche Sachzeugnisse – vom revolutionären Bombardon über die klassische Musikertracht bis hin zu frühen Wertungsspielurkunden – werfen Schlaglichter auf kulturhistorische Aspekte; modernes Instrumentarium und interaktive Elemente vermitteln Basiswissen über die zeitgenössische Blasmusik und spannende Inszenierungen, aktuelle Fotografien, Zitate von Zeitzeugen und vor allem Tondokumente lassen das Publikum eintauchen in das schwäbische Musikvereinsleben und damit in ein Stück Alltagskultur.
»Tondokumente lassen das Publikum eintauchen.«
Interaktive Kulturgeschichte
Im Museum Oberschönenfeld stehen drei große Räume für Sonderausstellungen zur Verfügung, was unmittelbaren Einfluss auf die Ausstellungskonzeption hatte:
Der erste Raum bildet den Auftakt und behandelt grundlegende Fragen: Was ist eigentlich ein Ton? Wie entsteht ein Ton bei einem Holz- bzw. Blechblasinstrument? Welche unterschiedlichen Blasinstrumente gibt es heutzutage? Und wie klingen sie? Eine Sammlung fabrikneuer Blasinstrumente führt das Instrumentarium eines modernen Blasorchesters vor Augen, mehrere interaktive Stationen laden die Besuchenden dazu ein, Musik zu be-greifen.
Der zweite Raum widmet sich der Kulturgeschichte der Blasmusik in Bayerisch-Schwaben. Anhand eindrücklicher Exponate wird die Entwicklung der Blasmusik aufgezeigt, beginnend mit der türkischen Musik um 1800, über die einschneidenden Innovationen im Instrumentenbau und den unbestreitbaren Einfluss der Militärmusik im langen 19. Jahrhundert bis hin zu den amerikanischen Einflüssen und dem Aufkommen des Saxofons nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Gang durch die Geschichte endet in einer Musik-Lounge, in der Besuchende die Vielfalt der modernen Blasmusik hören und sehen können: von der böhmischen Blaskapelle bis zur Big Band, vom sinfonischen Blasorchester bis zur Brass Band. Einige besonders markante Aspekte werden separat behandelt: Wie böhmisch ist die schwäbische Blasmusik? Was trägt der Musiker bzw. die Musikerin beim Spielen? Und wie politisch ist eigentlich Blasmusik?
Der Probenraum als Ausstellungsstück
Der dritte Raum rückt selbst einen Raum in den Fokus: den Probenraum. Hier findet abseits der Öffentlichkeit das eigentliche Vereinsleben statt, hier wird jedes Konzert und jeder Auftritt einstudiert. Um einen Eindruck von der musikalischen Arbeit zu gewinnen, können die Besuchenden auf großer Leinwand eine Probe des Schwäbischen Jugendblasorchesters miterleben. Der Probenraum ist aber weit mehr als eine reine Musik–Werkstatt. Hier wird auch die Kameradschaft gepflegt, diskutiert und gefeiert. Um diesen Mikrokosmos einzufangen, wurden eigens für die Ausstellung zwölf schwäbische Probenräume mit der Kamera dokumentiert. Bei allen individuellen Unterschieden der einzelnen Probenräume zeigen die eindrucksvollen Aufnahmen auch wiederkehrende Elemente, die in der Ausstellung inszeniert und thematisiert werden: vom Dirigentenpult und der Vereinsfahne über das Notenarchiv mit Kopierer bis hin zum Getränkeautomaten und zur gemütlichen Sitzecke mit Pokalen und Urkunden an der Wand.
Museumsreif und höchst lebendig
Das Ausstellungsthema Blasmusik teilt das Publikum zwangsläufig in Insider und Outsider. Ziel und Anspruch ist es aber ausdrücklich, allen einen unterhaltsamen wie informativen Museumsbesuch zu bescheren: Blasmusik-Neulinge erhalten Einblicke in den Alltag schwäbischer Musikvereine und bekommen ein Gefühl davon, warum tausende Musikerinnen und Musiker bereitwillig viel Zeit und Energie investieren; Blasmusik-Veteranen wiederum können sich in den Geschichten und Objekten wiederfinden, gleichzeitig aber auch Neues und noch Unbekanntes über ihr Hobby erfahren. Und wer nach dem Museumsbesuch noch nicht genug von Blasmusik hat, für den hält der Begleitband zur Ausstellung vertiefende Informationen bereit.
Viele Fragen bleiben dennoch unbeantwortet, u. a. die zentrale Frage: Warum eigentlich ist Bayerisch-Schwaben ein Blasmusik-Land? Das Thema ist jedenfalls – gerade mit Blick auf seine gesellschaftliche und kulturgeschichtliche Relevanz – bei weitem noch nicht auserzählt. Intensive Forschungen in den (Vereins-)Archiven würden noch manch spannende Erkenntnis zutage fördern, so manches alte Instrument und so mancher historische Notenschatz hätte neue Aufmerksamkeit und Wertschätzung verdient und auch lohnt es sich, die gegenwärtige Entwicklung – im ständigen Spannungsfeld zwischen Tradition und Anpassung an den Zeitgeist – im Auge zu behalten, denn: Blasmusik in Schwaben war und ist höchst lebendig, vielschichtig und vielfältig. Eben weit mehr als Umtata.
Naichen: Der Ruf der Berge – Alphörner Co.
Ihre beeindruckende Größe und ihr unverwechselbarer Klang machen Alphörner zu ganz besonderen Musikinstrumenten. Der Sammler, Musiker und Alphorn-Spezialist Franz Schüssele hat über 100 Natur- und Alphörner zu einer der weltweit größten privaten Sammlungen von Alphörnern und verwandten Blasinstrumenten zusammengetragen. Eine Sonderausstellung im Museum Hammerschmiede und Stockerhof Naichen zeigt nun Highlights aus seiner Sammlung: vom fast vier Meter langen Schweizer Alphorn über ein tibetisches Dung Cheng bis zum australischen Didgeridoo. Auch Kuriositäten und Eigenbauten sind zu sehen, wie ein Spazierstock-Alphorn, ein Alphorn für drei Spieler und ein Klo-Alphorn in G.
Die Alphornbläser Walkertshofen
Hornähnliche Instrumente sind schon lange bekannt und in vielen Kulturen verbreitet. Entlockte man ihnen zunächst nur einfache Signale, so perfektionierte sich im Laufe der Geschichte ihre Herstellung bis zur heutigen Verwendung als vollwertige Musikinstrumente, die sich inzwischen auch in ganz Schwaben großer Beliebtheit erfreuen. Ein eigener Bereich widmet sich der Verbreitung von Alphörnern im Allgäu. So gelang es in den 1950er-Jahren durch gezielte Fördermaßnahmen, Alphörner hier als regionale Besonderheit zu etablieren.
Besuchende lernen nicht nur die faszinierende Bandbreite dieses Instrumentes kennen, sondern können sich an begleitenden Aktionstagen auch selbst im Alphorn-Blasen versuchen oder ihr eigenes Alphorn mit einfachsten Mitteln selbst bauen.







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