Spurensuche zwischen Risorgimento und Wirtshaus

Die Reise der Bella Gigogìn von Mailand ins Kesseltal

11. September 2026

Lesezeit: 13 Minute(n)

Text: Johannes Sift

Manche Melodien begleiten einen sehr lange, ohne dass sie ihre wahre Identität preisgeben. Das Lied Der Wein, das Bier und die verdammte Liebe war mir schon lange als Trinklied aus meiner schwäbischen Heimat bekannt. Es gehörte zum festen Repertoire auf zahlreichen Volksmusiklehrgängen, seit die Volksmusikforscherin Dagmar Held es im Kesseltal, einem beschaulichen Bachtal südlich des Rieses in Nordschwaben, aufgezeichnet und in ganz Bayerisch-Schwaben und darüber hinaus verbreitet hatte. Held dokumentierte das Stück am 28. Januar 1990 in Schweindorf, wobei es ihr von den Sängern Heinrich Thum (*1930) und Hermann Schröppel (*1938) aus Forheim vorgesungen wurde. Unter anderem habe ich es später zusammen mit Dagmar Held und den Liadhabern in Konzerten aufgeführt und auf CD eingespielt, wobei wir uns von der unbändigen Singlust und dem Schalk der ursprünglichen Gewährsleute stets inspirieren ließen.

Der zufällig entdeckte Garibaldi

Der Liedtext gab uns lange Zeit Rätsel auf. Besonders der Refrain mit der Zeile »Ei, du gar balde, du versoffne Seele, ’s Kügale isch jetzt dussa, jetzt wird’s ma wieder wohl« wirkte seltsam kryptisch. Was hat es mit dem »Kügale« auf sich, das jetzt »dussa«, also draußen, ist? Und was bitteschön ist ein »gar balde«? Eine erste heiße Spur ergab sich eher zufällig: In einer Musikantenhandschrift im Archiv für Volksmusik in Schwaben fand Christoph Lambertz ein Tanzstück mit exakt dieser Melodie im Trio, das den Titel Garibaldi-Schottisch trägt.

Giuseppe Garibaldi, 1866

Nun lag es plötzlich auf der Hand: Aus dem italienischen Freiheitshelden Giuseppe Garibaldi (1807–1882) war im nordschwäbischen Dialekt schlicht ein »gar balde« geworden. Dass der Nationalheld aus der Zeit des Risorgimento, also dem Kampf um die nationale Einigung Italiens, jemals das Kesseltal besucht hätte, ist historisch nicht belegt, und von einem übermäßigen Alkoholkonsum ist bei ihm auch nichts bekannt. Bei den Kesseltaler Sängern hatte sich der klangvolle Name in ihrem Lied also verschliffen und niemand dachte dabei an Giuseppe Garibaldi und dass hinter diesem Trinklied womöglich ein patriotisches Lied aus dem italienischen Freiheitskampf stecken könnte. Doch dazu gleich mehr.

Ein wahrer Freiheitskämpfer

Um die Tragweite der nordschwäbischen Namensumbenennung zu verstehen, muss man sich die schiere Größe des Mannes vor Augen führen, der hier zum »gar balde« schrumpfte. Giuseppe Garibaldi ging als Held zweier Welten in die Geschichte ein. Diesen Beinamen verdiente er sich durch revolutionäre Taten auf zwei Kontinenten. Sein Weg zum Architekten des modernen Italiens begann dramatisch: 1834 wegen eines Aufstandes zum Tode verurteilt, entzog er sich der Hinrichtung durch die Flucht nach Südamerika. In den folgenden dreizehn Jahren (1835–1848) kämpfte er in Brasilien für die Unabhängigkeit der Republik Rio Grande do Sul und im uruguayischen Bürgerkrieg. In diesen stürmischen Zeiten lernte er seine Frau und Weggefährtin Anita kennen. Mit seiner legendären Italienischen Legion aus freiwilligen Kämpfern erlangte er dort erste militärische Erfolge, die seinen Ruf als genialer Guerillaführer zementierten.

Nach seiner Rückkehr nach Europa im Jahr 1848 stürzte er sich mitten in die Wirren des Risorgimento. Er verteidigte 1849 die Römische Republik gegen französische Truppen, doch sein eigentliches Meisterstück folgte 1860. Der legendäre Zug der Tausend (Spedizione dei Mille), mit dem er den Süden Italiens eroberte. Dass er diese Gebiete schließlich König Viktor Emanuel II. (1820–1878) unterstellte, ebnete den Weg zur Staatsgründung im Jahr 1861. Garibaldi, der seine letzten Jahre auf Caprera verbrachte, blieb Zeit seines Lebens ein Mann des Volkes, der die Musik und den Gesang liebte – auf der nicht allzu großen Insel Caprera nördlich von Sardinien stand sogar ein Klavier, auf dem seine Tochter Teresita spielte. Er verkörpert bis heute den unbändigen Drang nach nationaler Freiheit, weshalb sein Name vor allem in Italien eine beispiellose Strahlkraft behielt.

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Garribaldi Polca aus einem Notenbuch von Josef Kaltenbach aus Breitnau, um 1900
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Spundlochmusig – Garibaldi Polka aus Breitnau

Kanal: Wulf Wager, 05.09.2016

Die schöne Gigogin

Ein erster Mosaikstein war also gefunden – ein stimmiges Ganzes ergab sich jedoch noch nicht. Erst ein zweiter Zufall führte dazu, dass mich diese Verbindung von schwäbischer Volksmusik und italienischer Nationalgeschichte nicht mehr losließ. Als ich im Sommer 2024 meinen Sommerurlaub in meinem geliebten Sehnsuchtsland Italien in den Marken verbrachte, schloss sich der Kreis plötzlich. In Castelfidardo, dem Weltzentrum des Harmonika- und Akkordeonbaus und gleichzeitig dem Ort einer entscheidenden Schlacht des Risorgimento, besuchte ich ein Konzert eines äußerst virtuosen Akkordeonquartetts. Das Konzertprogramm begann mit für mich schwer greifbarer zeitgenössischer Musik, entwickelte sich im Laufe des Abends aber zu immer leichter zugänglichen Stücken bis hin zu einem luftigen Medley italienischer Folkloremelodien – Carneval in Venedig, O sole mio und plötzlich: Der Wein, das Bier und die verdammte Liebe! Fast hätte ich lauthals mitgesungen, so überrascht war ich, diese Melodie so plötzlich und unvermittelt wiederzuerkennen. Die darauffolgenden Programmpunkte wurden für mich dann fast schon zur Qual, da ich das Ende des Konzerts nun kaum erwarten konnte, um von den Musikern Hintergründe zu dieser Melodie zu erfahren. In meinem besten Italienisch fragte ich danach und bekam als Antwort: La bella Gigogìn oder auch Dàghela avanti un passo. Die schöne Gigogìn also und eine schwer wörtlich zu übersetzende Phrase, im Mailänder Dialekt, wie sich später herausstellen sollte, in etwa: »Gib ihr  einen Schritt vorwärts« – beides für mich mindestens genauso rätselhafte Titel wie der Text des Kesseltaler Trinkliedes.

Paolo Giorza [State Library Victoria]

Ein Werk mit Eigendynamik

Damit war jedoch eine Fährte gelegt, die ich sorgsam recherchierte. Mich interessierte plötzlich, wer diese schöne Gigogìn sein sollte und warum sie einen Schritt vorwärts gehen sollte. Im Internet fand ich ausschließlich italienische Quellen dazu. Kein Wunder, dass die wahre Herkunft des Kesseltaler Trinkliedes bzw. des Garibaldi-Schottischs bislang verborgen blieb. Die Ergebnisse dieser Recherchen möchte ich im Folgenden hier erstmals präsentieren und auch wenn sicherlich noch ein paar kleinere Mosaiksteine fehlen, so ergibt sich dennoch bereits ein sinnvolles Gesamtbild: Eine Melodie, die im nordschwäbischen Wirtshaus die verdammte Liebe beklagte, war einst der Herzschlag der italienischen Unabhängigkeit gewesen.

Der Ursprung dieser Melodie ist in Mailand zu finden, wo sie von Paolo Giorza (1832–1914) komponiert wurde. Giorza, ein Sohn der Stadt, war ein äußerst produktiver Komponist von Balletten, Märschen und Tänzen, der später als Auswanderer in Australien und den USA Karriere machte. Für seine Bella Gigogìn, mit offiziellem Titel Dàghela avanti un passo, ließ er sich von verschiedenen lombardisch-piemontesischen Volksliedern inspirieren und schuf daraus ein Potpourri, das den Nerv der Zeit traf.

Obwohl Paolo Giorza der tatsächliche Schöpfer war, entwickelte das Werk eine Eigendynamik, die sie untrennbar mit dem Namen des großen Freiheitskämpfers verknüpfte. Giuseppe Garibaldi selbst schätzte Giorzas Arbeit außerordentlich. Im Jahr 1866 beauftragte er den Komponisten sogar persönlich, eine weitere Kriegs-Hymne zu vertonen, und dankte ihm in einem Brief aus Como ausdrücklich für dessen inspirierende Kraft im Kampf für die Freiheit. Dass Garibaldi höchstpersönlich der Komponist des Werks gewesen sein soll, ist zwar historisch unzutreffend, verbreitete sich jedoch als feste Legende im Volk.

Garibaldi-Melodien nördlich der Alpen

Interessanterweise taucht der Name Garibaldi – im Gegensatz zum phonetisch reduzierten »gar balde« im Kesseltaler Trinklied – im eigentlichen Text von Giorzas Komposition überhaupt nicht auf. Dennoch wurde das Werk fortan unzertrennlich mit dem Helden des Risorgimento assoziiert, was sich in den Titeln zahlreicher Instrumentalfassungen widerspiegelte. Diese fanden als Polca di Garibaldi, Garibaldi-Polka oder, wie bereits erwähnt, als Garibaldi-Schottisch eine Verbreitung weit über die Grenzen Italiens hinaus.

Paolo Giorza: Titelblatt einer Ausgabe von Daghela avanti un passo, 1859 [National Library of Australia]
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Daghela avanti un passo

Kanal: Ars Nova Orchestra – Thema, 20.05.2024

Mir sind im Zuge meiner Recherchen neben der Tanzmelodie aus dem Archiv für Volksmusik in Schwaben bisher noch zwei weitere instrumentale Fassungen ohne Text aus der Schweiz und aus dem Schwarzwald untergekommen. Für den Hinweis auf die Garribaldi Polca (sic!) aus einem Notenbuch von Josef Kaltenbach aus Breitnau um 1900 danke ich Wulf Wager, der diese Version auch mit der Spundlochmusig spielt. Diese Beispiele zeigen eindrucksvoll, wie tief südliche Klänge als Garibaldi-Melodien in die regionale Volksmusik nördlich der Alpen eingesickert sind.

Doch zurück zur Entstehungsgeschichte. Die Uraufführung von Giorzas Komposition fand am 31. Dezember 1858 im Teatro Carcano in Mailand statt. Unter der Leitung von Gustavo Rossari spielte die städtische Kapelle das Stück als Intermezzo. Der Erfolg war beispiellos: Die Begeisterung des Publikums war so groß, dass die Kapelle das Stück achtmal wiederholen musste. Die Mailänder erkannten sofort die politische Sprengkraft des Textes, der offiziell harmlos daherkam, aber vor Anspielungen und Doppelsinnigkeiten nur so strotzte.

Noten

Siehe auch: »Der Wein, das Bier und die verdammte Liebe«

Noten-Beschreibung und PDF
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Liederlust ♪ 25: »Der Wein, das Bier und die verdammte Liebe« - BLfH, Abteilung Volksmusik

Kanal: Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e. V., 15.10.2022
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Weisch no, d'Farmerband Wyl - Garibaldi

Kanal: sopranopesche, 04.09.2015

Kurioser Schlachtgesang und pikante Hymne

Mit diesen versteckten Anspielungen wurde das Lied schließlich zur inoffiziellen Hymne des Risorgimento und fand eine große Verbreitung. Eine der kuriosesten Episoden ereignete sich während der Schlacht von Magenta am 4. Juni 1859. Die österreichischen Militärkapellen hatten die eingängige Melodie so oft gehört, dass sie sie in ihr Repertoire aufgenommen hatten. So standen sich die Armeen gegenüber, und beide Seiten spielten dasselbe Lied: Die Österreicher bliesen zum Angriff mit den Melodiepassagen der Bella Gigogìn, während die französischen und piemontesischen Truppen mit Dàghela avanti un passo antworteten und schließlich zum Sieg stürmten. Es war wohl das einzige Mal, dass eine patriotische Hymne von beiden Kriegsparteien gleichzeitig als Schlachtgesang genutzt wurde.

Auch in den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten setzte sich der Triumphzug von Paolo Giorzas Komposition ungebrochen fort, bis sie schließlich als untrennbarer Bestandteil tief in das kulturelle Gedächtnis Italiens einsank. Die Popularität des Werkes war zeitweise so gewaltig, dass es nach der Einigung des Landes ernsthafte Bestrebungen gab, die Bella Gigogìn zur offiziellen Nationalhymne zu machen. Dass aus diesen Vorschlägen letztlich nichts wurde, lag jedoch unter anderem an den zahlreichen Doppeldeutigkeiten des Textes. Die Verse sind so reich an Anspielungen, dass sie durchaus den Schluss zulassen, die schöne Gigogìn habe die Soldaten nicht nur durch ihren patriotischen Eifer, sondern auch auf eine ganz andere, weitaus erotischere Weise angefeuert.

Es bleibt daher ein durchaus amüsantes Gedankenspiel, sich vorzustellen, wie die italienische Fankurve heute vor einem Länderspiel oder bei offiziellen Staatsakten mit Inbrunst jene Melodie anstimmen würde, die uns in Bayerisch-Schwaben als Trinklied vertraut ist. Man stelle sich diesen Kontrast vor: Statt des furiosen Canto degli Italiani (besser bekannt als Inno di Mameli nach seinem Dichter Goffredo Mameli benannt), der mit dem stolzen Aufruf Fratelli d’Italia beginnt und in einem frenetischen Sì! endet, wäre beinahe eine Melodie zum Staatssymbol geworden, die im Kesseltal nun den Wein, das Bier und die verdammte Liebe besingt.

Ihren festen Platz im offiziellen Protokoll hat die Bella Gigogìn an anderer Stelle gefunden: Sie dient den Bersaglieri bis heute als unverzichtbarer Truppenmarsch und Paradestück. Diese 1836 ins Leben gerufene Eliteeinheit der leichten Infanterie – deren Name sich vom italienischen bersaglio (= Ziel) ableitet und im Deutschen etwa Schützen entspricht – ist weltweit für ihre außergewöhnliche physische Kondition und ihren markanten Kopfschmuck aus schwarzen Auerhahnfedern bekannt. In ihrer Gründungsphase waren die Bersaglieri als hochmobile Eingreiftruppe konzipiert, die sich im Laufschritt von Ort zu Ort bewegte, um den Gegner durch blitzschnelle Manöver zu überrumpeln. Auch wenn die Einheit heute längst motorisiert ist, wird die traditionsreiche corsa dei bersaglieri bei Paraden und im Dienst als stolzes Markenzeichen fortgeführt. Dass die Soldaten die ohnehin schon körperlich fordernde corsa im rasanten Laufschritt zusätzlich mit lautstarker Blechblasmusik begleiten, macht die Aufführung zu einem der wohl dynamischsten und eindrucksvollsten musikalischen Erlebnisse innerhalb der italienischen Militärtradition.

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Italienisches Original

Rataplàn! Tambur io sento / che mi chiama alla bandiera. / O che gioia, o che contento! / Io vado a guerreggiar.

Rataplàn! Non ho paura / delle bombe e dei cannoni. / Io vado alla ventura, / sarà poi quel che sarà.

Oh la bella Gigogìn / col tro-mi-le-ri-le-le-ro / la va a spass col sù spincìn / col tro-mi-le-ri-le-là.

Di quindici anni facevo all’amore, / dàghela avanti un passo, / delizia del mio cuore! / A sedici anni ho preso marito, / dàghela avanti un passo, / delizia del mio cuore! / A diciasette mi sono spartita, / dàghela avanti un passo, / delizia del mio cuor!

La vén, la vén, la vén alla finestra / l’è tutta, l’è tutta, l’è tutta incipriada, / la dìs, la dìs, la dìs che l’è malada / per non, per non, per non mangiar polenta. / Bisogna, bisogna, bisogna aver pazienza, / lassàla, lassàla, lassàla maridà.Le baciai, le baciai il bel visetto, / cium, cium, cium! / La mi disse, la mi disse: / oh che diletto! / Cium, cium, cium! / Là più basso, là più basso, in quel boschetto, / cium, cium cium, / anderemo, anderemo a riposar! / Ta-ra-ta-tà.

Deutsche Übersetzung

Rataplàn! Ich höre die Trommel, / die mich zur Fahne ruft. / Oh, welche Freude, oh, welche Wonne! / Ich ziehe in den Krieg.

Rataplàn! Ich habe keine Angst / vor Bomben und Kanonen. / Ich ziehe ins Abenteuer, / es kommt, wie es kommt.

Oh, die schöne Gigogìn / mit dem tro-mi-le-ri-le-le-ro / sie geht spazieren mit ihrem Bräutigam / mit dem tro-mi-le-ri-le-là.

Mit fünfzehn Jahren erkannte ich die Liebe, / komm schon, mach einen Schritt vorwärts, / Freude meines Herzens! / Mit sechzehn habe ich geheiratet, / auf geht’s, mach einen Schritt voran, / Freude meines Herzens! / Mit siebzehn Jahren habe ich mich getrennt, / komm schon, geh einen Schritt vorwärts, / Freude meines Herzens!

Sie kommt, sie kommt, sie kommt ans Fenster, / sie ist ganz, sie ist ganz, sie ist ganz gepudert, / sie sagt, sie sagt, sie sagt, sie sei krank, / nur um, nur um, nur um keine Polenta zu essen. / Man muss, man muss, man muss Geduld haben, / lass sie, lass sie, lass sie heiraten.Ich küsste, ich küsste ihr hübsches Gesicht, / Kuss, Kuss, Kuss! / Da sagte sie zu mir, da sagte sie zu mir: / Oh, was für eine Wonne! / Kuss, Kuss, Kuss! / Dort hinunter, dort hinunter, in jenes Wäldchen, / Kuss, Kuss, Kuss, / werden wir hingehen, werden wir uns ausruhen! / Ta-ra-ta-tà.

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»Bella Gigogin« (Beautiful Gigogin) - Italian Patriotic Song

Kanal: Get off my Channel Productions, 07.02.2026, ITALY

Offene Fragen – italienische und schwäbische

Das Mosaik dieser musikalischen Spurensuche ergibt somit bereits ein erstaunlich sinnvolles Ganzes, auch wenn zweifellos noch Steine fehlen, um das Bild der Bella Gigogìn nördlich der Alpen vollständig zu komplettieren. Eine spannende Hypothese, der ich in Zukunft weiter nachgehen möchte, betrifft beispielsweise die kompositorische Arbeitsweise von Paolo Giorza. Da er für sein Werk nachweislich auf Volkslieder des Piemont und der Lombardei zurückgegriffen hat, drängt sich die Frage auf, ob es eventuell italienische Textfassungen gibt, die dem nordschwäbischen Trinklied inhaltlich noch näherstehen als die bekannte patriotische Version. Mit anderen Worten: Gibt es neben den auffallenden melodischen Bezügen vielleicht auch direkte textliche Verbindungen?

Es ist kaum von der Hand zu weisen, dass das Lied in Italien eine enorme Popularität genoss und sich auch über die mündliche Überlieferung verbreitete. Existierte also bereits eine italienische – oder spezifischer: eine lombardische oder piemontesische – Trinkliedfassung, in deren Text der Name Garibaldi bereits eingeflossen war? Dass eine solche Umtextung schon in Italien stattfand, erscheint durchaus plausibel. Schließlich war das Lied so populär, dass es nachweislich auch von Soldaten gesungen wurde, die bekanntlich als trinkfest galten.

Fanfara Bersaglieri Arturo Scattini di Bergamo
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Fanfara Scattini - La bella Gigogin - Berbenno 2011

Kanal: Piumato1836, 17.07.2011
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FANFARA BERSAGLIERI-STÜCKE LAUFEN AUF DER PIAZZA MAGGIORE IN BOLOGNA

Kanal: F.C.P. VIDEO CHANNEL, 29.10.2022
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La bella Gigogin Banda Nazionale Interforze Altare della Patria Piazza Venezia Roma 16/03/2011

Kanal: MuffinOtto, 15.02.2016

Klar erkennbar ist hingegen, wie die nordschwäbische Version die rhythmische Struktur der Melodie für humorvolle Späße und den kryptischen Refrain nutzt, während die ursprünglichen italienischen Bezüge – wie die Figur der Gigogìn – komplett verblasst sind und durch lokale Charaktere wie eine nicht näher bekannte »Lena« ersetzt wurden. Selbst das »Kügale«, das im Kesseltaler Lied nun endlich »dussa« ist, lässt sich eventuell so dechiffrieren: Während Giorzas Original martialisch von »bombe e cannoni« (= Bomben und Kanonen) sang, blieb das »Kügale«, also ein Projektil, als letztes inhaltliches Überbleibsel der militärischen Thematik erhalten, wurde jedoch im nordschwäbischen Kontext völlig entpolitisiert und ins Komische gezogen. Wenn man bei der Aufnahme aus der Feldforschung genau hinhört, bemerkt man, dass die Sänger eigentlich »’s Kugale isch jetzt dussa« singen. Wenn eine solche Kugel nach einer Schlacht aus einem Verletzten herausoperiert werden konnte, war es ihm sicher sofort wieder wohler. Das ist jedoch nur eine mögliche Erklärungshypothese. Das Kesseltaler Lied lässt offen, was unter dem »Kugale« bzw. »Kügale«, wie es die Volksmusikpflege verbreitet hat, alles verstanden werden kann und warum es einem dann wieder gut geht, wenn es endlich draußen ist.

Musik kennt keine Grenzen

Eine andere, weitgehend offene Frage betrifft die Verbreitungsgeschichte. Wie gelangte dieses zutiefst mit der italienischen Nationalgeschichte verbundene Werk in andere Gegenden wie zum Beispiel ins Kesseltal? Wahrscheinlich erfolgte dies im 19. Jahrhundert hauptsächlich auf zwei verschiedenen Wegen: Zum einen waren es die Militärkapellen, die durch Europa zogen. Da die Lombardei bis 1859 Teil des österreichischen Kaiserreichs war, nahmen heimkehrende Soldaten die Melodie mit in deutschsprachige Gebiete – vielleicht sogar ohne deren ursprüngliche politische Sprengkraft zu erahnen. Auf diesem Wege wären die verschiedenen Instrumentalfassungen erklärbar, bei denen die musikalischen Motive zwar erkennbar sind, aber dennoch eigene melodische Wendungen nehmen. Zum anderen war Giorzas Musik so beliebt, dass sie über Musikdrucke, beispielsweise in Bearbeitungen für Klavier, Eingang in die Salons der europäischen Metropolen fand.

Trotz dieser Erkenntnisse zu seinen Hintergründen, die hier zum ersten Mal öffentlich dargestellt wurden, bleibt das Kesseltaler Trinklied weiterhin in vielerlei Hinsicht rätselhaft. Die Reise der Bella Gigogìn zeigt jedenfalls, dass Musik keine geographischen Grenzen kennt. Die Geschichte der schönen Gigogìn und der »versoff’nen Seele« Garibaldis ist somit weit mehr als eine kuriose Anekdote – sie ist ein Zeugnis für die manchmal versteckte Existenz südlicher Klänge nördlich der Alpen.

Recherche

Der Autor Johannes Sift interessiert sich für die weitere historische und heutige Verbreitung des Werks und nimmt weitere Hinweise und Belege für die Melodie gerne entgegen.
info@johannes-sift.de

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