Land.schafft.Klang

Eine Ausstellung legt ihr Ohr an die Themen ­Agrarlandschaft und Artenverlust

19. Juli 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

Text: Michaela Metz Fotos: Michaela Metz, Herbert Pöhnl, Katharina Kuhlmann, Roland Pongratz

Die Sumpfohreule klingt schräg, fast wie ein schlecht geöltes Scharnier. Die Wechselkröte dagegen überraschend sanft. Stundenlang sitzt die Musikerin Evi Keglmaier vor dem Computer und hört sich durch unzählige Aufnahmen von Vogelrufen und Amphibienstimmen. Sie sortiert, verwirft, vergleicht. Ist dieser Klang eher perkussiv oder melodisch? Liegt er im Orchester der Tierstimmen eher im Sopran oder in den tiefen Lagen? Passen bestimmte Rufe vielleicht sogar in eine gemeinsame Tonart? »Es war dann c-Moll«, sagt Keglmaier über ihr Requiem für verschwundene Arten, das sie eigens für die Wanderausstellung Land.schafft.Klang komponierte und das 2025 im Theater Regensburg uraufgeführt wurde.

Aus Rufen und Lauten entsteht nach und nach ein musikalischer Raum. Einzelne Klänge tauchen auf, verschwinden wieder. Die eigentlichen Solisten aber bleiben die Tiere selbst. Der Ruf des Triels etwa bekommt im Zusammenspiel mit der einsetzenden Tuba etwas tief Trauriges. Und gleichzeitig stellt Keglmaier genau diese menschliche Deutung sofort wieder infrage. Vielleicht, sagt sie, sei das bereits eine Form von musikalischem Framing. Vielleicht würden dieselben Tierstimmen in einem beschwingten musikalischen Kontext ganz anders wirken. Traurig oder fröhlich seien sie schließlich nicht an sich. Erst der Mensch höre sie so.

Einblicke in die Ausstellung

»Immer wieder imitieren die Instrumente Geräusche der Wiese

Blick in die Partitur eines Sommertages.

Im Klangzelt zum Ursprung

Dieses präzise Hören bildet den Ausgangspunkt der Wanderausstellung Land.schafft.Klang des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege. 2025 erhielt sie den Umweltpreis der Bayerischen Landesstiftung. Für Land.schafft.Klang entwickelte Keglmaier nicht nur das Requiem, sondern gemeinsam mit der Soundkünstlerin Mirijam Streibl auch die Musik des begehbaren Klangzelts voller sphärischer Wiesenklänge. Streibl formte aus der Fülle der Aufnahmen einen dichten Klangteppich aus Bussardrufen, Krähen, Fröschen, Sensen und Kuhglocken und der rotflügeligen Schnarrschrecke von den Almwiesen des Oberallgäus. Keglmaier antwortete darauf mit Gesang, Bratsche, Akkordeon, Tuba und Hackbrett. Immer wieder imitieren die Instrumente Geräusche der Wiese, greifen Rhythmen oder Bewegungen auf. Dahinter steht ein Gedanke, der fast archaisch wirkt: dass menschliche Musik ursprünglich aus dem Hören der Umgebung entstanden sein könnte, aus Wasser, Wind, Donner und Vogelrufen.

In dieses Klangzelt der Ausstellung Land.schafft.Klang gelangt das Publikum durch einen schweren weißen Vorhang. Drinnen sitzt man in einem runden Raum, fast wie in einer Jurte, auf einer Bank und hört sechs Minuten lang Evi Keglmaiers Komposition.

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Die Kuratorinnen Laura Kuen und Lioba Degenfelder erzählen in ihren Führungen vom Kiebitz, von der Entwicklung des Graslands, von nächtlichen Vogelzügen und von Insekten, die über feinste Vibrationen im Boden kommunizieren. Und plötzlich richtet sich der Blick auf Dinge, die sonst kaum auffallen.

Musikerin Evi Keglmaier hat für die Ausstellung Land.schafft.Klang eigene Werke komponiert.
field recording

Das Orchester der Tiere

Dabei stößt man auch auf die noch junge Ökoakustik. Mit Mikrofonen und Aufnahmen über Wochen und Monate erforscht sie ganze Lebensräume. Sie hört nicht nur Tieren zu, sondern Landschaften. Der amerikanische Klangforscher Bernie Krause beschrieb dieses Zusammenspiel als »Orchester der Tiere«. Jede Art besetzt darin ihre eigene akustische Nische, ihre eigene Höhe oder Tiefe, ihren eigenen Einsatz. Erst zusammen entsteht der Klang einer Landschaft.

Eine Station der Ausstellung trägt deshalb den Titel Das Orchester der Tiere. Dort schuf Evi Keglmaier die Partitur eines Sommertages, die auf großen Seiten zwischen Bambusstangen hängt. Besucherinnen und Besucher können sie beinahe wie Musik mitlesen.

Der Bayerische Landesverein für Heimatpflege greift mit dieser Ausstellung zugleich einen Gedanken auf, der seine Arbeit seit Jahrzehnten prägt: Heimat entsteht nicht nur in Bauwerken, Liedern oder Bräuchen, sondern auch in den gewachsenen Kulturlandschaften Bayerns. Wiesen, Weiden und Almen wurden über Jahrhunderte von Menschen und ihren Weidetieren geformt. Land.schafft.Klang richtet nun das Ohr auf diese Landschaften.

Für viele Besucherinnen und Besucher verschiebt sich die Ausstellung im Lauf des Rundgangs vom Wissen ins Erleben. Zunächst richtet sich die Aufmerksamkeit auf Zusammenhänge und auf überraschende Fakten. Dann erreicht man das Klangzelt und die Requiem-Station, die oft etwas für sich steht. Dort rutscht vieles tiefer. Ins Gefühl. Vielleicht auch in den Bauch.

Einblicke in die Ausstellung

An der Requiem-Station haben die Gestalter Katharina Kuhlmann und Alfred Küng eine echte Gebetsbank platziert. Das Kopfhörerkabel ist bewusst kurzgehalten, man muss sich leicht vorbeugen, fast wie bei einer stillen Andacht. Der Blick fällt auf Karten, gestaltet nach dem Vorbild bayerischer Sterbebilder. Darauf sieht man bedrohte Arten wie Steinrötel, Braunkehlchen oder Wiedehopf. QR-Codes führen zu ihren Stimmen. Eine Grabkerze brennt. Es ist einer der stillsten Momente der Ausstellung. Denn plötzlich geht es um Erinnerung.

»Mein Freund hat kürzlich zum ersten Mal eine Nachtigall gehört.«

Der Landschaft zuhören

»Mein Freund hat kürzlich zum ersten Mal eine Nachtigall gehört«, erzählt Laura Kuen in einer Führung im Museum KulturLand Ries in Maihingen. Der Satz bleibt hängen. Viele Vogelrufe und Tierlaute, die frühere Generationen sofort erkannten, kommen heute kaum noch vor. Unsere Großeltern kannten solche Stimmen selbstverständlich. Für uns ist der heutige, bereits deutlich ausgedünnte Zustand dagegen normal. Nicht nur Tier- und Pflanzenarten verschwinden. Auch ein kollektiver Erfahrungsschatz geht verloren.

Ältere Volkslieder bewahren davon bis heute Spuren. Da sitzt die Nachtigall eben nicht beliebig »auf dem Tannenbaum«, sondern im Haselgebüsch, während oben im Nadelbaum eher das Rotkehlchen singt. Solche Bilder entstanden aus genauer Naturbeobachtung. Über Generationen hinweg gaben Lieder Wissen über Tiere, Pflanzen, Jahreszeiten, Wetter, Landschaft und das Leben im Jahreslauf weiter.

Genau dieser Frage ging Kuratorin Lioba Degenfelder auch in einem Workshop im Rahmen von drumherum – Das Volksmusikspektakel 2026 in Regen nach. Gemeinsam mit der Sängerin Simone Lautenschlager verband sie dort Volkslieder mit Fragen nach Landschaft und Artenreichtum. Wie wurde Wissen über Pflanzen, Tiere und Jahreszeiten über Lieder weitergegeben?

Viele der Klänge in der Ausstellung stammen von Charles Kenwright. Als Teil des Teams sammelte er Wiesenklänge. Schon heute nennt er seine field recordings ein »Klangarchiv«. Vielleicht, sagt er, klingen manche dieser Orte am Ende der Wanderausstellung bereits anders als heute. Vielleicht fehlen dann schon einzelne Stimmen.

Gerade darin liegt die Kraft von Land.schafft.Klang. Die Ausstellung erzählt nicht abstrakt vom Verlust der Arten. Sie macht hörbar, wie reich eine Landschaft klingt, wenn viele verschiedene Stimmen gleichzeitig ihren Platz haben.

https://landschafftklang.de
Eröffnung am aktuellen Standort in Regen mit Kuratorin Lioba Degenfelder und Dr. Rudolf Neumaier (Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e. V.)
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Aufmacher:
Einblicke in die Ausstellung

Aktueller Standort

Die Ausstellung Land.schafft.Klang ist noch bis 6. September 2026 täglich im Niederbayerischen Landwirtschaftsmuseum Regen zu sehen.

www.nlm-regen.de
Video: Bericht von der Ausstellungsstation Maihingen.

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