Ein Oberlandler in Kolumbien beim König der Dissonanz

14. September 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Text: Sebastian Gröller Fotos: Michael Mayr

»Des is unglaublich, wås de då rausholen aus ihre Ziahhageln.«, erzählt Michael Mayr begeistert über die kolumbianischen Akkordeonistinnen und Akkordeonisten. »Des is a komplett andere Spielweise, die haun da wild drauf rum und lassen die Fingern von unten nach oben gleiten, so schnell kannst gar ned schaun!«

Michael Mayr, geboren in Partenkirchen und aus einer Musikerfamilie stammend, ist ein kreativer Tausendsassa: ausgebildeter Bildhauer, Angel-Guide in Kanada und begeisterter Vermittler von naturbezogenem Wissen. Doch wohin er auch reist – sein Ziahhagel, wie Michael seine Steirische Harmonika gerne bezeichnet, ist immer dabei. Seit 2023 führt ihn sein Weg auch nach Kolumbien, wo ihn eine besondere musikalische Begegnung erwartet.

Kolumbianisches Nationalinstrument aus Deutschland

Das Nationalinstrument der Kolumbianer ist auch ein Ziahhagel könnte man sagen. Das Akkordeon – Zumeist wird dort sogar ein bestimmtes Modell gespielt: die Hohner Corona III, ein ausschließlich in Deutschland produziertes Instrument. Wie kommt es dann, dass so viele davon in Kolumbien zu sein scheinen? Dafür gibt es eine mehr oder weniger einfache Erklärung: Vor etwa 150 Jahren erlitt ein deutsches Frachtschiff, welches, beladen mit 1.000 Hohner Corona III Akkordeons unterwegs nach Argentinien war, an der Küste vor Kolumbien Schiffbruch. Die an Land gespülten Instrumente wurden von den Einheimischen aufgelesen und gespielt.

Leider gibt es keinerlei Belege dafür, dass jemals ein Schiff an der Küste Kolumbiens sank oder irgendwelche Instrumente an den Ufern angespült wurden. Dennoch ist es eine populäre Legende, die den Ursprung des Akkordeons in diesem Land erklärt oder mehr noch symbolisiert. Auch ist es eine schönere Geschichte als zu sagen, dass tatsächlich das Akkordeon im 19. Jahrhundert in Deutschland entwickelt wurde und seinen Weg nach Südamerika durch verschiedene Handelsrouten und Migrationen fand.

Die Mischung aus europäischen, indigenen und afrikanischen Musikstilen zusammen mit dem charakteristischen Klang der Corona III entwickelten sich zusammen zum Vallenato, einem Musikstil, der heute zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO anerkannt wurde. »Die Deutschen haben das Instrument erfunden, und wir haben der Welt gezeigt, wie man es spielt.«, so lautet in Kolumbien der selbstbewusste Schlusssatz.

Auch auf der visuellen Ebene zeigen die Akkordeonistinnen und Akkordeonisten ordentlich Selbstbewusstsein. Ihre Instrumente sind selten schlicht. Sie werden mit Glitzersteinchen verziert, mit glänzender Folie beklebt oder bunt bemalt. Oft extravagant, manchmal richtig protzig, aber immer ein Hingucker.

»Instrumente sind rar

Hilfe für die nächste Generation

Als Michael Mayr in das südamerikanische Land kam, suchte er Andrés Eliécer Gil Torres – kurz El ­Turco Gil – auf, auch bekannt als Rey de Dissonante (= König der Dissonanz) oder Rey del Reys (= König der Könige). El Turco ist einer der besten und beliebtesten Akkordeonspieler des lateinamerikanischen Landes. Nach vielen Jahren erfolgreicher Musikerkarriere widmete sich der Maestro einer neuen Mission: eine Musikschule in Valledupar. In erster Linie für Arme, Waisenkinder, Kinder mit Behinderungen und Frauen.

Für viele ist das Akkordeonspiel bis heute eine der wenigen Chancen, Armut und der Vereinnahmung durch Drogenkartelle zu entkommen. El Turco Gil sah in der Musik ein Werkzeug des Wandels – und brachte sie dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht wurde. Instrumente sind rar an der Academia de Música Vallenata. Die meisten Schüler bekommen ihr Akkordeon nur während des Unterrichts in die Hände – zu Hause fehlt es oft an allem, auch an der Möglichkeit zu üben.

Genau diesem Problem will Michael Mayr sich nun widmen. Tatsache ist, dass auf vielen deutschen Dachböden ungenutzte Instrumente herumliegen und verstauben. Die Menschen in Kolumbien, einschließlich der Schüler der Academia in Valledupar, benötigen diese Instrumente. Sie sind ein ungemein kostbares Gut für die Einwohner des Andenstaats.

Kolumbische Ziahhageln unterwegs

Michael Mayr ist diesen Herbst wieder in Deutschland unterwegs und wird auf Tour gehen, das Instrument und seine Spielweise zusammen mit begnadeten Musikern vorstellen. Dazu wird er auch Erfahrungsberichte aus seiner Zeit in Kolumbien mit im Gepäck haben.

Termine: Mittwoch, 7. Oktober 2026: Hotel Kovél, Oberammergau | Donnerstag, 8. Oktober 2026: Café am Josefsplatz, München | Freitag, 9. Oktober 2026: Walhalla of Whiskey Museum, Regensburg | Mittwoch, 14. Oktober 2026: Museum Werdenfels, Garmisch-Partenkirchen

Aufruf

Haben Sie, liebe Leser, eine ­Hohner Corona III ungenutzt zuhause rumliegen und möchten einem Kind in Kolumbien eine Freude bereiten? Auch Geldspenden werden gerne angenommen.

www.ziachforkids.com

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Aufmacher:
Unterricht beim großen Maestro.

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