Wenn alte Noten tanzen lernen

Wie eine Melodie aus der Ziemetshauser Handschrift zu einer neuen Choreographie inspirierte

18. September 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Text: Magnus Kaindl

Die Idee, einmal selbst als Tanzchoreograph einen neuen Tanz zu kreieren, ist tatsächlich einem Hörzufall zu verdanken. Rückblende: Johannes Sift ist mit seinem Ensemble Quetschendatschi und befreundeten Musikern im Studio 2 im BR eingeladen, um neue Stücke fürs Radioprogramm einzuspielen. Bei dieser Gelegenheit kann ich mit dem Basshackbrett mitwirken und mehreren Stücken eine tiefe Klangfarbe verleihen. Auf dem Programm stehen neben bekannteren Tanzmelodien wie dem Rediwa und dem Schmiedbauer-Zwiefachen auch Stücke aus alten Notenhandschriften, darunter ein zweiteiliger Notensatz mit der Nummernbezeichnung 121 aus der so genannten Ziemetshauser Handschrift.

Diese gilt als die derzeit älteste Musikantenhandschrift aus Bayerisch-Schwaben. Das kleine Büchlein umfasst insgesamt 158 Seiten und wurde von mehreren Schreibern im Zeitraum von 1750 bis 1830 angelegt. In der ersten Hälfte des Buches befinden sich hauptsächlich zweiteilige, zum Teil menuettartige Stücke. Im Anschluss daran überwiegen ländler-artige Melodien, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgeschrieben wurden.

Musikstück Nr. 121

Die Melodien sind alle einstimmig notiert und ohne weitere Betitelung einfach durchnummeriert. Eine Instrumentenangabe findet sich nicht. Vermutlich handelt es sich aber um eine Handschrift für Geige oder Klarinette. (aus: www.volksmusik-magazin.de/auf-schatzsuche-in-alten-notenbuechern, aufgerufen am 4.3.2026).

Die Sammlung wurde 2020 in der Beratungsstelle für Volksmusik des Bezirks Schwaben von Katharina Heinle und Christoph Lambertz bis zur Nummer 103 auch transkribiert und steht digital zur Verfügung. (Stand Sept. 2026 leider nicht mehr verfügbar:https://volksmusik.bezirk-schwaben.de/media/6168/notenhandschrift-aus-ziemetshausen-avs-n-63-nr-15-103.pdf) Das hier im Fokus stehende Musikstück mit der Nr. 121, verfasst im 6/8-Takt, lässt sich zeitlich vermutlich dem Ende des 18. Jahrhunderts zuordnen.

Als ich die Melodie bei den Studioaufnahmen gehört habe, kam mir sofort eine Assoziation mit französischen Kreistänzen, allen voran der Chapelloise, in den Sinn. Kurz erklärt: Die Chapelloise ist ein traditioneller Volkstanz auf meist schwungvolle 16-taktige Melodien im 2/4- oder 6/8-Takt mit Partnerwechsel, der zum Standardrepertoire im Balfolk gehört. Ich habe den Tanz bereits bei unzähligen Volkstanzveranstaltungen, Seminaren und Workshops erlebt und baue diesen auch immer wieder gerne in meine eigenen Tanzabende und Kurse ein.

Neue Schritte zu alter Handschrift

Die Ziemetshauser Melodie wartet nun allerdings mit ein paar Besonderheiten auf, die vor allem das Taktmaß betreffen. Denn sie verlässt das uns so vertraute Schema eines 8- bzw. 16-taktigen Aufbaus. Ihr 1. Teil besteht aus sechs Takten, die wiederholt werden. Ihr 2. Teil bringt es gar auf elf Takte, die auch wiederholt werden.

Besonders reizvoll aber auch herausfordernd war es also für mich, eine Choreographie zu entwickeln, die sich genau in dieses ungewöhnliche Gerüst harmonisch einfügt, ohne Kürzungen und Verlängerungen an der Melodie vornehmen zu müssen. Meine Ideen dazu habe ich bei einem kürzlich stattgefundenen Tanzseminar mit dem Trachtenverein Dießen, bei dem ich Mitglied bin, erprobt. Das Resümee: Der Tanz kam sehr gut an – ein toller Beleg für mich, dass meine Chapelloise-Variante á la Bayerisch-Schwaben nun gerne auch den weiteren Weg in die Öffentlichkeit finden und viele Tänzerinnen und Tänzer zum Mittanzen animieren möge.

Tanzbeschreibung

Ausgangsstellung: Beliebig viele Tanzpaare auf der Tanzfläche im Kreis mit Blick in Tanzrichtung. Die Paarbildung kann selbstverständlich ohne Bindung an Geschlechterrollen erfolgen. In der vorliegenden Tanzbeschreibung wird jedoch auf die Bezeichnungen Tänzer und Tänzerin zurückgegriffen, um die Tanzschritte und Figurenabfolgen besser erklären zu können.

Einhandfassung: der Tänzer fasst mit seiner rechten Hand die linke Hand der Tänzerin.

Schrittfolge Teil 1:

Gehschritte mit Handwechsel und Drehung um die eigene Achse.

Takt 1–2: Das Tanzpaar macht mit dem Innenfuß (er rechts, sie links) beginnend vier Schritte in Tanzrichtung.

Takt 3–4: Beide machen einen Handwechsel (er linke, sie rechte Hand), drehen sich dabei mit dem Rücken in Tanzrichtung und gehen vier Schritte rückwärts in Tanzrichtung weiter.

Takt 5–6: Beide lösen die Hände und drehen jeweils mit vier Schritten einmal um die eigene Achse (er nach rechts im Uhrzeigersinn, sie nach links gegen Uhrzeigersinn).

Wiederholung Schrittfolge Teil 1:

Takt 1–2: Das Tanzpaar blickt nun gegen Tanzrichtung, fasst seine Innenhände (er linke, sie rechte Hand) und geht mit dem Außenfuß (er rechts, sie links) beginnend vier Schritte gegen Tanzrichtung.

Takt 3–4: Beide machen einen Handwechsel (er rechte, sie linke Hand), drehen sich dabei mit dem Rücken gegen Tanzrichtung und gehen vier Schritte rückwärts gegen Tanzrichtung weiter.

Takt 5–6: Beide lösen die Hände und drehen jeweils mit vier Schritten einmal um die eigene Achse (er nach links gegen Uhrzeigersinn, sie nach rechts im Uhrzeigersinn).

Schrittfolge Teil 2:

Takt 1: Das Tanzpaar blickt wieder in Tanzrichtung und fasst sich an den Innenhänden (er rechte, sie linke Hand). Beide springen zusammen.

Takt 2: Beide springen auseinander.

Takt 3–4: Es folgt ein Platzwechsel. Der Tänzer dreht die Tänzerin mit einem Handwechsel (er linke, sie rechte Hand) in drei Schritten vor sich auf die Innenseite (Tänzerin dreht nach links gegen Uhrzeigersinn mit dem linken Fuß beginnend), während er auf die Außenseite geht (mit dem rechten Fuß beginnend).

Takt 5–6: Es folgt erneut ein Platzwechsel. Der Tänzer dreht die Tänzerin unter der neu gefassten Hand (er linke, sie rechte Hand) in drei Schritten vor sich wieder zurück auf die Außenseite (Tänzerin dreht wieder nach links gegen Uhrzeigersinn mit dem rechten Fuß beginnend), während er zurück auf die Innenseite geht (mit dem linken Fuß beginnend).

Takt 7–11: Das Paar blickt zueinander und geht mit insgesamt neun Schritten (er rechts, sie links beginnend) rechtsschultrig einmal Rücken an Rücken aneinander vorbei. Mit dem neunten Schritt auf Takt 11 können sich beide zunicken.

Wiederholung Schrittfolge Teil 2:

Takt 1–6: siehe oben.

Takt 7–11: Partnerwechsel: Das Rücken an Rücken erfolgt nun mit insgesamt neun Schritten (er rechts, sie links beginnend) rechtsschultrig mit dem neuen Partner zur Rechten. Mit dem neunten Schritt auf Takt 11 kann optional wieder ein Knopfnicken erfolgen.

Es geht mit neuem Partner wieder los mit Teil 1. Optional kann das Rücken an Rücken auch immer mit dem gleichen Partner durchgeführt werden (ohne Partnerwechsel).

Noten

Siehe auch: »Tanz aus der Ziemetshauser Handschrift«

Noten-Beschreibung und PDF
Aufmacher:

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