»Für mich spielt es keine Rolle, wo man juuzt: egal, ob im Konzertsaal oder in der freien Natur, es fühlt sich immer nach Freiheit an.« [Bernhard Betschart1]
Text: Lea Hagmann mit Bernhard Betschart
Der Schweizer Naturjodel erlebt seit geraumer Zeit ein großes Comeback. Besonders in den Städten – weitab von seinem ursprünglichen Kontext – treffen sich die Menschen, um diese nonverbale Art des Jodelns zu erlernen. Es gibt Workshops, die den Naturjodel mit Wellness kombinieren oder Kliniken, in denen der Naturjodel als Therapieform angeboten wird.2 Dabei scheint der archaisch klingende Naturjuuz3 aus dem engen und immer noch ziemlich abgeschiedenen Muotatal4 in der Zentralschweiz eine besonders dominante Rolle zu spielen. Das erstaunt: ist diese Jodelart in den 1980er-Jahren doch von vielen Jodlerinnen und Jodlern als »hinterwäldlerisch«, »schief« und »aus der Zeit gefallen« empfunden worden. Gemeinsam mit dem Muotataler Naturjuuzer Bernhard Betschart5 möchten wir herausfinden, weshalb der Naturjuuz derzeit ein so bedeutendes Revival erlebt und welche Bedeutung er für die Menschen heute hat.
Archaische Spuren
Als der deutsche Musikwissenschaftler Wolfgang Sichardt (1911–2002) 1936 seine Feldforschungsreise in die Schweiz unternahm, war er besonders daran interessiert, möglichst archaische Klang- und Formstrukturen der Schweizer Jodelarten aufzunehmen und zu untersuchen – wohl auch mit dem Ziel, das Urgermanische dieser Vokalformen herauszustreichen. Dabei war er besonders an den Naturjodelarten im Appenzellerland und im Muotatal interessiert, denen er beiden ein großes Alter zuschrieb.6
Die besonderen Merkmale, die Sichardt in seinen Magnettonbandaufnahmen feststellte, war zum einen die häufig vertretene Fa-Tonalität, also eine diatonische Tonleiter mit der Tonika-Finalis f, bei welcher der Tritonus als ein besonders prägnantes Merkmal hervortritt. Außerdem bemerkte Sichardt, dass die Quart in dieser Tonleiter nicht in das westlich-wohltemperierte System passte, sondern ein Viertelton darüber lag – das sogenannte Alphorn-Fa.
Der schweizerisch-französische Musikethnologe Hugo Zemp (1937–2026), der in den 1980er-Jahren Sichardts Spuren folgte, indem er die Naturjüüz im Muotatal in seinen Dokumentarfilmen festhielt, führte 2015 im Rahmen seines wissenschaftlichen Begleittexts seiner Dokumentarfilme für die Documentary Educational Resources eine genaue Messung der Intervalle in Sichardts Tonaufnahmen von 1936 im Muotatal durch und bemerkte, dass hier nicht nur das Alphorn-Fa gut hör- und messbar war (ca. 520–550 Cents), sondern dass auch die neutralen Terzen, Sekunden, Quinten und Septimen deutlich vorhanden waren.7
Bei Sichardts Tonaufnahmen8 sind sowohl Naturjödel, Jodellieder, Alphorn- und Büchelmelodien, Kuhreihen, Volkslieder, Alpsegen und Juchzer als auch Lockrufe für Tiere (sogenannte Chuäreiheli) vertreten. Sichardt schreibt dazu in seiner Dissertation »Vorausnehmend sei gesagt, dass es sich bei diesen Gebilden, wie klein sie auch immer sein mögen, keinesfalls um nur ›improvisierte‹, d. h. von den Regungen des Augenblicks bestimmte Äußerungen handelt.«9 Dieses Phänomen kann später auch in den audiovisuellen Aufnahmen von Hugo Zemp, sowohl auf seiner Schallplatte »Jüüzli« Jodel du Muotatal. Suisse (1979) als auch in seinen vier Dokumentarfilmen (1986/1987) festgestellt werden.
Zwischen fixen Kriterien und freieren Vortragsformen
Mit der Gründung des Eidgenössischen Jodlerverbands 1910, der sich der Pflege, Erhaltung und Verbreitung des schweizerischen Brauchtums, wie Jodeln, Alphorn- und Büchelblasen10 sowie Fahnenschwingen verpflichtete, dauerte es nicht lange, bis die ersten Jodelwettbewerbe durchgeführt wurden. Um hier gerecht bewerten zu können, wurden für das erste Verbandsfest 1924 die ersten Teilnahme- und Festreglemente ausgearbeitet: Das Auftreten in korrekt getragener Tracht wurde ebenso festgelegt, wie die Stimmqualität (weder »flach« noch »gekünstelt«), das Einhalten des Rhythmus, die Reinheit des Klangs und die standardisierte Vokalisation, d. h. das Einhalten streng reglementierter Jodelsilben. Diese Regeln standen jedoch oftmals im Kontrast zu traditionellen Praktiken im Naturjodel, so dass dieser innerhalb der Jodlerszene und in den Jodlerklubs immer weiter marginalisiert wurde.
Die Diskrepanz zwischen Verbandsregeln und gelebter Tradition führte Ende der 1960er-Jahre zu einer Art Protestbewegung seitens der Naturjodlerinnen und Naturjodler, die den Naturjodel in seinen unterschiedlichen regionalen Ausprägungen (Ostschweiz, Zentralschweiz, Bern) besser bekannt und seine diversen Charakteristika untersuchen, beschreiben und mit dem Reglement des Eidgenössischen Jodlerverbands besser kompatibel machen wollten, was 1974 zur Aktion Naturjutz führte.
Das Spannungsfeld zwischen der reglementierten Folklore und den lebendigen Jodeltraditionen steht im Zentrum der vier Dokumentarfilme von Hugo Zemp. Insbesondere sein erster Film Yootzing and Yodelling macht die unterschiedliche Handhabung der Tonarten, rhythmischen Ausgestaltungen, Vokalisation sowie Stimmqualität der Naturjuuzer einerseits und der lokalen Jodlervereine andrerseits hörbar. Dabei beschreibt er, dass eines der größten Hindernisse die Tatsache war, dass die Mehrheit der Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner das traditionelle Juuzen als »hinterwäldlerisch« oder »schief« empfand, weil sie sich inzwischen mit den Klangidealen des folkloristischen Jodelns und somit der temperierten Tonstimmung vertraut gemacht und sich an diese angepasst hatten.11
Es sind unter anderem Hugo Zemps Bemühungen, den traditionellen Naturjuuz im Muotatal in seiner ursprünglichen Ausprägung wieder als wertvolles Kulturgut anzuerkennen, die ihn in den 1990er- und 2000er-Jahren – also auch zur Hochphase der sogenannten Weltmusik – wieder zu einem gewissen Grad revitalisiert oder zumindest wieder vermehrt hörbar gemacht haben: zwar vielleicht nicht in seinem ursprünglichen gelebten Arbeitskontext, sondern in Tonaufnahmen, Musikclips und auf Konzertbühnen.
Die neu entdeckte Freiheit im Naturjodel
Ab den 1990er-Jahren können unterschiedliche Entwicklungen in Bezug auf die Revitalisierung des Naturjodels und teilweise auch dessen Neukontextualisierung festgestellt werden: im urbanen Kontext, an Musikfestivals, auf Konzertbühnen und im therapeutischen
Zusammenhang.
In diesem Umfeld bewegt sich auch Bernhard Betschart. Er berichtet, dass er nach einer längeren Reise in die USA und Kanada, wo er mit großer Begeisterung vor allem seinen Country- und Rockidolen nachjagte, bei seiner Rückkehr plötzlich seine eigene Musikkultur wieder entdeckte – unter anderem durch die Film- und Tonaufnahmen von Hugo Zemp. Hierzu hatte Betschart einen einzigartigen Zugang: war er doch auf drei von vier Filmen Zemps aus den 1980er-Jahren als 5- oder 6-Jähriger einer der traditionellen Protagonisten.
An die Dreharbeiten mit Hugo Zemp kann sich Bernhard Betschart zwar nicht mehr erinnern. Aber später hätte er sich dessen Filme angeschaut. Und als er diese Aufnahmen sah, sei es ihm durch Mark und Bein gegangen und er hätte gewusst: so, wie diese alten Älpler juuzten, so wolle er das auch können.12 Sein Juuz-Repertoire hat er sich also aus der Tradition seiner Eltern sowie aus Hugo Zemps Film- und Tonaufnahmen sowie weiteren Tonaufnahmen zusammengestellt. Für Betschart ist das Juuzen ein Ausdruck absoluter Freiheit:
»Diese rufende, befreiende Art des Juuzes, mit der man seine ganzen Emotionen und Gefühle durch vollen Körpereinsatz in relativ kurzer Zeit transportieren und transformieren kann, das ist eine Einzigartigkeit, die besonders der Muotataler Juuz mit seiner Intensität, seiner hohen Tonlage und in seinem archaischen Ausdruck widerspiegelt.
»Wer juuzt oder singt
heute noch bei der Arbeit?«
Vielleicht steht dieses laute Rufen auch etwas im Gegensatz zur heutigen modernen Welt, in der alles etwas disziplinierter sein sollte. Wer juuzt oder singt heute noch bei der Arbeit? Das hat früher dazu gehört, heute ist es weitgehend verschwunden. Und wenn ich dieses Juuzen zum Beispiel auch in einem Workshop weitergeben und unterrichten darf, wird das von den Menschen sehr geschätzt.«13
Dass das Befreiende beim lauten und natürlichen Stimmeinsatz besonders auch bei Städtern gut ankommt, ist ein gut untersuchtes Phänomen.14 So wird der Naturjodel aktuell vermehrt auch für das psychosomatische Wohlbefinden eingesetzt, wie etwa in Bernhard Betscharts und Natalie Hubers Projekt Alpine Sprache des Herzens, wo der Naturjuuz als Angebot der Fragile Suisse für Menschen mit Hirnverletzung angeboten wird und wofür die beiden Kursleitenden 2018 auch den Förderpreis der Stiftung SNE für Naturheilkunde und Erfahrungsmedizin erhalten haben.15
Der Naturjuuz erlebt aktuell also ein Revival, das jedoch seinen ursprünglichen Kontext gewechselt hat: anstatt bei der sennischen Arbeit auf dem Land, wird er heute vor allem auch im städtischen Umfeld praktiziert. Er bietet Menschen hier etwas, das ihnen das urbane Leben scheinbar geraubt hat: die Verbundenheit mit der Natur und sich selbst, aber auch ein Mittel des Selbstausdrucks, ein Ventil für Emotionen und das damit einhergehende Gefühl von Freiheit.
Anmerkungen:
- Betschart, Bernhard: Persönliches Statement an Lea Hagmann, 26. September 2026.
- Schmed, Patrick: Waldbaden und Naturjodeln gegen Stress. In: Plattfrom J., 2022 https://www.plattformj.ch/artikel/205638/
- Der Naturjodel im Muotatal wird verschiedentlich geschrieben: Naturjuuz (pl. Naturjüüz), Juuz (pl. Jüüz), Jutz oder Jüüzli, engl. yootzing. In Absprache mit Bernhard Betschart verwenden wir hier vorzugsweise die Schreibweise ohne tz, dafür mit Doppel-u.
- Die Schreibweise »Muotatal« bezieht sich auf das gesamte Tal, während die Schreibweise »Muotathal« sich auf den Hauptort dieses Tals bezieht.
- Betschart, Bernhard: Der Muotataler Naturjuuz. https://www.bernhardbetschart.com/ueber-den-naturjuuz/ [Stand 29. September 2026].
- Sichardt, Wolfgang: Der alpenländische Jodler und der Ursprung des Jodelns. Berlin 1939, S. 29.
- Zemp, Hugo: Study Guide. A Swiss Yodelling Series: »Jüüzli« of the Muotatal and Swiss Yodelling 30 Years Later. Documentary Educational Resources, 2015. https://www.der.org/resources/guides/swiss-yodelling-guide.pdf
- Sämtliche Tonaufnahmen von Wolfgang Sichardt können auf der Webseite der Fonoteca nazionale svizzera angehört werden. https://www.fonoteca.ch
- Sichardt, S. 42.
- Büchel ist eine hölzerne Naturtrompete, die traditionellerweise auch im Muotatal gespielt wird.
- Zemp, Hugo: Ethnical Issues in Ethnomusicological Filmmaking. In: Visual Anthropology, Vol. 3, 1990, S. 55.
- Hagmann, Lea: Vom Alpschrei zum Jodeldiplom: Geschichte einer Vokaltradition. In: Passage. Radio SRF2 Kultur, 2026 [00:16:16 – 00:16:45 min]. https://www.srf.ch/audio/passage/vom-kuhschrei-zum-jodeldiplom-geschichte-einer-vokaltradition?id=AUDI20260227_NR_0002
- Betschart, Bernhard: Persönliches Statement an Lea Hagmann, 26. September 2026.
- Bithell, Caroline: A Different Voice, a different Song. Reclaiming Community through the Natural Voice and World Song, Oxford 2014.
- Rietbrock, Mitja (red.): Juuzen als Therapie für Menschen mit Hirnverletzungen. In: Mitenand. Schweizer Radio Fernsehen SRF, 2018 https://www.srf.ch/play/tv/mitenand/video/juuzen-als-therapie-fuer-menschen-mit-hirnverletzung?urn=urn:srf:video:f93be6d8-340e-445c-9852-7402cb3088d1
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Zu den Autoren
Lea Hagmann (*1981) ist Musikethnologin und arbeitet seit 2018 an der Universität Bern, wo sie den interdisziplinären Studiengang World Arts and Music leitet und im Bereich Kulturelle Anthropologie der Musik forscht und lehrt. Seit 2024 hat sie zusätzlich einen Lehrauftrag in Musikethnologie an der Hochschule Luzern – Musik. Ihre musikalischen Kerngebiete sind: Volksmusik-Revivals, keltische Musik, (Neue) Schweizer Volksmusik, Naturstimmen, Musik der Roma, Balkan.
Bernhard Betschart (*1977) stürmt als Sänger und Jodler des Männerchors Heimweh die Schweizer Hitparaden und ist dreifacher Gewinner des Swiss Music Award. Er ist aber vor allem Naturjodler der Muotataler Art. Schräg, wild und archaisch. Als Kursleiter gibt er seine Leidenschaft fürs Juuzen erfolgreich in Workshops im In- und Ausland weiter und ist vermehrt als Solokünstler unterwegs. Ende 2019 veröffentlichte er Naturjuuz-Lern-CDs samt zwei zugehörigen Notenheften.













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