Jodeln – wenn die Stimme frei wird

4. November 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

Text: Dr. Olivia Koland Fotos: Sonja Banfy, privat

Manchmal stehe ich mit einer Gruppe am Berg. Kein Notenblatt, kein Text. Nur wir, der weite Ausblick und unsere Stimmen. Gefühlt gibt es nichts, woran wir uns festhalten könnten – und doch stehen wir fest auf der Erde. Die Bergluft macht Lust zu juchzen. Dann frage ich: »Welchen jodeln wir?«

Meistens folgen zuerst etwas unsichere Blicke. Schließlich haben wir gerade erst miteinander geübt. Dann jodle ich an. Der Anfang ist oft der schwierigste Teil. Ist der erste Ton einmal in der Welt, wird es leichter. Und plötzlich entsteht etwas, das niemand allein geplant hat.

Vielleicht beginnt Freiheit genau dort: mit dem Mut, den ersten Ton zu wagen.

Keine Vorschriften

Der Jodler folgt keiner starren Vorschrift. Er ist Ausdruck von Freiheit und unbändiger Lebensfreude: wortlos, formlos, ungezwungen und unmittelbar. Ein echter Naturjodler kommt von Herzen und geht zu Herzen. Für mich ist er eine Form des musikalischen Dialogs, manchmal auch des Erzählens einer Geschichte – ganz ohne Worte.

Einer beginnt, die anderen hören zu und reagieren. Niemand weiß am Anfang genau, wie es weitergeht, und doch entsteht ein Miteinander. Plötzlich ist er da: dieser Moment, in dem die Stimme nach oben springt und aus ein paar Tönen ein Jodler wird. »Wenn ihr gemeinsam aufhört, ist der Jodler gelungen«, scherze ich. Alle lachen.

»Vielleicht sitzt das Paradies neben uns in der Jodelgruppe.«

Klänge weitergeben.

Den Jodler in der Hosentasche

»Das Geschenk, das ihr heute mit nach Hause bekommt, ist ein erster Jodler, den ihr selbst ansingen könnt.« Ich halte die Ansprüche zunächst bewusst klein. Doch aus diesem kleinen Schritt wächst Freude. Auch ich habe mit einem ersten kleinen Jodler begonnen. Irgendwann habe ich mich getraut, ihn in einer Gruppe anzusingen. Und dann ist da diese Erleichterung: Es ist geschafft – und gar nicht so schwer.

Ein Jodler passt in keine Schublade. Aber vielleicht passt er in die Hosentasche – oder die Rocktasche. Man nimmt ihn mit. Auf den Berg, in den Wald, an den Stammtisch. Und genau darin liegt bereits ein Stück musikalischer Freiheit: die Freiheit, jederzeit einen Jodler ansingen zu können. Nicht die Freiheit, alles tun und lassen zu können, was man möchte. Sondern die Freiheit, dem Leben in jedem Moment Ausdruck zu geben.

___STEADY_PAYWALL___

Wenn die Stimme ausbricht

Jodeln ist ein registerwechselnder Gesang. Die Stimme wechselt zwischen zwei Räumen. Unten die Bruststimme, oben die Kopfstimme. Dieser Wechsel kann schnell und deutlich erfolgen und ist ein charakteristisches Merkmal des Jodlers. Am Anfang braucht dieser Wechsel ein wenig Vertrauen. Was zunächst ungewohnt erscheint, kann mit Übung immer natürlicher werden. Er ist der Grund, warum sich Jodeln so befreiend anfühlt.

Die Stimme ist nicht nur ein Werkzeug, um Töne zu erzeugen. Sie ist körperlich und emotional erfahrbar. Registerwechselnde Gesangsformen finden sich in vielen Kulturen weltweit. Sie können der Kommunikation, dem Ausdruck, dem gemeinschaftlichen Musizieren oder rituellen Zusammenhängen dienen. Dabei zeigt sich, wie eng Stimme, Körper, Emotion und soziale Verbindung miteinander verknüpft sind.

In meinen Jodelkursen erlebe ich immer wieder, wie befreiend es sein kann, die Stimme laufen zu lassen. Wir sind es gewohnt, uns zu prüfen: War das laut genug? War das schön? War der Ton richtig? Beim Jodeln darf die Frage eine andere sein: Was ist meine Botschaft? Und wie fühlt es sich an, wenn sich die anderen Stimmen dazulegen?

Kopf frei. Seele frei.

Vielleicht ist die Textlosigkeit des Jodlers eines seiner größten Geschenke. Wir müssen nichts erklären. Wir können einfach jodeln, tönen, klingen. Nicht der perfekte Ton allein ist entscheidend, sondern der Mut und die eigene Art, es zu tun. Beherzt ansingen, und schon wird es leichter. Das befreiende Gefühl entsteht dabei nicht nur durch die Musik im Ohr, sondern auch durch den Körper: Denn wir spüren die Schwingungen in allen Zellen.

Ich erlebe häufig, dass Menschen beim Jodeln zu einem Gefühl von Glück finden. Vielleicht, weil dabei etwas ganz Einfaches passiert: Wir atmen. Wir hören uns selbst. Und manchmal ist es nicht nur der Kopf, der frei wird. Dann darf auch die Seele einmal laut werden.

Klingendes Gipfelglück.

Zusammenlosen

Die Geschichte des Jodelns ist vielfältig. Frühe Formen des Jodelns dienten unter anderem der Kommunikation über Distanzen, dem Signalisieren, der Geselligkeit und dem musikalischen Austausch. Heute ist daraus längst eine eigenständige musikalische Ausdrucksform geworden – in unterschiedlichen regionalen Stilen, Traditionen und persönlichen Ausprägungen. Und trotzdem ist seine Ursprünglichkeit heute noch spürbar.

Gejodelt wird nicht allein, sondern zu zweit, zu dritt, zu viert – am Berg, am Stammtisch und am liebsten in der freien Natur. Dabei geht es vor allem um das Zuhören und Aufeinander-Einstimmen. Ton, Rhythmus und Atem werden zu Bestandteilen eines gemeinsamen Geschehens. In den Jodelkursen ist dies besonders schön zu beobachten: Hier jodeln Menschen miteinander, die sich zuvor noch nie getroffen haben. Wenn sie ungefähr das Gleiche meinen, entsteht ein Dialog.

Lois Neuper (1924–2014), Lehrer und Volksmusik-Urgestein aus Bad Goisern, nannte den Jodler sinngemäß einen »Gesang unter Seelenverwandten«. Der Jodler war Neupers liebste Ausdrucksform: »Wir haben nie etwas nach Noten gelernt, sondern nur mit ›Zusammenlosen‹. Dabei haben wir uns immer Zeit gelassen, damit wir warten konnten, bis der Klang richtig schön ist.«

»Vielleicht beginnt Freiheit genau dort: mit dem Mut, den ersten Ton zu wagen.«

Das Paradies ist manchmal ganz einfach.

Vielleicht liegt das Paradies nicht irgendwo weit weg. Vielleicht steht es auf einem Berg. Vielleicht sitzt es neben uns in der Jodelgruppe. Für mich liegt es jedenfalls nicht im Überborden oder im Überfluss. Oft steckt im Einfachen das Wunderbare. Der Jodler ist ein schönes Beispiel dafür. Ein paar Vokale. Zwei oder drei Stimmen. Mehr braucht es manchmal nicht, um Menschen zu berühren.

Nach mehr als zehn Jahren als Jodelvermittlerin überrascht mich immer noch, was ein paar Töne bewirken können.

»Ich bin gerade einfach nur glücklich.«

Da sitzt eine Gruppe, die anfangs vielleicht etwas unsicher war. Dann wird gejodelt. Menschen lachen. Einer wird mutig, eine andere plötzlich ganz still. Und irgendwann kommt der Moment, in dem jemand zu mir sagt: »Olivia, ich bin gerade so glücklich. Ich brauche gerade nicht viel mehr.« Solche Augenblicke sind für mich ein wesentlicher Teil meiner Arbeit. Es geht nicht darum, dass alle gleich klingen oder ein Jodler fehlerfrei gesungen wird. Es geht darum, sich auszuprobieren und gemeinsam etwas entstehen zu lassen. Dann weiß ich: Hier ist etwas in Bewegung gekommen.

Vielleicht ist das Freiheit. Dieser eine Augenblick, in dem das Leben wieder durch uns fließt. Und dann stehen wir da, hören, wie die eigene Stimme über die Berge trägt – und merken, dass wir eigentlich gar nicht so viel brauchen.

Nur einen ersten Ton. Und den Mut, ihn hinauszuschicken.

3

Zur Autorin

Dr. Olivia Koland (*1979) forscht als Umweltökonomin zu den Themen Umwelt, Klima und Nachhaltigkeit. Seit über zehn Jahren widmet sie sich auch der menschlichen Stimme. Das Jodeln hat sie u. a. bei Herbert Krienzer, Inge und Hermann Härtel, Ingrid Hammer, Evelyn Fink-Mennel, Norbert Hauer, Markus Prieth und Willi Mayer gelernt. Seit 2011 ist sie als Jodelreferentin für das Steirische Volksliedwerk tätig. 2014 gründete sie yodelcraft und bietet seither Jodelkurse und geführte Jodelwanderungen in ganz Österreich an. Heute bringt sie ihre Erfahrung mit der Stimme auch in die Arbeit mit Unternehmen, Führungskräften und Teams ein.

Aufmacher:

Foto: Sonja Banfy

Ein Beitrag in Kooperation mit dem Steirischen Volksliedwerk.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Werbung

L