Hut ab!

Lindenberg, das »Klein-​Paris« der Hutmode

28. Juli 2023

Lesezeit: 6 Minute(n)

Text: Angelika Schreiber Fotos: Dominik Berchtold / Allgäu GmbH, Thomas Gretler, Daniel Stauch

Die erste schriftliche Erwähnung des kleinen Dorfes Lindenberg im Allgäu stammt aus dem Jahr 857 und enthält bereits den Namen »lintiberc«. Es handelt sich dabei um eine Schenkungsurkunde. Zwei alemannische Adelige ohne Nachkommen übertragen ihren Besitz an das Kloster Stankt Gallen. Die so früh bereits namensgebende Linde findet sich auch im Wappen der späteren Kleinstadt wieder. Auf einem grünen Dreiberg ist stilisiert die Pfarrkirche St. Peter und Paul zu sehen, umrahmt von zwei grünen Linden. Das Wappen wurde 1835 beantragt und gleicht dem heutigen bereits in seinen Ausprägungen. Der abgelehnte Wappenvorschlag bildete einen Florentinerhut ab, um die aufblühende Hutindustrie der Stadt zu verewigen. Er wurde allerdings abgelehnt, mit dem Hinweis darauf, dass sich die Mode ändern kann. Die Hutherstellung blieb dennoch bis ins 20. Jahrhundert wichtiger Faktor der heimischen Industrie und identitätsstiftend für Lindenberg. Heute spielt die Produktion im Ort keine große Rolle mehr, dennoch ist die Geschichte präsent. Jedes Jahr feiert die Stadt am Huttag die Zeiten der großen Hutmode und kürt im zweijährigen Rhythmus die Deutsche Hutkönigin.

Hutherstellung in Lindenberg

Heute verbinden wir mit dem Allgäu grüne Hügel und Wiesen auf denen Kühe grasen. Doch diese Vorstellung vom Allgäu als Käseküche Deutschlands ist erst knapp 180 Jahre alt. Davor dominierten Ackerbau und Getreideanpflanzungen das Bild. Im 16. Jahrhundert war der Getreideanbau überlebenswichtig für die Lindenberger Familien, aber der Ertrag reichte nicht aus, um die Menschen zu ernähren. Das raue Klima und die kargen Böden erschwerten den Ackerbau gewaltig. Um ihr Auskommen zu sichern, brauchten die Menschen vor Ort weitere Einnahmequellen.
Eine bestand darin, die übriggebliebenen Halme weiterzuverarbeiten und daraus lange Strohborten zu flechten und zu einfachen Hüten zusammenzunähen. Die ganze Familie half mit, aber vor allem die Frauen nähten abends und nachts Hut um Hut. Die Kinder wurden oft zum Flechten herangezogen. Ihnen wurde »eine Zahl aufgl’egt«, das heißt, die Mutter bestimmte, wieviel Meter Stroh die Kinder am Tag flechten mussten. Mit dem Verkauf verdienten sich die Familien etwas dazu, um die allgegenwärtige Not zu lindern. Die Kleine Eiszeit (15.–19. Jahrhundert) brachte zusätzlich Missernten und Hungersnot nach Lindenberg. Die tiefen und langen Winter verringerten die Wachstumsphase, und die kühlen, niederschlagsreichen Sommer ließen den Weizen am Halm verfaulen. Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) verschärfte die Lage zusätzlich. Immer wieder mussten einquartierte Soldaten mitversorgt werden. Gleich zweimal fielen die Schweden ins Westallgäu ein. Lindenberg wurde 1636 bis auf fünf Häuser komplett zerstört und niedergebrannt. Während der Kriegszeiten kam auch der Pferdehandel mit Italien zum Erliegen.

Bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts zogen Lindenberger Männer aus, um Pferde über die Alpen zu bringen und in Italien zu verkaufen. Bevorzugte Routen führten über den Splügen- oder Gotthardpass. Der erste schriftliche Beleg stammt aus dem Jahr 1617 und erwähnt drei Lindenberger, die 13 Pferde nach Mailand beförderten. Bis zu 24 Pferde wurden in einem gemeinsamen Koppelzug von drei bis vier Männern zu Fuß begleitet. Dabei handelte es sich um gut ausgebildete Luxuspferde aus Norddeutschland, die als Reit- und Kutschtiere für Adelige eingesetzt wurden und bei Auseinandersetzungen kriegsentscheidend sein konnten. Wegen der Kriege zwischen Italien, Österreich und der Schweiz war der Bedarf an solchen Pferden groß. Die angespannte Situation daheim und die Hoffnung auf einen guten Gewinn ließen die Pferdehändler Wind, Wetter und Gefahren bei der Alpenüberquerung überwinden. Das Geld brachten sie zurück in ihre Heimat. Und dazu das Wissen, wie besonders kunstvolle Hüte hergestellt werden. Denn in den ertragreichen südlichen Gegenden konnten es sich die Bauern leisten, das Getreide vor der kompletten Kornreife abzuernten, und erhielten so einen jungen und biegsamen Halm für die Geflechtherstellung.

Von der Hut-​Compagnie zum Strohhutzentrum

Noch war die Voraussetzung in Lindenberg dafür aber nicht geschaffen. Die Felder lagen weit entfernt von den Wohnhäusern der Bauern. Diese Entwicklung wurde durch das gleichmäßige Verteilen der Güter auf alle Erbberechtigten (Realteilung) unterstützt und ergab immer kleinere Splitterstücke, die man kaum mehr wirtschaftlich betreiben konnte. 1770 wurde in Lindenberg, das damals zur Habsburger Monarchie gehörte, eine Flurbereinigung durchgeführt und die vielen kleinen Flächen zusammengefasst. Von den 58 Bauernhäusern des Dorfes Lindenberg wurden 34 »vereinödet«, also abgebrochen und inmitten der neu zugeteilten Felder wieder aufgebaut. Folge der Vereinödung waren bessere Erträge in der Landwirtschaft und damit verbunden ein gewisser wirtschaftlicher Aufschwung des bisher eher unbedeutenden Dorfes. So erhielt es im Jahr 1784 das Marktrecht. 1805 wurden Lindenberg und das Westallgäu bayerisch.

Bereits 1755 wurde die erste Hut-​Compagnie in Lindenberg gegründet. Sie teilte die einzelnen Herstellungsschritte auf und übernahm die Organisation und den Vertrieb, sodass nicht mehr die ganze Familie den Hut von der Ernte bis zum Verkauf betreute. Borten wurden jetzt angekauft und zum Nähen an die Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter weitergereicht. Für die Menschen vor Ort war das der Wechsel hin zur Lohnarbeit. Der Strohhut konnte jetzt in großer Masse hergestellt und verkauft werden. Die ersten Hutfabriken wurden um 1830 gegründet; bis 1900 gab es in Lindenberg und näherer Umgebung bereits 34 Strohhuthersteller, darunter 14 Hutfabriken mit insgesamt 3.000 Beschäftigten. Sie stellten acht Millionen Strohhüte im Jahr her. Von besonderer Bedeutung für Handel und Gewerbe war der Anschluss an das Eisenbahnnetz um 1900 sowie die Einrichtung eines Zollamts, um den regen hutbezogenen Import-​Exporthandel abzuwickeln. So wurde der Markt Lindenberg zum größten Ort im Westallgäu. Er erhielt 1893 die erste elektrische Straßenbeleuchtung und entwickelte sich zu einem Industrieort mit 4.500 Einwohnern, was im Jahr 1914 zur Stadterhebung führte. Deutschlands Herrenstrohhutzentrum, das »Klein-​Paris« der Hutmode, lag mitten im beschaulichen Allgäu.

Heimarbeiterin Agathe Brinz beim Fertigen von Hüten

Foto: Agathe Brinz

Strohhutnähmaschine im DHML

Foto: Thomas Gretler

Deutsches Hutmuseum Lindenberg

Lindenbergs größte Hutfabrik, die Firma Ottmar Reich, meldete 1997 Konkurs an, und die Stadt erwarb das Fabrikareal. Nur eines der Fabrikgebäude und das Kesselhaus blieben erhalten, alle anderen Bauten wurden abgerissen. Das Industriedenkmal gilt als wichtiger Zeitzeuge der industriellen Hutfabrikation in Lindenberg. Zu Hochzeiten haben hier bis zu 1.200 Menschen gearbeitet.
Seit 2014 beherbergt der Gebäudekomplex das Deutsche Hutmuseum Lindenberg und ist damit selbst also das erste und größte Exponat. An diesem authentischen Ort wird die Geschichte und Geschichten von Hutmachern, Hutarbeitern und Hutträgern erzählt. Der Betrieb geht auf die Brüder Konrad (1802–1880) und Ottmar Reich (1822 bis 1872) zurück. Konrad arbeitete lange Zeit als Spekulant, d. h. er kaufte möglichst billig Strohgeflechte an und ließ sie dann zu Hüten verarbeiten, die er wiederum mit Gewinn auf den Märkten verkaufte. Später übernahm seine Schwägerin Theresia Reich (1826– 1894) die Geschäfte und führte sie erfolgreich fort. Ihr Wohnhaus war das erste auf dem heutigen Fabrikareal. 1838 gründeten ihre Söhne die Strohhutfabrik Ottmar Reich. Das Wachstum und der Ausbau hielten an, 1886 entstand ein weiteres Gebäude und in rascher Folge eine Bleicherei, eine Färberei, eine Dampfkesselanlage mit Kesselhaus und ein Bürogebäude. Für ihre Arbeiter und Arbeiterinnen errichtete die Firma Reich eigene Wohnanlagen. 1913, auf dem Höhepunkt ihrer Produktion, stellte die Hutfabrik Ottmar Reich 1,3 Millionen Hüte her.
Die ehemalige Fabrikerweiterung Nr. 3 der Firma Ottmar Reich, erbaut 1923, der heutige Sitz des Deutschen Hutmuseums, ist ein bedeutender Industriebau des Architekten Philipp Jakob Manz (1861–1936). Manz zählte zu den führenden Industrie-​Architekten seiner Zeit und prägte mit seinen zahlreichen Geschossbauten die süddeutsche Industrielandschaft. Vor allem seine funktionalen Bauten für die boomende Textilindustrie brachten ihm immensen Erfolg ein. So errichtete er u. a. die Fabrikgebäude für die Mechanische Baumwollspinnerei und Weberei Augsburg, den sogenannten Glaspalast, und die Industriesiedlung Stromeyersdorf für die Konstanzer Textilfirma L. Stromeyer. 2003 entstand die Idee, mit dem alten Lindenberger Hutmuseum in die denkmalgeschützten Räume der ehemaligen Hutfabrik Ottmar Reich zu ziehen. Zu viele Exponate aus der Sammlung konnten im 1981 gegründeten und bis dahin ehrenamtlich geführten Museum nicht gezeigt werden.
In den ehemaligen Fabrikhallen, in denen Hüte entworfen, gezogen, gepresst und garniert wurden, zeigt die neu konzipierte Dauerausstellung nun drei große Themen: 1) Die Stadt- bzw. Hutgeschichte Lindenbergs, 2) Die Herstellung von Stroh- und Filzhüten, 3) Die Hutmode der letzten 300 Jahre. Knapp 1.000 qm barrierearmer Fläche stehen dem Museum dazu zur Verfügung. Die Sammlung umfasst über 1.800 Hüte, die die modische Entwicklung des Hutes sowohl regional als auch international zeigen.

www.deutsches-hutmuseum.de

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Aufmacherbild:

Strohhutnähmaschine im Deutschen Hutmuseum Lindenberg

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