G.Rag & Die Landlergschwister

Ins Freie: Wenn Bayern die Welt zum Tanzen bringt

31. Oktober 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

Text: Manuela Rzytki Fotos: Hias Schaschko, Florian Freund, Christoph Nowosad, Andreas Staebler

Es gibt Musik, die ihre Herkunft verleugnet, und es gibt Musik, die sich in ihrer Herkunft einrichtet. G. Rag & Die Landlergschwister machen weder das eine noch das andere. Seit ihrer Gründung 2008 aus der Münchner Formation G. Rag & Y Los Hermanos Patchekos heraus steht die Kapelle für einen dritten Weg: Bayern ist Ausgangspunkt, aber niemals Endpunkt. Landler, Zwiefacher und Blasmusik werden nicht als folkloristisches Denkmal behandelt, sondern als lebendige musikalische Sprache, die sich mit Country, Blues, Punk, New Wave, Rocksteady, Cumbia, afrikanischen und lateinamerikanischen Einflüssen ebenso selbstverständlich verbinden lässt wie mit elektronischer oder experimenteller Musik.

Musikalische Übersetzung in eigener Handschrift

Diese Haltung hat G. Rag & Die Landlergschwister über viele Jahre zu einer besonderen Erscheinung der Münchner Musikszene gemacht. Aus der ungewöhnlichen Verbindung von Blaskapelle und alternativer Musikszene entwickelte sich ein eigenständiger musikalischer Kosmos. Alben wie Honky Tonkin’, Schwung und Neue Stadt zeigten immer wieder, dass Tradition und musikalische Weltoffenheit keine Gegensätze sein müssen.

Besonders deutlich wurde diese Haltung 2018 mit Neue Stadt. Landler und Zwiefache trafen dort unter anderem auf Rocksteady, Cumbia, Disco und New Wave. Fremdes wurde nicht einfach zitiert, sondern in die eigene musikalische Sprache übersetzt. Genau darin liegt eine der großen Stärken der Landlergschwister: Sie spielen keine Weltmusik mit bayerischer Dekoration. Sie machen Musik, die durch und durch ihre eigene Handschrift trägt – auch dann, wenn das Ausgangsmaterial aus einer völlig anderen musikalischen Welt stammt. Mit Ins Freie hat diese Entwicklung 2024 einen neuen Höhepunkt erreicht.

Festivalerprobt.

»Dieses Land hat mich kaputt gemacht und ich bleibe solange bis man es ihm ansieht.«

[Herbert Achternbusch]

Hinaus aus festgelegten Grenzen

Das sechste Album der Kapelle ist zugleich eine Art musikalisches Selbstporträt. Der Titel des Albums ist eine literarische Verbeugung vor Oskar Maria Graf – und zugleich ein ziemlich genaues Bild dessen, was diese Musik antreibt. In Grafs autobiografischem Roman Wir sind Gefangene bezeichnet Ins Freie den Aufbruch aus einer Welt der Bevormundung und Einengung. Freiheit bedeutet bei Graf nicht einfach, irgendwo anders anzukommen. Sie bedeutet zunächst, die vorgegebenen Grenzen hinter sich zu lassen und den eigenen Weg zu suchen. Der Titel lässt sich zugleich als Aufbruch nach den schweren Corona-Jahren lesen, die gerade Musikerinnen, Musiker und die Gastronomie hart getroffen und auch zwischenmenschlich tiefe Gräben hinterlassen haben. Ins Freie beschreibt eine Haltung: hinaus aus festgelegten Grenzen, hinaus aus musikalischen Kategorien, hinaus aus der Vorstellung, Heimat müsse Abschottung bedeuten. Wir wollen Freunde bleiben!

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Bei einem der beliebten Spontankonzerte an der Isar.

Musikalisch macht das Album diesen Gedanken unmittelbar hörbar. Die zehn Stücke führen von Brasilien und Lateinamerika über Äthiopien und Trinidad bis nach Kanada, Japan, Köln und natürlich Bayern. Auf dem Programm stehen unter anderem Kompositionen, beziehungsweise Stücke aus dem Umfeld von Can, DJ Koze, Feist, Mulatu Astatke und The Cure. Dazu kommen Klassiker aus dem traditionellen Musikbereich, der obligatorische Zwiefache und ein Landler dürfen nicht fehlen. Was auf dem Papier wie eine nahezu unmögliche Mischung wirkt, bekommt durch die Landlergschwister einen gemeinsamen Klang. Der Begriff Coverversion greift dabei eigentlich zu kurz. Die Stücke werden – wie der BR Zündfunk es treffend beschreibt – »aufglandlert«. Sie werden nicht lediglich mit Blasinstrumenten nachgespielt, sondern in die musikalische Welt der Landlergschwister überführt. Aus unterschiedlichen musikalischen Quellen entsteht dadurch etwas Drittes: weder Kopie noch Parodie, sondern eine echte Neuinterpretation.

In den Clubs »dahoam«.

Anstehende Konzerte:

  • 29. November 2026: Fraunhofer München
  • 5. Dezember 2026: Alien Disko München

Die bayerische musikalische DNA

Der Einstieg mit Sereia Do Mar öffnet den musikalischen Raum weit über Bayern hinaus. Emnete führt in die Welt des äthiopischen Komponisten Mulatu Astatke, während My Moon My Man die kanadische Sängerin Feist in den Kosmos der Landlergschwister überträgt. Mit Malphino, übernommen von der multinationalen Band gleichen Namens, und Koyato, einer besonderen lateinamerikanischen Kuriosität aus der Singleplattenkiste Trinidads, kommen weitere internationale Einflüsse hinzu. Gleichzeitig sorgen Stücke wie Durl Schottisch oder Wespennest dafür, dass die bayerische musikalische DNA jederzeit präsent bleibt. Der Landler Valentin 2-6 aus dem Notenarchiv des Kult-Komikers Karl Valentin, aufbewahrt im Münchner Valentin-Karlstadt-Musäum, erblickt hier die Welt! Den vielleicht überraschendsten Bogen schlägt schließlich Close To Me von The Cure: Wave-Musik und bayerische Blasmusik werden hier nicht als Gegensätze behandelt, sondern als zwei Seiten derselben musikalischen Spielfreude.

Cover der Scheibe Ins Freie, gestaltet von Sascha Schwegeler.

Auch personell bleibt Ins Freie dieser Offenheit verpflichtet. Musikerinnen und Musiker aus dem Umfeld der Schwesterformation G. Rag y Los Hermanos Patchekos treffen auf Mitglieder von The Notwist, What Are People For?, Niederbayerischer Musikantenstammtisch und weitere Akteure der süddeutschen Musikszene. Dadurch wird das Album zugleich zu einem Dokument des Münchner musikalischen Netzwerks: unterschiedliche Szenen und Generationen kommen zusammen, ohne dass die Landlergschwister ihre eigene Identität verlieren.

Der BR Zündfunk hat diese besondere Qualität deutlich gewürdigt. Ins Freie wurde im Oktober 2024 zum Album der Woche gewählt. Die Redaktion beschreibt die Landlergschwister als Münchner Blaskapelle, die »per Definition überall auf der Welt daheim« ist, und sieht in dem Album gegenüber den bereits als kleinen Münchner Meilensteinen bezeichneten Vorgängern noch einmal eine Steigerung. In der Jahresbestenliste 2024 erreichte Ins Freie Platz 21 – ein bemerkenswertes Ergebnis angesichts der Vielzahl internationaler und etablierter Veröffentlichungen, mit denen das Album dort konkurrierte.

Mit dem Landler auf Reisen

Dass diese Musik trotzdem unverkennbar bayerisch bleibt, ist vielleicht das eigentliche Geheimnis der Landlergschwister. Der Landler wird dabei nicht zum Relikt, sondern zum Ausgangspunkt einer musikalischen Reise. Die Improvisation ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer Live-Konzerte; die Rhythmusgruppe mit ihren ungewöhnlichen Schlagzeug-Utensilien erinnert an die eigenartige Tom Waits’sche Klangästhetik. Die verzerrten Gitarrenklänge in Hank Williams-Tradition, Megaphon und angeknackstes Crashbecken geben der Musik eine schöne raue Patina und grenzen sich ab von Heimatkitsch und Polyester-Tracht.

Das macht G. Rag & Die Landlergschwister auch innerhalb der Volksmusikszene zu einer besonderen Formation. Ihre Musik funktioniert auf der Tanzfläche ebenso wie auf der Konzertbühne, im Bierzelt ebenso wie im alternativen Club. Sie kann ausgelassen und rau, präzise und anarchisch, vertraut und überraschend zugleich sein. Hinter der scheinbaren Leichtigkeit steckt großes musikalisches Wissen: Die Tradition ist ihnen vertraut genug, um sie bewusst überschreiten zu können.

Ampere und Herzkasperl

Ins Freie markiert nach der langen Live-Tradition als Blaskapelle des Herzkasperlzeltes auf der Oidn Wiesn auch einen Abschied. Leider hat der beliebte Kulturgastronom Beppi Bachmaier, der mit seinem abwechslungsreichen Programm ein besonderer Anlaufpunkt für das Münchner Publikum war und von 2010 an das Herzkasperlzelt als Alternative zum grellen Bierzelt-Einheitsbrei bespielte, ab dem Jahr 2024 keinen weiteren Zuschlag erhalten. Die Landlergschwister bleiben musikalisch verbunden mit dem traditionellen Frühschoppen im Wirtshaus Fraunhofer. Hier hat sich auch ein musikalischer Volksmusikstammtisch entwickelt, initiiert von den Landler-Mitgliedern Alois Schmelz und Sebastian Gröller.

»Nichts weniger als den versauten Ruf Bayerischer Folklore und Blasmusik wiederherzustellen ist das Ziel …«

[Ernie, Gutfeeling Records]

Die Musik hat ihren Weg aus dem Bierzelt in alternative Spielstätten gefunden, die nicht unbedingt der Volksmusik zuzurechnen sind, wie z. B. der Ampere Club des Muffatwerks oder die Alte Pinakothek in München. Das zeigt, dass sie in beide Richtungen funktionieren kann: auf dem befreundeten bayerischen Schacherbauernhof ebenso wie auf dem angesagten Rock’n’Roll-Roat Oak-Festival mit internationalen Gästen. Das Bayerische wird nicht bewahrt, indem man es unverändert lässt, sondern indem man es immer wieder neu zum Klingen bringt.

Ins Freie zeigt eine Band, die nach fast zwei Jahrzehnten nicht weniger neugierig geworden ist, sondern mehr! Eine Band, die ihren Wurzeln gerade dadurch treu bleibt, dass sie immer wieder neue Verbindungen herstellt.

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Foto: Hias Schaschko

Zur Autorin

Manuela Rzytki (*1969) ist Sängerin, Musikerin, Komponistin und Musikproduzentin. Sie ist selbst Mitglied von G.Rag & Die Landlergschwister; der Text ist damit bewusst aus einer Innenperspektive geschrieben. Ihr besonderes Interesse liegt in der interdisziplinären Zusammenarbeit verschiedener Künste. Neben ihrer Konzerttätigkeit in Deutschland und Europa mit ihren Projekten Parasyte Woman und What Are People For? sowie als Mitwirkende in unterschiedlichen Formationen im Bereich Pop, elektronische Musik, experimentelle Musik und Blasorchester arbeitet sie seit vielen Jahren als Theatermusikerin u. a. für die Münchner Kammerspiele, das Münchner Volkstheater, das Residenztheater München, das Düsseldorfer Schauspielhaus, das Staatstheater Darmstadt und die freie Szene. Sie leitet den KÖS˛K-Chor und den Chor der Villa Stuck.

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