»Jodl Di« – Die Freiheit des Augenblicks

Ein Portrait der Ehrenmedaillen-Preisträgerin Monika Baumgartner

3. November 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

Die Landeshauptstadt München hat 2026 die Ehrenmedaille für Verdienste um die Volkskultur in München an Monika Baumgartner verliehen. Seit 1982 zeichnet die Stadt damit Persönlichkeiten aus, die sich für den Erhalt und die lebendige Weitergabe überlieferter kultureller Ausdrucksformen engagieren. Monika Baumgartner verkörpert dieses Ideal perfekt: Sie ist Musikerin, Sängerin, Pädagogin, Sammlerin und eine leidenschaftliche Mittlerin zwischen Tradition und Gegenwart. Wir haben uns mit der Preisträgerin getroffen, um über ihren Lebensweg, ihre Philosophie des Singens und die tiefe Freiheit des gemeinsamen Atmens zu sprechen.
Text und Interview: Magnus Kaindl und Elke Richly
Fotos: Michael Nagy/Presseamt München, privat

Eine Kindheit im Takt der Musik: Acht Instrumente und ein unbändiger Wille

Geboren in Mühldorf am Inn, wuchs Monika Baumgartner in einem Umfeld auf, in dem Musik der eigentliche Herzschlag des Alltags war. Schon früh zeigte sich ihre außergewöhnliche Begabung: Sie besaß das absolute Gehör. Dank ihrer Eltern lernte sie schon in jungen Jahren acht verschiedene Instrumente: Flöte, Klavier, Gitarre, Hackbrett, Zither, Geige, Volksharfe und Kirchenorgel gehörten und gehören zum Teil bis heute zu ihrem Leben dazu.

Monika Baumgartner

Auch ihr Schulalltag war reich an Musik: Klavier- und Geigenunterricht, Chor, Orchester und ab dem zehnten Lebensjahr die wöchentliche Stubnmusi-Probe. Dass Musik für sie pure Lebensfreude ist, zeigt eine Anekdote aus ihrer Jugend: »Ich erinnere mich, es war etwa in der 8. Klasse, da hab ich in der Schule mit der linken Hand geschrieben, weil ich in der rechten eine Sehnenscheidenentzündung vom Klavierüben hatte«, erzählt sie schmunzelnd. »Kurze Zeit später hatte ich dasselbe auch in der linken Hand. Mit zwei Armschienen hab ich entdeckt, dass ich noch Hackbrettschlägel zwischen den Fingern halten kann. Da war ich glücklich.« Diese unbändige Begeisterung führte sie bereits vor dem Abitur dazu, an der Musikschule Mühldorf Volksmusikgruppen zu unterrichten.

Zwischen Herz und Verstand: Die Synthese von Musik und Mathematik

Nach dem Abitur machte sie ihre Leidenschaft zum Beruf. Ihr Weg führte sie nach München ans Richard-Strauss-Konservatorium zum Studium als Musiklehrerin (Hauptfach Violine, Zusatzfächer Blockflöte und Viola, Nebenfächer Gitarre, Fidel). Parallel studierte sie Schulmusik an der Hochschule für Musik (Hauptfach Klavier) und Mathematik an der LMU München.

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Stadträtin Julia Schönfeld- Knor überreicht Monika Baumgartner in Vertretung des Oberbürgermeisters die Ehrenmedaille für Verdienste um die Volkskultur in München.

Foto: Michael Nagy, Presseamt München

Monika Baumgartner im Gespräch mit der Moderatorin des Abends Johanna Bittenbinder.

Foto: Michael Nagy, Presseamt München

»Erlaubt ist, was gefällt.«

Musik und Mathematik – Gefühl und Struktur, Herz und Verstand. Diese schöne Kombination prägte fortan ihr Wirken als Studienrätin an der Realschule sowie als Dozentin an der Berufsfachschule für Musik in Altötting.

Dabei ging es ihr nie nur um korrektes Spiel, sondern darum, selber durch die Musik ins Schwingen zu kommen. Parallel spielte und sang sie in Ensembles wie der Töginger Stubnmusi, der Spielmusik Karl Edelmann, den Flossinger Sängerinnen und dem Davidl Trio, sie leitete den Berghammer Singkreis, und wirkte bei zahlreichen CD-Produktionen und Rundfunkaufnahmen mit.

»Das Geigen und das Jodeln sind heute meine liebste Art musikalischen Selbstausdrucks. Da gibts für mich kein Multitasking, sondern nur ein ganz Musik werden, ganz im Augenblick, was unglaublich nährt und regeneriert. Besonders das Singen schult den sprichwörtlich langen Atem, der sich auf das ganze Leben auswirkt.« Mit ihrem persönlichen Herzensprojekt geigesang – bei dem sie zeitgleich Geige spielt und singt – schuf sie diese wunderbare Metapher für ihr Wirken: Sie musiziert stets mehrstimmig, verbindend und ohne Selbstdarstellung, immer als Einladung zum Mitklingen.

»Jodl Di«: Jodeln als mutiges Ablegen aller Masken

So beeindruckend ihr musikalischer Weg ist – das eigentlich Außergewöhnliche liegt in ihren Fähigkeiten als Vermittlerin. Als Referentin für das Münchner Kulturreferat sowie zahlreichen anderen Einrichtungen nimmt Monika Baumgartner in unzähligen Seminaren, Kursen und Singtagen selbst jenen die Angst, die glauben, nicht singen zu können. Sie arbeitet am Mut, am Zuhören und am gemeinsamen Atmen: »Der schönste Moment ist, wenn die Sänger beginnen, aufeinander zu hören, mit der Gestaltung zu spielen und sich dabei selber zum Klingen zu bringen.«

Jodeln übersetzt sie in heutige Lebenswelten. Ihr Mantra lautet »Jodl Di« – Jodle Dich selbst! »Jodeln kennt keine Masken. Wer jodelt, zeigt sich«, ist sie überzeugt. Jodeln ist der pure Ausdruck der eigenen Seele. Dabei arbeitet sie ohne starren Lehrplan: »Mehr als einen didaktischen Fokus hab ich eine unbändige Klanglust, die sich mit jeder Gruppe unterschiedlich umsetzen lässt, gemeinsam, ganz nahe bei den Sängern, nur im jetzigen Augenblick. Es geht nicht um Perfektion, es geht ums miteinander klingen und wachsen.« Eine Teilnehmerin formulierte es einmal treffend: »Jetzt geh ich größer raus, als ich hereingekommen bin.«

Mit feiner Intuition spürt sie, was möglich und zumutbar ist. Während Ungeübte in größeren Gruppen Schutz finden und die ganze Klangfülle miterleben können, lädt sie Erfahrenere zum Einzeljodeln ein und ermutigt sie, für sich selber einzustehen. »Ich bin traditionsmusikverliebt, das spüren die Leute und das ist ansteckend.«

Foto: Michael Nagy, Presseamt München

Foto: Michael Nagy, Presseamt München

Freiheit und Identität in der musikalischen Muttersprache

Hier schließt sich ein Stück weit auch der Kreis zum Themenschwerpunkt dieser Ausgabe: Die Freiheit ist das Paradies … auch in der Musik. Freiheit bedeutet für Monika Baumgartner auch das Freimachen von Fremdbewertungen und dem Druck, gefallen zu müssen. Angesichts von Social Media und den großartigen instrumentalen Fähigkeiten junger Musiker meint sie: »Erlaubt ist, was gefällt. Nur das gefallen ›wollen‹ sehe ich bedenklich, es schwächt den Künstler.« Wahre künstlerische Freiheit entsteht für sie dort, wo Musiker sich selbst treu bleiben und nicht den Erwartungen des Marktes hinterherlaufen.

Parallel zur musikalischen Virtuosität sieht sie eine Sehnsucht nach Einfachheit: »Vielleicht entsteht hier echte Freude am Schlichten, die das Herz berührt. Das Herz öffnen ist die eigentliche Aufgabe der Musik. Und wer die einfache, kraftvolle Volksmusik lebendig und ›echt‹ quasi als seine ›musikalische Muttersprache‹ spielen mag – notfalls erweitert um ein paar ›Anglizismen‹ – der findet darin wohl auch die eigene Identifikation, Verwurzelung und Heimat.«

Im Einklang: Stimme und Natur

Ein lebendiges Gegenwartsprojekt statt musealer Nostalgie

Dass Tradition für sie kein museales Dekor ist, zeigt ihr 2019 erschienenes Buch Lauter liabste Liader. Die Sammlung von über 200 Liedern, Ari’n und Jodlern – darunter auch Feldforschungen im rumänischen Banat – samt Lern-CDs bringt Menschen zusammen, zum Mitfühlen, zum Mitsingen, zum Leben. Diese Publikation ist mehr als eine Sammlung. Sie ist eine Liebeserklärung! Und sie ist ein Werkzeug. Monika Baumgartner nutzt hier ihre Erfahrungen, um Volkslieder und Jodler wieder zurück zu den Menschen zu holen, eben nicht als museales Stück Tradition, sondern als klingender Ausdruck von Gemeinschaft und Lebensfreude.

Dass diese Lieder nicht nur die Singlust fördern, sondern auch tiefgehende heilsame Kräfte entfalten, ist für Monika Baumgartner eine Herzensangelegenheit: Seit 20 Jahren ist sie als Heilpraktikerin tätig und befasst sich intensiv mit den aufbauenden Aspekten der Musik. So sind beispielsweise die liabsten Liader auf der CD ganz bewusst in der etwas tieferen Stimmung von 432 Hertz aufgenommen – im Gegensatz zur heute üblichen Stimmung von mindestens 440 Hz. In ihrem Buch stellt sie dazu eine tiefgründige Frage: »Ist es möglich, dass genau diese Grundstimmung den Menschen ausgleicht, Körper und Seele in Einklang bringt, Gehirnhälften synchronisiert, Körperorgane belebt, Herz und Verstand verbindet, Wohlbefinden fördert, Stimmbänder weniger verschleißen lässt?«

Monika Baumgartner brennt für ihre Musik. Sie befreit das Singen aus den Grenzen der Bewertung und bringt es damit unmittelbar zurück ins Leben. Mit der Ehrenmedaille 2026 hat die Stadt München ihr Lebenswerk gewürdigt, das Brücken baut und Mut macht. Wir gratulieren herzlich – auf dass es nie aufhöre, gemeinsam zu klingen!

Geigesang
Noten

Siehe auch: »Nun freuet euch Menschen auf Erden«

Noten-Beschreibung und PDF
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Aufmacher:
Die Ehrenmedaillen-​Preisträgerin Monika Baumgartner tritt spontan gemeinsam mit den Preisträgern des Innovationspreises Volkskultur Maxjoseph auf die Bühne.

Foto: Michael Nagy, Presseamt München

Weitere Infos

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