»Musikalität kann man rauskitzeln!«

Ein Portrait über Martin Kern und die musikalische Selbstbestimmung

2. November 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

Er hat sich von niemandem vereinnahmen lassen. Er war nie Aushängeschild für irgendjemanden. Er genießt seine Unabhängigkeit und seine Freiheit, das zu tun, wovon er überzeugt ist. Die Rede ist von Martin Kern – einer im Allgäu unverrückbaren Größe in Sachen Volksmusik und einem Musiker, der ein Leben lang auf musikalische Selbstbestimmung bedacht ist.
Text: Evi Heigl
Fotos: Martin Kern, ­Tanja ­Kutter, Nicolas Senn

Martin Kern (70) lebt in Buchenberg bei Kempten. Eigentlich ist er gebürtiger Niederbayer, stammt aus Vilsbiburg im Landkreis Landshut. Als er zwölf Jahre alt war, kam die Familie ins Allgäu – nach Seltmans im Gemeindegebiet Weitnau. Martins Vater hat mit Gitarre und Mundharmonika Musik gemacht. Ihm lag am Herzen, die Musikausbildung seines Sohnes zu fördern. Martin durfte Zither, Klarinette, Gitarre und Hackbrett lernen. Zusammen mit einem Gitarristen aus Missen spielten der Vater am Hackbrett und Martin an der Zither als Bergstätter Saitenmusikanten. Im Archiv des Bayerischen Rundfunks gibt es Aufnahmen dieser Gruppe aus der Zeit um 1970.

David und Martin Kern beim Bau des selbst entwickelten KernKlangbretts

Ausbildung und prägende Persönlichkeiten

Als junger Mann studierte Martin Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt Musikpädagogik in Benediktbeuern. Dort lernte er auch seine Frau Angelika kennen. In dieser Zeit begegnete er zu Hause im Allgäu einigen bedeutenden Musikantenpersönlichkeiten, die ihn musikalisch geprägt und inspiriert haben, so z. B. den Oberstdorfer Scherrzitherspieler Max Schraudolf (1918–1999). Zusammen mit seinem Freund Rudl Motz ist Martin bei Schraudolf in die Lehre gegangen und so spielten alle drei als Scherrzithertrio zusammen. In dieser Besetzung traten sie z. B. bei Wastl Fanderls Baierischem Bilder- und Notenbüchl im Fernsehen auf. Fanderl ermunterte Martin damals dazu, auf die Suche nach schwäbisch-alemannischer Volksmusik zu gehen, was für Martin eine Art Auftrag von höchster Stelle war.

Auch der in Kempten und weit darüber hinaus bekannte Akkordeon-Virtuose Fritz Finkel (1930–2001) war für Martin eine Art Mentor. In dessen Gruppe durfte er die Gitarre spielen und lernte dabei namhafte Leute kennen, wie den Blasmusiker und Komponisten Franz Watz (*1949) oder den Akkordeonspieler und Komponisten Georg Schwenk (*1935). »Das war für mich eine bereichernde Zeit, in der ich vor allem das Frei-Dazuspielen in allen Tonarten gelernt hab«, meint Martin.

»Ich will frei sein, das zu tun, wovon ich überzeugt bin.«

Das Trio Kerber- Kern mit Martin und Sebastian Kern und Markus Kerber (v. l.)

Foto: Nicolas Senn

Musikalische Selbstständigkeit

Nach dem Studium zögerte er, sich im Rahmen einer Festanstellung einem Arbeitgeber und damit einem starren System und gewissen Erwartungen unterzuordnen. Er wagte den Schritt in die Selbstständigkeit. Auf eigene Faust akquirierte er in seinem engeren Umfeld zunächst einige Instrumentalschüler, organisierte Instrumente für sie und begann im September 1980 mit dem privaten Musikunterricht. Das war auch die Zeit der Familiengründung. Martin und Angelika heirateten und ließen sich in Buchenberg nieder. Nach und nach kamen die vier Söhne zur Welt.

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Martin war bald der Ansicht, dass er als Interpret bereits bestehender Musik nie so gut sein könne wie als Interpret seiner eigenen Werke. Von da an begann er Noten zu schreiben und die Stücke auf Tonträger einzuspielen. Man trug ihm auch immer wieder historische Notenbücher mit alten Musikantenhandschriften aus der Region zu. Wenn ihm Stücke darin gefielen, bearbeitete und publizierte er sie. So gibt es mittlerweile eine beachtliche Anzahl an Notenheften mit Stücken aus Martins eigener Feder oder mit Bearbeitungen historischer Handschriften. Viele Werke sind im Archiv des Bayerischen Rundfunks eingespielt.

In diesem Zusammenhang machte Fritz Mayer (1940–2020), der damalige Leiter der Abteilung Volksmusik beim Bayerischen Rundfunk, die Bekanntschaft mit Martin Kern. Er war von ihm angetan und holte ihn nach München ins Funkhaus, damit er dort gelegentlich Aufnahmeleitungen übernahm oder Sendungen moderierte. Martin Kern wurde so freier Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk.

Kursangebote und Instrumentenbau

Zu Hause im Allgäu organisierte Martin neben seinem immer fortlaufenden privaten Musikunterricht in Buchenberg auch Volksmusikkurse, wie z. B. das Seminar Die Gitarre in der Alpenländischen Volksmusik. Dann kam die Zeit, in der der Instrumentenbau ein wichtiges Thema in seinem Leben wurde. Er knüpfte Kontakte zur Instrumentenbauerfamilie Teller aus Bubenreuth und realisierte mit ihr zusammen zahlreiche Gitarrenbaukurse – auch auf der ita­lien­ischen Insel Elba, die seit 35 Jahren seine zweite Heimat ist.

»Musikalität hat jede und jeder in sich.«

Martin arbeitete seit Anfang der 1980er-Jahre auch mit Kinderheimen zusammen und verband hier seine sozialpädagogische Ausbildung mit der Musikerziehung. In dieser Zeit kam ihm die Idee, ein kleines, einfach zu bedienendes Hackbrett zu entwickeln – mit weitem Saitenabstand und Saiten, die angezupft werden. So entstand das KernKlangbrett, dessen Herstellung in Zusammenarbeit mit der Schreinerei Mayr in Eschach schließlich professionalisiert wurde. Auch Sohn David stieg in die Produktion mit ein.

Musikgruppen und Konzertreihen

Martin Kern gründete mehrere Musikgruppen, darunter die Allgäuer Bauernmusik, eine kleine Bläser-Besetzung mit acht Musikern, die seit 25 Jahren zusammenspielt, oder das Allgäuer Klarinettenquartett. Mit seinem Sohn Sebastian und dem befreundeten Musiker Martin Kerber spielt er im Saitenmusik-Ensemble Kerber-Kern.

Martin Kern hat verschiedene Konzertreihen ins Leben gerufen. Im Landhotel Sommerau in Buchenberg fand 40-mal die Veranstaltung Volksmusik aus den Alpenländern statt. Hier waren Volksmusikgruppen aus der Schweiz, aus Österreich und Bayern zu Gast. Seit vielen Jahren lädt er außerdem zur Konzertreihe Vielsaitiges ein, in der die gesamte Bandbreite der Musik mit Saiteninstrumenten vorgestellt wird – ob modern, klassisch oder volksmusikalisch. Die Konzerte fanden ca. 25 Jahre lang im Fürstensaal der Residenz zu Kempten statt und sind jetzt mittlerweile im Schönen Saal der Sing- und Musikschule in Kempten angesiedelt.

Nun hat Kern ein neues Projekt in Zusammenarbeit mit der Stadt Kempten entwickelt: Jahr für Jahr holt er Volksmusikgruppen aus den fünf Partnerstädten ins Allgäu und bringt sie mit einheimischen Musikerinnen und Musikern zusammen auf eine Bühne. Quiberon (Frankreich) und Sopron (Ungarn) waren in den vergangenen Jahren bereits zu Gast.

Scherrzithertrio Schraudolff mit Rudl Motz, Martin Kern und Max Schraudolf (v. l.), um 1980

Musik ist wie die Luft zum Atmen

Mittlerweile ist Martin zwar in Rente und könnte ein wenig kürzertreten. Doch bleibt Musik weiterhin seine Leidenschaft und ihre Weitergabe ist ihm immer noch ein Anliegen. Nach wie vor unterrichtet er in Kinderheimen oder musiziert mit geflüchteten Jugendlichen. Er ist überzeugt davon, dass Musik nichts mit künstlerischer Höchstleistung zu tun hat. Musik muss für alle offen und zugänglich sein. Musik ist für ihn wie der Herzschlag, wie die Luft zum Atmen. »Musikalität hat jede und jeder in sich«, sagt er. Es sei eben nur die Kunst, »das auch bei allen rauszukitzeln«.

www.martin-kern-musik.de

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Aufmacher:
Im Jahr 2024 wurde Martin Kern der Volksmusikpreis »Schwäbische Nachtigall« des Bezirks Schwaben verliehen. (v. l. n. r. Christoph Lambertz und Evi Heigl (»Beratungsstelle für Volksmusik« des Bezirks Schwaben), Martin und Angelika Kern, Alfons Weber (stellvertretender Bezirkstagspräsident))

Foto: Tanja Kutter

Neue Publikation

In Kürze erscheint beim Bezirk Schwaben ein neues Notenheft mit Stücken aus der Feder von Martin Kern als Band 6 der Reihe Volksmusik von Musikantenpersönlichkeiten aus ­Bayerisch-Schwaben mit dem Titel: A g’schenkter Dag – 15 Volksmusikstücke für Saiteninstrumente von Martin Kern. Die Stücke sind jeweils mit einem QR-Code versehen, der zu einem eingespielten Hörbeispiel mit Playalong-Funktion führt. Das titelgebende Stück ist in der Rubrik »hellhörig« in dieser »zwiefach« zu finden.

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