Viel wurde in den vergangenen Jahren über den Volkstanz bzw. das Bairisch Tanzen in München in der »zwiefach« berichtet. Musik und Bewegung gehören nach wie vor zu den wichtigsten Vermittlungsformen des Fachbereichs Volkskultur im Kulturreferat München, den ich selbst seit rund 20 Jahren – davon mehr als zehn Jahre als hauptamtlicher Heimatpfleger – aktiv miterleben und mitgestalten konnte. Zeit also für ein volkstänzerisches Resümee, das freilich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und auch künftig noch einiges an Entwicklungspotenzial erkennen lässt.
Text: Magnus Kaindl Fotos: Stefanie Giesder, Christian Schmied, Kulturreferat München, Dobner&Angermann
In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich die Tanzlandschaft der bairischen Volkskultur in München deutlich verändert. Was lange als Spezialinteresse einer eher älteren, oft auch alternden Szene galt, hat sich zu einem offenen urbanen Kulturphänomen entwickelt, das Menschen unterschiedlichster Generationen und Hintergründe zusammenbringt. Neue Ideen und Formate, neue Orte und Vermittlungsansätze haben dazu beigetragen, dass Volkstanz oder – wie wir es gerne nennen – das Bairisch Tanzen wieder sichtbar und erlebbar im städtischen Raum stattfindet. Diese Entwicklung ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis bewusster Strategien, kreativer Vermittlungsarbeit und der Begeisterung vieler Tanzvermittler, Musikanten und Tänzer, die Tradition nicht nur bewahren, sondern weiterdenken.
Volkskultur im Kulturreferat – Tradition und Auftrag
Der Fachbereich Volkskultur ist seit 1979 dauerhaft in der städtischen Kulturverwaltung verankert. Diese Struktur ist ungewöhnlich: München ist bis heute die einzige Großstadt in Deutschland, in der innerhalb einer kommunalen Institution volkskulturelle Themen kontinuierlich behandelt und aktiv gestaltet werden.
Als Eva Becher um die Jahrtausendwende die Leitung der Volkskultur übernahm, war ihr bewusst, dass sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stark verändert hatten. Veranstaltungen der Volkskultur erreichten zunehmend nur noch ein traditionell geprägtes Publikum – häufig ältere Menschen aus dem Umfeld von Trachtenvereinen oder Volkstanzkreisen. Ihre zentrale Frage lautete daher: Wie kann Volkskultur wieder mehr – und vor allem jüngere – Menschen erreichen?
»Erst die Veränderung hält Tradition lebendig.«
Tanzen als Schlüssel zur Öffnung
Eine Antwort lag im Tanzen. Bairisch Tanzen verbindet Live-Musik, Bewegung und unmittelbare Begegnung. Gleichzeitig birgt die überlieferte Tanztradition einen reichen Schatz. Die Vielfalt und oft einfache Struktur vieler Volkstänze ermöglichen Teilhabe ohne große Vorkenntnisse und eröffnen besonders jungen Menschen einen direkten Zugang zum eigenen Erleben.
Entscheidend dabei war ein Perspektivwechsel: weg von der klassischen Aufführungspraxis mit akkurat einstudierten Tanzchoreografien, hin zu vereinfachten Schritt- und Tanzelementen. Ziel war es, den Einstieg möglichst niedrigschwellig zu gestalten und den Teilnehmenden vom ersten Takt an ein Gefühl von Erfolg und Freude am Tanzen zu vermitteln.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Live-Musik. Sie bildet die rhythmische Grundlage, auf der sich die Tänzer bewegen. Gute Tanzmusikanten zeichnet aus, dass sie auf die Energie des Tanzbodens und die Bedürfnisse der Tänzer intuitiv reagieren können – eine Fähigkeit, die immer wieder neu erprobt und weiterentwickelt werden muss. Gerade dieses Zusammenspiel gehört zu den besonderen Qualitäten beim Volkstanz: Musik und Bewegung entstehen im Moment – als gemeinsames und einmaliges Erlebnis.
Urban statt ländlich – Volkstanz in der Stadt
Die Entwicklung der Münchner Tanzszene ist eng mit ihrem urbanen Umfeld verbunden. In einer Großstadt funktionieren kulturelle Traditionen anders als in ländlichen Regionen. Während dort Vereine oft feste Zuständigkeiten für kulturelle Aktivitäten übernehmen, entstehen in der Stadt eher offene und spontane Strukturen. Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten begegnen einander – Studierende, Familien, internationale Münchner oder ältere Tanzbegeisterte. Diese Vielfalt prägt heute das Bild des Volkstanzens in München und schafft Begegnungen, die sonst kaum zustande kämen.
Der Kocherlball – Initialzündung für ein offenes Tanzkonzept
Ein eindrucksvolles Beispiel für diese Entwicklung ist der Kocherlball im Englischen Garten, verbunden mit den Tanzkursen, die das Kulturreferat seit 2008 im Vorfeld dazu anbietet. Eine entscheidende Rolle spielten dabei Sympathieträger, deren didaktisches Geschick und offene Vermittlung den Einstieg erleichtern. Die Tanzmeisterin Katharina Mayer und ich konnten in das uns gesetzte Vertrauen so über Jahre hinweg ein leicht zugängliches und offenes Konzept entwickeln, dessen Wirkung auf ungebrochene Resonanz stößt.
Diese Tanztreffs – die übrigens auch vor dem Münchner Kathreintanz stattfinden – sind nach wie vor das wichtigste Instrument der tänzerischen Vermittlungsarbeit. Sie richten sich ausdrücklich an Menschen ohne Vorerfahrung und finden in lockerer Atmosphäre statt: ohne strenge Regeln, ohne Dresscode, ohne Leistungsdruck, ohne Kosten, ohne Anmeldung – und vor allem ohne die Voraussetzung eines festen Tanzpartners. Viele Teilnehmende kommen allein oder in Gruppen und finden sich spontan zu Tanzpaaren zusammen, gleichgeschlechtlich oder gemischt.
Neue Formate – vom Tanztee bis zum freestyle bairisch tanzen
Auf dieser Grundlage sind zahlreiche weitere Formate entstanden, die unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Ein Beispiel für ein genreübergreifendes Projekt ist der Tanzsalon mit Tanztees und Tanzserenaden. Hier stehen klassische Gesellschaftstänze wie Walzer, Foxtrott oder Tango im Mittelpunkt – und Menschen verschiedener Generationen kommen gemeinsam auf die Tanzfläche. Ähnlich funktioniert das Format Tanzen im Park, das während der Sommermonate in öffentlichen Stadtparks dazu einlädt, unterschiedliche Tanzstile kennenzulernen und auszuprobieren.
Im volkstänzerischen Bereich ergänzen neben dem Dauerbrenner Zwiefache tanzen innovative Formate rund um das freestyle bairisch tanzen das Angebot. Ein wichtiger Impuls liegt dabei in der Tanzimprovisation – verbunden mit dem Wunsch, starre Überlieferungsmuster und gesellschaftliche Konventionen aufzubrechen und mit eigenen kreativen Ideen zu füllen.
Das von mir entwickelte Projekt Ländlerisch tanzen greift beispielsweise improvisatorische Tanzformen auf, die vor der Institutionalisierung der Volksmusikpflege weit verbreitet waren. Typisch sind Armverschlingungen, Drehfiguren und Umkreisungen, die frei miteinander kombiniert werden können – eine überraschend einfache Möglichkeit, sich spontan zur Musik zu bewegen. Wenige Grundschritte genügen, um eigene Figuren zu entwickeln. Das Repertoire entsteht aus der Interaktion der Tanzpartner – nicht aus festgelegten Schrittfolgen.
Katharina Mayer setzt mit dem Workshop Partnerspiel noch grundlegendere Impulse. Hier stehen das bewusste Erforschen und der persönliche Genuss der Bewegung im Paartanz im Mittelpunkt. Es geht um das Zusammenspiel von Führen und Folgen, von Nähe und Distanz. Auch klassische Geschlechterrollen im Tanz werden hinterfragt: Wer führt? Wer folgt? Oder kann sich diese Rolle im Verlauf eines Tanzes verändern? Zur praktischen Erprobung fließen Elemente aus Contemporary Dance oder Contact Improvisation ebenso ein wie traditionelle Tanzelemente.
Auch neue Vermittlungsformen werden erprobt und erfolgreich weiterentwickelt. Besonders freut mich, dass sich mein Pandemieprojekt Bavarian Line Dance in kurzer Zeit als weiterer Baustein der tänzerischen Vermittlung etabliert hat und in der Praxis auf große Resonanz stößt.
Foto: Dobner & Angermann
Ausblick
Vom Nischenphänomen zur urbanen Bewegung – dieser Entwicklung ließen sich noch viele weitere Aspekte hinzufügen: etwa Fragen der Werbestrategie, der bewussten Wahl von Begegnungs- und Erlebnisräumen oder die Rolle unterstützender Online-Angebote. Das würde jedoch den Rahmen dieses Beitrags sprengen.
Fest steht: Die Entwicklung dessen, was Bairisch Tanzen im urbanen Kontext sein kann, ist kein abgeschlossener Prozess. Volkstanz in München ist keine statische Tradition. Er lebt davon, dass Menschen ihn immer wieder neu interpretieren, weiterentwickeln und sich neugierig darauf einlassen. Gerade darin liegt seine Stärke: Traditionelle Tanzformen besitzen das Potenzial, sich auf gesellschaftliche Veränderungen einzustellen, ohne ihre eigene Identität zu verlieren. Oder anders gesagt: Kultur hat sich zu jeder Zeit weiterentwickelt. Das Festhalten an einem bestimmten Zustand wäre künstlich und letztlich museal. Erst die Veränderung hält Tradition lebendig.
So zeigt das Bairische Tanzen in München beispielhaft, wie sich eine kulturelle Praxis aus ihrer Nische heraus wieder in die Mitte der Gesellschaft bewegen kann – als gemeinsames Erlebnis voller Musik, Bewegung, Genuss und Lebensfreude.
Aufmacher:
Wer sich umfassend über die Aktivitäten der Volkskultur im Kulturreferat der Landeshauptstadt München informieren möchte hat folgende Möglichkeiten:











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