Wie ich das Tanzen nicht lernte

»hinterbayern«, Mai 2026

1. Juli 2026

Lesezeit: 2 Minute(n)

Text: Herbert Pöhnl Foto: Marika Hartl

Meine erste Begegnung mit Tanzen war im Alter von sechzehn Jahren als Schüler einer 42-köpfingen Knabenschulklasse. Wir konnten Forellen mit der Hand fangen und wussten die besten Plätze für Steinpilze, aber was ein Wiegeschritt ist oder wie eine Dame tanztechnisch richtig geführt wird, war uns nicht im Geringsten geläufig. Deshalb mussten wir Waldler-Buben freiwillig an einem Tanzkurs teilnehmen. So trat diese spezielle Sozialisation in unser unbedarftes Dasein in Form einer Tanzlehrerin, die um die 75 Jahre alt und klein war.

Wir standen im Kreis um sie herum, ziemlich unsicher, es sollte losgehen. Die Lehrerin erklärte, dass schon die alten Römer Tänze kannten. In ihrem Skript stand weiter, dass es schnelle und langsame Tänze gäbe, historische und moderne, regionale und weltweit praktizierte. Einen dieser globalen sollten wir üben; sie bat um Konzentration. Aber der alles entscheidende Fehler aus meiner Sicht war, dass sie mich zum Vor- und Mittanzen auswählte, ausgerechnet mich. Schnell gab sie mir zu verstehen, sie würde ausnahmsweise führen, die Aufgabe des Tänzers übernehmen. Was ich als Erleichterung verspürte. Aber das Gegenteil baute sich sehr rasch in mir auf und die Lehrerin schien das Kommende zu ahnen. Sie erklärte trotzdem unbeirrt noch schnell das Wesentlichste des Tangoschritts per lautem Kommando: »eins, zwei, stepp, eins, zwei ….«

In mir stauten sich Hilflosigkeit, Widerstand und Scham, denn 41 erleichterte und erlöste Klassenkameraden begannen zu grinsen, zu flachsen, zu spotten und meine Verletztheit durch Zwischenrufe zu steigern: »oans, zwoa, stopp, stopp …«

Mein Tanzversuch misslang vorhersehbar und wurde vorzeitig abgebrochen, wahrscheinlich fürchtete die Tanzlehrerin um ihre körperliche Unversehrtheit. Der weitere Fortgang des Kurses ist mir nicht erinnerlich. Mir war gehörig schwindelig und ich nahm mir vor, nie mehr eine Tanzfläche zu betreten. Das hält seit über fünfzig Jahren an und mir wurde nie mehr schwindelig.

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