Der 46-jährige Philipp Korda aus Markt Rettenbach ist leidenschaftlicher Volkstänzer. Kürzlich wurde er in das Amt eines Heimatpflegers für den Landkreis Unterallgäu berufen. Im Gespräch mit Evi Heigl erzählt er, was seine Aufgaben sind, was ihn am Volkstanz bewegt und was es mit den Koradappern auf sich hat.
Interview: Evi Heigl Fotos: Tanja Wiedemann, Felicitas Rachuth, privat
Evi Heigl: Philipp, wie lange tanzt du schon?
Philipp Korda: Ich tanze, seit ich mit fünf, sechs Jahren in die Kindergruppe unseres Trachtenvereins eingestiegen bin. Das war der Trachtenverein D’ Mindeltaler in Mindelheim.
Wie kamst du zum Trachtenverein?
Über meine Eltern. Mein Vater war damals 2. Vorstand und Vortänzer. Und so wächst man in die ganze Sache rein. Ich bin dann auch mit 15, 16 Jahren noch dabeigeblieben, bin später Vorplattler geworden und gern auf Volkstanzveranstaltungen gegangen. Unsere damalige Gauvortänzerin hat mein Talent erkannt, hat mich immer gefördert, und schon da hat man mich öfters mal gebeten, einen Tanz in der Mitte vorzutanzen. So bin ich da hineingerutscht und zum Vortänzer geworden.
Du bist ja erst kürzlich Heimatpfleger im Landkreis Unterallgäu geworden.
Ja, seit Oktober letzten Jahres bin ich einer der Heimatpfleger und kümmere mich um Volkstanz, Volksmusik, Tracht, Bräuche, Laienspiel, aber auch um Wappenkunde. Zuerst bin ich ein bisschen erschrocken und hab mich gefragt, wie man da auf mich kommt. In Wappenkunde und Archivarbeit muss ich mich noch ein bisschen einfinden. Aber ich kann zum Glück mein Hauptthema, den Volkstanz in den Mittelpunkt stellen. Am liebsten gebe ich die Dinge weiter, die lebendig sind!
»Am liebsten gebe ich die Dinge weiter, die lebendig sind!«
Im Unterallgäu hat die Kreisheimatpflege ja ein besonderes System.
Genau, die Aufgabengebiete sind da auf mehrere Schultern verteilt, je nachdem ob es um Musik und Bräuche, Denkmalpflege, Archäologie, Kunstgeschichte und Museen oder das Archiv geht.
Eine etwas ketzerische Frage: Gehört denn nun das Unterallgäu schon zum richtigen Allgäu?
Gut – das echte Allgäu ist wohl schon eher in den Bergen drin. Die Oberallgäuer würden unsere Gegend wohl nicht akzeptieren. Die sagen zu uns, wir seien die »Koradapper«, also die »Korn-Treter«. Wir haben halt doch noch relativ viel Ackerbau hier, während im Oberallgäu die Alm- und Viehwirtschaft vorherrscht. Wenn du keinen Grund und Hof über 700–800 Metern hast, dann bist du in ihren Augen auch kein richtiger Oberländer.
Eines deiner Schwerpunktthemen in deinem Amt ist der Volkstanz. Welche Ziele verfolgst du hier?
Was mir immer am Herzen liegt, das ist, Leute, die mit der Sache noch nie etwas zu tun hatten, dafür zu begeistern oder – ja, auch zu überraschen! Es kommt z. B. vor, dass ich auf eine Geburtstagsfeier eingeladen werde und die Gesellschaft zum Tanzen bringen soll – egal, ob die Leute vorher schon mal was von Volkstanz gehört haben oder nicht. Im Endeffekt macht es allen Spaß und sie spüren die Lebensfreude, die dahintersteckt. Das tut der Feier gut und die Leute nehmen die Freude mit nach Hause und zehren noch lange davon.
Offenbar gelingt es dir, mit deiner Art die Leute anzusprechen. Hat sich in der Vermittlungsform im Laufe der Jahre etwas verändert?Ich glaube, so manches ist im Laufe der Jahre den Bach hinuntergegangen, weil es halt ein bisschen eingeschlafen und stupide geworden ist, nach dem Motto »Das haben wir immer schon so gemacht«. Und ich mach da halt manchmal ein bisschen was anders. Bin lockerer und offener.
Da gibt es aber Stimmen, die fordern, dass die Ausführung der Tänze ganz exakt und gleichförmig erfolgen muss.Ich finde es schon auch richtig, dass man sich an die Formen hält, aber wenn da jemand die Hand mal nicht an der Hüfte hat, sondern irgendwo anders, dann ist das auch ok. Das ist die Freiheit des Tanzmeisters – aber immer mit Maß und Ziel. Der Spaß, der rüberkommen muss, ist mir wichtig. Und wenn jemand kein Dirndl oder keine Lederhose hat, dann kommt er halt in der Jeans oder sie im Rock. Das ist für mich ganz egal. Das ist auf Volkstanzveranstaltungen alles gern gesehen. Das ist natürlich was anderes, wenn ich im Trachtenverein als Gruppe unterwegs bin.
Man beobachtet manchmal, dass langjährige Tanzkreise im Laufe der Jahre etwas vor sich hindümpeln und echte Nachwuchssorgen haben.
Das ist ganz massiv so.
Woran liegt das?
Weil, wie gesagt, alles immer gleich beibehalten wird und oftmals nichts Neues erlaubt ist. Und wenn ich nicht aufmache und auch mal was auf mich zukommen lasse, dann wird es immer enger und kleiner. Auch an Musikgruppen muss man mal ein bisschen durchwechseln oder was Neues aufziehen, sonst hört man sich irgendwann satt. Es dürfen in einer Volkstanzkapelle auch mal andere Instrumente mitspielen als gewohnt. Mitreißend muss es halt sein!
Hast du neue Initiativen geplant?
Ich habe vor, über das Landratsamt die Kindergärten anzusprechen. Jeder Kindergarten hat mal ein Sommer- oder ein anderes Fest und ich möchte anbieten, dass ich dann komme und mit den Kindern tanze. Kinder haben keine Vorbehalte und sind frei und offen.
Wie erfahren denn die Menschen im Unterallgäu von deinen Aktionen und Terminen?
Wir sind gerade am Aufbau einer Veranstaltungsseite auf der Homepage des Landratsamtes. Und dann gibt es einen begeisterten Volkstänzer in Memmingen, den Thomas Frommel, der alle ihm bekannten Tanztermine weit und breit sammelt und einen regelmäßigen Newsletter herausgibt (Anmeldung: reliXXL@gmx.de). Und viel läuft natürlich auch über Mundpropaganda.
Lieber Philipp, vielen Dank für deine Auskünfte und einen guten Start in deinem neuen Amt!
Aufmacher:
Wollt ihr Philipp beim Tanzen sehen? In diesem Video zeigt er uns den Allgäuer Sechsertanz:
https://volksmusik.bezirk-schwaben.de/tanzen/grosstanzformen/allgaeuer-sechsertanz/






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