Text: Johanna Senger Fotos: Andrea Senger, Norbert Neuhofer
Musik und Bewegung sind zwei wesentliche Teile unseres Lebens. Wir sind geprägt von unterschiedlichen Melodien und egal, ob wir sie nur hören oder auch dazu tanzen, lösen diese etwas in uns aus. Man schwelgt nicht nur in Erinnerungen, sondern beginnt, sobald man die ersten Töne eines Musikstücks hört, sich ganz intuitiv dazu zu bewegen, egal ob im Rhythmus oder frei.
In der Rhythmik beziehungsweise Musik- und Bewegungspädagogik wird viel mit der Wechselwirkung von Musik und Bewegung gearbeitet, welche unter anderem die Basis für eigene kreative Entfaltung bildet. Wie kann man durch Bewegung die Musik ausdrücken, die man gerade hört? Wie kann man Musik so spielen, dass sie sehr nah an der Bewegung dran ist und diese am besten unterstützt? Der künstlerisch-pädagogische Fachbereich Rhythmik beschäftigt sich mit Musik, Bewegung, Stimme, Improvisation, Wahrnehmung und Interaktion in der Gruppe. Musik wird durch Bewegung in unterschiedlichster Art und Weise erlebt und immer in Gruppenprozessen gemeinsam wahrgenommen. Dadurch liegt der Fokus nicht nur auf der künstlerischen Produktion, sondern auch auf Interaktion und Kommunikation, die einen kreativen Prozess unterstützen.1
Die Beziehung zwischen Tanzenden und Musizierenden kann jedes Mal sehr unterschiedlich sein. Manchmal ist die Musik so schwungvoll, dass sie einen beinahe fliegen lässt. Jedoch sind Stücke mit einer gewissen Schwere, näher an den Boden und unsere Füße gebunden und bewirken eher das Gegenteil. Daher ist die Frage, wie man Musik so spielen kann, dass sie die Bewegung am besten unterstützt, für Tanzmusik sehr naheliegend.
»Manchmal ist die Musik so schwungvoll, dass sie einen beinahe fliegen lässt.«
Musikbewegung im Einklang
Tanzmusik lebt davon, dass ein Zusammenspiel zwischen Musizierenden und Bewegenden stattfindet. Die Musik beeinflusst natürlich, wie sich das Publikum bewegt, aber auch die Tanzenden können entweder durch schwungvolle oder auch langsame kleine Bewegungen, die Melodien zu ihrem Vergnügen lenken beziehungsweise nutzen. Die Beziehung zwischen Musik und Bewegung kann schon zu Beginn, nämlich beim Einstudieren der Stücke, geschaffen werden. Durch diese frühe Verbindung spielt man beim Musizieren nicht nur die Melodien maschinenhaft herunter, sondern spürt den Zusammenhang der beiden Elemente auch im eigenen Körper. Auf mehreren Ebenen Musik zu vermitteln und sie auch zu spüren, macht sie so zu einem besser greifbaren Konstrukt.
Auf Musikseminaren ist der primäre Fokus die Vermittlung von Stücken am Instrument. Jedoch ist nicht nur das Spielen auf den Instrumenten, sondern auch das Singen, das Klopfen der Melodie am Körper und die Bewegung, ein Mittel, um die Musik besser zu verstehen. Eine Möglichkeit wäre beim Einstudieren, die Stücke, bevor man sie spielt, zu singen und sich dazu im Metrum zu bewegen. Die Gruppe kann auch den passenden Tanz lernen, um zu spüren, welches Tempo angenehm erscheint, oder wo der Schwerpunkt ist, beziehungsweise sein kann. Dasselbe Stück kann sich durch verschiedene Interpretationen sehr unterschiedlich anhören, weshalb es hilfreich ist, sich mit den Parametern, die die Vielseitigkeit einer Melodie beeinflussen, direkt beim Einstudieren zu befassen. Wie spüre ich das Tempo? Wo setze ich den Schwerpunkt? Welche Emotionen gebe ich in die Musik hinein? Die Rhythmik bringt mit ihren Methoden eine Mehrschichtigkeit für Lernprozesse mit sich, wodurch man Musik und Bewegung als ein Ganzes auf verschiedenen Wahrnehmungskanälen spüren und erlernen kann.
Rhythmus macht Musik, macht Bewegung.
Das Rhythmuselement in der alpenländischen Volksmusik sind Bass und Nachschlag. Diese beiden Komponenten geben sowohl den Tanzenden als auch den Musizierenden ein Tempo, einen gemeinsamen Schwerpunkt und die passende Dynamik zu einem Musikstück. Ein klares Metrum zu haben, lässt die Musik nach einer Einheit klingen und gibt der Melodie den Freiraum, sich darüber aufzubauen. Beim Musizieren, den Körper oder auch nur den Fuß im Metrum mitzubewegen, gibt nicht nur Sicherheit für die einzelnen Personen, um im Takt zu bleiben, sondern macht die Musik auch dynamischer. Die Bewegung kann helfen, den Puls zu spüren und die Leichtigkeit oder Schwere eines Tanzes zu beeinflussen.
Um den Tanzcharakter zu unterstützen, gibt es hier zum Beispiel die Möglichkeit, gemeinsam im Metrum zu gehen, während man die Melodie auf den Instrumenten spielt. Dies hilft nicht nur dem Schwung der Musik, sondern stärkt auch das Gemeinschaftsgefühl und die Interaktion, welches wichtige Komponenten beim Zusammenspielen sind. Die Rhythmik bietet eine große Bandbreite an Prinzipien, die sich gut eignen, um Lernen auf unterschiedlichen Ebenen zu erfahren. Tanz und Melodie miteinander zu verbinden, das eine durch das andere erklären zu können und durch Improvisation eigene individuelle Ideen zu entwickeln, verändern nicht nur die eigene Verbindung zwischen Bewegung und Musik, sondern auch die Verbindung innerhalb der Gruppe.
»Man zeigt die Musik so, wie man sie spürt!«
Die Freiheit in der Bewegung.
Oft tanzt man, wenn man noch sehr jung ist, gar nicht so, wie die Tänze eigentlich vorgesehen sind, was man als erwachsene Person eher nicht machen würde. Gedanken wie »so geht der Tanz richtig«, »was denken jetzt die anderen über mich?« »Schaut meine Bewegung vielleicht unvorteilhaft aus?« und »ach, dann setz ich mich eben hin, denn ich habe keine Person zum Tanzen gefunden« verdichten sich jedoch oft mit fortschreitender Selbstwahrnehmung. Ein kleines Kind, welches sich wild allein im Kreis dreht, kennt solche Gedanken, die vermutlich den meisten Erwachsenen vertraut sind, vielleicht noch nicht. Die Freiheit, Bewegung durch Musik einfach zu improvisieren, ist tief in uns verankert, jedoch geht sie oft durch vorgegebene, klare Bewegungsmuster verloren. Im Laufe des Lebens wird man mit verschiedenen richtigen Tanzschritten sozialisiert, aus denen es schwierig ist, nach langer Vertrautheit, wieder auszubrechen. Dieser Fokus auf das Außen kann unsere eigene Motivation und das Bedürfnis, sich individuell und frei zu bewegen, hemmen.
Tanz ist sichtbare Musik.
Die Musik gibt Impulse für Bewegungen, die ganz unterschiedlich sein können und sich stetig verändern. Man nimmt Melodien durch die Ohren auf, diese wandern durch den Körper und machen so die Musik durch den Tanz auf einer optischen Wahrnehmungsebene sichtbar. Gibt es dann überhaupt ein Richtig oder Falsch, wenn jede einzelne Person die Klänge anders wahrnimmt? Vielleicht ist man als Kind noch am nächsten und individuellsten an der im Moment gehörten Musik dran. Man beginnt sich auszuprobieren in der Koordination, der Wahrnehmung, wo man sich im Raum und in der Gruppe befindet, sowie in der Interaktion beim gemeinsamen Tanzen.
Auch die Improvisation spielt in der Rhythmik eine große Rolle, denn ohne klare Struktur der Tanzart, ist man frei im Tun und dementsprechend auch in der Bewegung. Man zeigt die Musik so, wie man sie spürt! Entweder setzt man die Impulse genau gleich, oder man beginnt, die Melodie versetzt in den Körper zu bringen. Eine weitere Möglichkeit wäre, einen klaren Kontrapunkt zu setzen, indem man zum Bespiel bei einer langsamen Musik sehr schnelle und energetische Bewegungen macht. Wie nah man am Rhythmus dran ist, oder auch wie fern, ob man einen Kontrast setzt oder genau die Musik im Körper spiegelt, bleibt dabei offen. Durch Improvisation lernt man ganz intuitiv verschiedene Bewegungsqualitäten kennen. So kann man die Musik und die Bewegung viel individueller miteinander verbinden. Doch warum hat man als Kind weniger Hemmungen, sich frei zu bewegen? Vielleicht ist es einem in jungen Jahren einfach egal, wie man tanzt und wir könnten uns das alle ein wenig abschauen!







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