Willkommen bei Carl Orff! Nach mehrjähriger Planungs- und Bauzeit war es vergangenen November endlich so weit! Das COMU (Carl Orff Museum) öffnete unter großem Anklang der Öffentlichkeit seine Pforten. Carl Orffs Wohn- und Arbeitshaus, das er von 1955 bis zu seinem Tod 1982 bewohnte, mit der großzügigen Parkanlage sowie der weite Blick über den Ammersee nach Andechs und auf die Alpen – all das macht die Carl-Orff-Stiftung als Trägerin des neuen Museums nun der Allgemeinheit zugänglich.
Text: Magnus Kaindl Fotos: Florian Holzherr, Anne Kirchbach, Nila Thiel, Sessner, Keetman, Orff-Zentrum München
In Dießen ist ein nahezu barrierefreies, interaktives und familienfreundliches Museum zum Stöbern, Hören, Fühlen und Mitmachen entstanden. »Wir eröffnen mit dem COMU nicht nur ein Museum, sondern neue Zugänge zur Musik. Das COMU ist nicht nur eine Hommage an das Lebenswerk, sondern auch ein Ort der Begegnung, des Lernens und der Inspiration«, betont Judith Janowski, geschäftsführende Vorständin der Carl-Orff-Stiftung.
Und zu entdecken gibt es vieles! So gewährt das Wohnhaus Einblicke in das Privatleben des Komponisten. Sein musikalisches Schaffen und Wirken als Theatermensch und Musikpädagoge werden im original erhaltenen Arbeitszimmer hautnah erlebbar – fast meint man, Carl Orff könne jeden Moment zurückkehren um weiterzuarbeiten. Im Erweiterungsbau laden zahlreiche Mitmachstationen dazu ein, selbst aktiv zu werden, zu erkunden und auszuprobieren. Kurzum: Im COMU begibt man sich auf eine Reise in ein Leben voller Rhythmen, Musik, Sprache und Tanz und lernt das vielfältig künstlerische Werk in umfassender und didaktisch ansprechend aufbereiteter Weise kennen.
Carl Orffs Schulwerk und die Idee des Volksmusikalischen
Ein Schwerpunkt der Ausstellung gilt der pädagogischen Idee des weltbekannten Orff-Schulwerks. In diesem Zusammenhang möchte ich etwas ausführlicher auf das methodische Konzept des Schulwerks eingehen und es mit den Prinzipien volksmusikalischer Vermittlung vergleichen.
»Elementare Musik ist nie Musik allein, sie ist verbunden mit Bewegung, Tanz und Sprache, sie ist eine Musik, die man selbst machen muss, in die man nicht als Zuhörer, sondern als Mitspieler eingebunden ist.«
(Carl Orff)
Mit ihrer Methode haben Carl Orff (1895–1982) und die Komponistin Gunild Keetman (1904–1990) die Musikpädagogik in vielen Ländern und Kulturen der Welt bis heute maßgeblich beeinflusst. Ihr Anspruch ist radikal einfach: Musik soll nicht vermittelt, sondern hervorgebracht werden – aus Bewegung und Tanz, Sprache und elementarem Spiel. Menschen erhalten dadurch einen spielerischen Zugang zur Musik, während ihre kreative Entwicklung mithilfe einfacher rhythmischer und melodischer Elemente gefördert wird. Gerade in dieser Elementarität liegt eine auffällige Nähe zu Praktiken, die aus der volksmusikalischen Vermittlung vertraut sind.
Wenn Orff von elementarer Musik spricht, meint er eine Musik, die stets mit Körper, Sprache, Rhythmus und gemeinschaftlichem Tun verbunden ist. Im Schulwerk steht deshalb nicht das fertige Ergebnis im Vordergrund, sondern der Prozess. Improvisation ist kein Zusatz, sondern Grundprinzip. Musik ist nicht Objekt, sondern Handlung. Vieles erinnert dabei an mündliche Überlieferungsprozesse – an Situationen, in denen Musik nicht gelehrt, sondern weitergegeben wird. Nicht systematisch, sondern beiläufig. Und gerade darin nachhaltig.
Musik im Vollzug
Ein genauerer Blick auf die musikalischen Mittel des Schulwerks verstärkt diesen Eindruck. Charakteristisch sind einfache, klar strukturierte Modelle: etwa Bordunbegleitungen, ostinate – also prägnant wiederholte – rhythmische Muster sowie kurze melodische Motive, die sich in pentatonischen Tonräumen bewegen. Diese Elemente sind nicht zufällig gewählt. Sie schaffen ein stabiles Gerüst, das unmittelbar zugänglich ist und zugleich Raum für Variation lässt.
Vieles davon wirkt vertraut, begegnen wir doch in der Volksmusik denselben oder ähnlichen Praktiken. Denn auch sie ist in vielen ihrer Erscheinungsformen nicht auf das Werk, sondern auf die Praxis ausgerichtet. Sie lebt von Wiederholung, Variation sowie sozialer und funktionaler Einbindung und nicht zuletzt davon, dass sie, gerade in der Tanz- und Gebrauchsmusik, im Moment entsteht und sich verändert, also keine feste Werkgestalt besitzt.
Der Bordun war beispielsweise zumindest bis ins 19. Jahrhundert ein zentrales Element der Volksmusik, wenngleich er heute eher aus der Mode geraten scheint. Auch Pentatonik und Dreiklänge strukturieren Tänze und Lieder und ermöglichen ein einfaches, kollektives Musizieren ohne schriftliche Fixierung.
Ein weiterer entscheidender Aspekt ist die Art des Lernens. Im Schulwerk des Carl Orff geschieht Aneignung nicht primär über Notation, sondern über Nachahmung, Variation und eigenes Tun. Rhythmische Modelle werden gesprochen, geklatscht, gegangen und gespielt – oft gleichzeitig. Auch diese Form des Lernens weist deutliche Parallelen zu mündlichen Überlieferungsprozessen auf, wie sie für Volksmusik charakteristisch sind. Wissen wird nicht abstrakt vermittelt, sondern im gemeinsamen Ausprobieren weitergegeben.
»Musik soll nicht
vermittelt, sondern hervorgebracht werden.«
Zwischen Elementarität und Tradition
Wenn das Schulwerk so viele strukturelle Parallelen zur Volksmusik aufweist, handelt es sich dann um eine bewusste Anknüpfung? Oder eher um eine ästhetische Idee des Einfachen, die mit realer Volksmusik nur bedingt zu tun hat?
Tatsächlich bleibt Volksmusik bei Orff meist im Hintergrund. Es geht weniger um konkrete regionale Stile als um eine Vorstellung von Ursprünglichkeit, Unmittelbarkeit und gemeinschaftlichem Musizieren. Das Orff-Schulwerk ist in vielerlei Hinsicht volksmusikalisch – in seinen Strukturen, Lernformen sowie seiner sozialen und funktionalen Ausrichtung. Und doch zitiert es keine konkrete Volksmusik. Es rekonstruiert weder Stile noch regionale Idiome. Stattdessen scheint es etwas freizulegen, das darunter liegt: eine Art musikalischer Grundbestand. Es handelt sich folglich eher um eine pädagogische Transformation von Volksmusiküberlieferungen. Das Ergebnis ist eine Struktur, die vertraut wirkt, ohne aber an eine bestimmte Tradition gebunden zu sein.
Wirkung und Anwendbarkeit
Gerade diese Abstraktion dürfte ein Grund für den internationalen Erfolg des Schulwerks sein. Es ist nicht an eine spezifische kulturelle Praxis gebunden, sondern lässt sich in unterschiedlichste Kontexte übertragen. Die Prinzipien – Rhythmus, Bewegung, Wiederholung und Improvisation – sind universell einsetzbar.
Das Orff-Schulwerk gibt es heute nahezu auf der ganzen Welt. Von Argentinien bis Vietnam – in mehr als 40 Ländern bieten Orff-Schulwerkgesellschaften Informationen und praktische Angebote für die Elementare Musik- und Bewegungspädagogik an, häufig verknüpft mit lokalen musikalischen Traditionen. So entstehen hybride Formen, in denen sich pädagogische Struktur und kulturelle Praxis überlagern. In diesem Sinne wirkt das Schulwerk weniger als Bewahrer, sondern vielmehr als offenes System, das Inspiration und Austausch ermöglicht.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung und Leistung des Orff-Schulwerks: nicht in der Erhaltung oder Nachahmung von Tradition, sondern in der Übersetzung ihrer grundlegenden Prinzipien in eine moderne, institutionell vermittelbare Form, die gerade dadurch universell verständlich wird. Die Ideen und das Verständnis dahinter werden im COMU ebenfalls live erfahrbar. Im Klang.Spiel.Raum haben die Besucher die Möglichkeit, mit dem klassischen Orff-Instrumentarium zu experimentieren und eigene Klang- und Rhythmuswelten zu erschaffen.
Workshops & Kurse im COMU
Das COMU bietet auch Workshops und Kurse zum Orff-Schulwerk an. Ob groß oder klein, jung oder alt, für Schulen, im Inklusionsbereich oder für eine außergewöhnliche Geburtstagsfeier – Rhythmus, Trommeln, Theaterspielen, gemeinsames Singen verbindet, macht Spaß und weckt Kreativität.
Für jeden Anlass gibt es ein passendes Programm: Von einstündigen Kursen über Wochenendworkshops bis hin zu fortlaufenden Angeboten.
Auch Kursleiter, die Raum suchen für musikalische Früherziehung, Orff-Schulwerk-Kurse im Bereich Inklusion anbieten oder auch andere Ideen haben, die mit dem Orff-Schulwerk zu tun haben, können sich im Museum melden.












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