Balfolk und Volksmusik

Zwei lebendige Traditionen im Vergleich

28. April 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

Text: Vivien Zeller Fotos: Martina Hübner, Archiv Trad & Bordun

Während man unter Volksmusik in der Regel Musik versteht, die über Generationen innerhalb einer bestimmten Region entstanden und weitergegeben worden ist, eng mit lokalen Tänzen, Festen und Bräuchen verbunden ist und die kulturelle Identität einer bestimmten Gegend widerspiegelt, ist Balfolk dagegen eine moderne soziale Tanzkultur, die sich seit den 1970er-Jahren zuerst in Frankreich und von dort aus in Belgien, den Niederlanden und schließlich in ganz Europa entwickelt hat. Sie legt besonders viel Wert auf Improvisation, Energie und Flexibilität.

Die Haltung zur Tradition

Zwei Musikkulturen die verschiedener nicht sein könnten? – Ja und nein. Beide haben ihre Wurzeln in traditionellen Musikformen und teilen viele historische Tänze. Unterschiedlich sind jedoch die Funktion, Praxis und die Haltung zur Tradition. Wo in der Volksmusik die Freude an der korrekten Ausführung der jahrelang gepflegten Tradition im Vordergrund steht, geht es beim Balfolk um Selbstausdruck der Spielenden und Tanzenden, um emotionale Verbindung und Energieaustausch.

Wo Volksmusik sich auf abgegrenzte Regionen und die Unterschiede zur Nachbartradition fokussiert, bezieht sich Balfolk auf die Gemeinsamkeiten der europäischen Tanztraditionen. Aus verschiedenen länderspezifischen und regionsspezifischen Schrittvariationen und Bewegungsabläufen eines Tanzes entstand mit der Zeit eine neue Version, die die anderen verbindet und damit von allen getanzt werden kann, egal welcher Herkunft. Diese Weltoffenheit ermöglicht, dass jeder auch ohne besondere Vorkenntnisse im Prinzip einfach mitmachen kann. Gleichzeitig gehen gerade dadurch aber auch manch spannende Details und regionale Besonderheiten verloren.

Die Idee hinter der Balfolk-Bewegung ist eigentlich recht einfach. In den 1970er-Jahren gab es das Folkrevival, also eine Neuhinwendung zu traditioneller Musik – die zu dieser Zeit in Europa oft nur noch in Volkstanzgruppen, als Bühnentanz in Choreographien geübt und als eine Art Kunstform erhalten wurde. Die Aufbruchstimmung dieser Zeit hat auch beim Volkstanz nicht Halt gemacht. In Frankreich zum Beispiel galt das neu erwachte Interesse traditionellen Tänzen und vor allem dem gemeinsamen Tanzen als Form der Begegnung von Mensch zu Mensch im Alltag. Junge Tänzer und Tänzerinnen wollten Spaß haben und nicht Schritte üben, gleichzeitig entstanden die großen Tanz- und Musikfestivals in Europa. Man kam in Kontakt mit anderen Tänzern und Musikern aus anderen Ländern und anderen Kulturen. Im gemeinsamen Tanzen sucht und fand man das kleinste gemeinsame Vielfache. Das, was alle können, wo alle mitmachen können: Polka, Walzer, Mazurka, Schottisch, Tänze aus der französischen und bretonischen Tradition und Gruppentänze wie Chapelloise oder Fröhlicher Kreis, die z. T. erst in den 1970er-Jahren entstanden sind.

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Tanzbegeisterung: Bei einem Flashmob wird schon mal kurzerhand auf der Straße eine Bourrèe gespielt und getanzt.

»Junge Tänzer und Tänzerinnen wollten Spaß haben

Dialog in Tanz und Musik

Einmal angefangen entwickelte sich die neue Tanzbewegung immer weiter und breitete sich in Europa aus. Der Fokus liegt dabei weniger auf der korrekten Ausführung von bestimmten Tänzen, sondern auf den verschiedenen Möglichkeiten einen Tanz zu tanzen. Es geht um die Begegnung mit dem Tanzpartner, darum, gemeinsam eine eigene Version zu erschaffen. Tanzen wird zum Dialog zwischen den Tanzenden und der Musik. Es geht um Selbstausdruck und Miteinander statt um das Ausführen von Eingeübtem – also ähnlich dem ursprünglichen Tanzen in der Dorfgemeinschaft.

Verändert sich das Tanzen, verändert sich auch die Tanzmusik. Eine Musik war nun gefragt, die den Tänzern mehr Freiheit lässt und die auch den Musikern Freiräume eröffnet. Die Improvisationsteile in den Stücken wurden immer länger bis hin zu z. T. komplett improvisierter Musik. Musikerinnen und Musiker griffen Elemente aus unterschiedlichen Traditionen auf und verbanden sie mit eigenen Ideen, schrieben neue Stücke und arrangierten traditionelle Stücke mit modernen Harmoniekonzepten. Über die Jahrzehnte entstand eine völlig neue Musikkultur mit eigenen Formen und Regeln.

Wie es immer in der traditionellen Alltagsmusik war, so wird auch beim Balfolk der Einfluss der modernen, musikalischen Mode-Elemente immer größer. So kann man heute Techni-Bals erleben, bei denen die Tanzmusik von Techno-Elementen bestimmt wird. Die linearen Basslinien mischen sich hervorragend mit den Bordun-typischen Melodien der französischen Tänze und den gleichbleibenden trancehaften Rhythmen der bretonischen Tänze. Der Wunsch nach frei improvisierten Tänzen erreicht ihren Höhepunkt beim Bal Contact, wo auf Basis der Kontaktimprovisation sich völlig frei zur Musik bewegt wird.

Während im Volkstanz immer noch die klassische der Mann führt, die Frau folgt-Idee beliebt ist, zog in die Balfolk-Bewegung das genderneutrale Tanzen ein. So ist es kein Wunder, dass die queere Gemeinschaft sich dort wiederfinden kann und besonders junge Menschen sich von dieser Art Freiheit in Ausdruck, Bewegung und Lebensart angezogen fühlen.

Tanzbegeisterung: Wenn Trad & Bordun beim Alten Wirt in Obermenzing Station macht, dann verschmelzen Musik und Bewegung.

Durch Freiheit zu den Wurzeln

Was passiert aber mit den regionalen Unterschieden der traditionellen Tänze? Volksmusik orientiert sich häufig an traditionellen Spielweisen und typischen regionalen Klangbildern. Diese Unterschiede verschwinden beim Balfolk und werden von etwas Neuem abgelöst. Der Erforschung und dem Erhalt dieses Wissens haben sich viele Zentren für traditionelle Brauchtumspflege in ganz Europa verschrieben. Und das zu Recht, ist es doch die Grundlage von allem. Und so groß das Bedürfnis nach Freiheit in der eigenen Entfaltung ist, so groß ist wohl auch das Bedürfnis nach Beständigkeit und nach Verständnis und Detailwissen, denn auch in der Balfolk-Szene gibt es eine neue Hinwendung zu regionalen Besonderheiten. Immer mehr Menschen möchten wieder genau wissen, wie in einer bestimmten Region getanzt worden ist. So kann Balfolk vielleicht gerade durch die Freiheit die Tür öffnen zum Einstieg in die Welt der Tanzforschung.

Und was passiert nun, wenn jemand auf die Idee kommt, diese beiden Richtungen der traditionellen Tanz- und Musikkultur zusammenzubringen? Im Jahr 2000 wurde der Bordun e.V. mit dem Zweck gegründet, die europäische Dudelsack- und Drehleiermusik zu fördern. Der Verein veranstaltet u. a. Workshopwochenenden zum Thema Balfolk. 2022 bot Martina Hübner dem Verein ihre Idee an, Balfolk und bayerische Volksmusik in einer Veranstaltung mit Kursen und Tanzabend zu verbinden. Das spannende Konzept heißt Trad & Bordun und fand nun bereits zum vierten Mal in München statt. Hübners Idee ist es, die gemeinsamen Wurzeln beider Musikkulturen zu entdecken und gemeinsam auf eine Reise von Bayern durch Europa zu gehen.

Ich durfte bei den ersten beiden Ausgaben als Dozentin für Balfolk-Ensemble, Tanz und traditionellen Tanz dabei sein und diese wilde Mischung besonders beim öffentlichen Tanzabend im Hofbräuhaus erleben. Eine Mischung, die trotz Unterschieden oder gerade dadurch zu den explosiven Abendveranstaltungen beitrug.

»… die ungebremste Neugier der Leute«

Martina Hübner ist in beiden Welten zu Hause und sagt dazu: »Ich fand Gefallen an den Reibungen und dem ›Fremdeln‹, was beide Welten mir boten. Was mich beeindruckt hat, war die ungebremste Neugier der Leute.« Das kann ich nur bestätigen. Ich erinnere mich noch gut an das Zusammentreffen der Menschen bei den Tanzabenden im Hofbräuhaus. Die neugierigen Blicke auf die seltsamen Instrumente (französischer Dudelsack) und andersherum auf die Tracht tragenden Volkstänzer, geflüsterte Fragen, ob man denn zu dieser Veranstaltung überhaupt Dirndl tragen dürfte, mit Wasserflaschen ausgerüstete Balfolk Tänzer, mit unsicheren Blicken zum ersten Mal im Hofbräuhaus – und meine Fragen: Klappt das? Wollen die Leute zu unserer so ungewohnt klingenden Musik tanzen? Aber kaum ertönte der erste Ton, waren alle auf der Tanzfläche. Kurze Erklärung zur Bourreé oder Chapelloise und schon ging es los. Manchmal erst zögerlich mit fragenden Blicken nach links und rechts, dann aber tanzten alle mit strahlenden Gesichtern zusammen.

Nach der Pause wechselten die Musiker und bayerische Volksmusik erfüllte den Raum. Nun waren die Volkstänzer in ihrem Element, führten sicher durch jeden Zwiefachen und freuten sich über jede und jeden, der es ausprobieren will. Das Balfolk Publikum ließ sich bald auf die starken Rhythmen der Musiker ein und es wurde mit glühenden Wangen gejuchzt. Die mitreißend gespielte Musik stand im Kontrast zur vorherigen Runde, wo eher weiche Moll-Melodien im Vordergrund standen. Begegnung statt Konfrontation – in den Musikstilen genauso wie im Publikum.

Mir kommt es vor, als wäre der Unterschied zwischen Volksmusik und Balfolk doch eher eine Frage der Perspektive. Volksmusik blickt stärker auf regionale Traditionen. Balfolk dagegen verbindet verschiedene europäische Einflüsse und Selbstverwirklichung.

»Balfolk verbindet verschiedene europäische Einflüsse und Selbstverwirklichung

Begegnung statt Konfrontation

Wenn die Ausdrucksmöglichkeit durch Improvisation in Tanz und Musik, sowie die Erlaubnis von Melancholie des Balfolks mit den beständigen klaren Formen, dem Rhythmus und der Fröhlichkeit und Energie des Volkstanzes zusammentreffen, dann kann ein musikalischer Raum entstehen, in dem beide Bedürfnisse, Vergangenheit und Gegenwart miteinander ins Gespräch kommen. Ein Raum, in dem das gemeinsame Spielen und Tanzen im Mittelpunkt steht.

Gerade durch das Gegensätzliche kann man die Qualitäten beider Musikrichtungen wahrnehmen und jede kann ein Gewürz in der anderen Suppe sein. Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich nicht ohne Grund an. Für einen Volksmusiker / Volkstänzer kann es herausfordernd aber vielleicht auch befreiend und spannend sein, einmal die gewohnten Grenzen zu überschreiten und zu improvisieren, sei es eine Melodie oder einen Bewegungsablauf.

Für einen Balfolk-Musiker kann es beglückend sein, die klaren Strukturen und vitalisierenden Rhythmen der Volksmusik zu erleben, die eine starke positive Kraft und Freude erzeugen. Traditionelle Melodien können durch neue Arrangements ein frisches Leben erhalten, während die Balfolk-Szene von der Vielfalt der europäischen Musiktraditionen profitiert. Ein rundum gelungener Abend.

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Aufmacher:
An traditionsreicher Stätte: Balfolk im Münchner Hofbräuhaus

Trad & Bordun findet wieder vom 16.–18. Oktober 2026 in München statt.

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