Wenn am ersten September-Wochenende die Höfe des Freilichtmuseums Neuhausen ob Eck am Südzipfel der Schwäbischen Alb oder des Bauernhausmuseums Wolfegg im Herzen Oberschwabens mit Musik erfüllt sind, wenn Geigen, Harmonikas und Blechbläser zwischen und in historischen Gebäuden erklingen, dann ist wieder Volksmusiktag Baden-Württemberg. Seit über einem Vierteljahrhundert lädt der Landesmusikrat Baden-Württemberg zu dieser besonderen Veranstaltung ein, die bewusst mehr ist als ein folkloristisches Schaulaufen: Unter dem Motto »So klingt’s im Ländle« wird hier Volksmusik als lebendige, sich wandelnde Praxis erfahrbar gemacht – und das an einem Ort, der selbst für Erinnerung, Bewahrung und Vermittlung steht: dem Museum.
Text: Wulf Wager Fotos: Landesmusikrat Baden-Württemberg
Museen gelten oft als Orte des Bewahrens, gelegentlich auch des Stillstands. Volksmusik hingegen lebt vom Gebrauch, vom Moment, vom gemeinsamen Tun. Der Volksmusiktag bringt diese beiden Sphären produktiv zusammen. Denn gerade im Kontext eines Freilichtmuseums gewinnt Musik eine zusätzliche Dimension: Sie wird zurückgeführt an jene Orte, an denen sie einst selbstverständlicher Teil des Alltags war. Eine heute noch perfekte Synergie. Ob in der Stube eines Schwarzwaldhofs, auf dem Dorfplatz oder im Wirtshaus – Volksmusik war nie nur Darbietung, sondern soziale, verbindende Praxis. Im Museum wird dieser Zusammenhang sichtbar, ohne in bloße Inszenierung zu kippen. Wenn Musikerinnen und Musiker zwischen historischen Gebäuden aufspielen, entsteht kein museales Nachstellen, sondern ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Vielfalt statt Klischee
Der Volksmusiktag setzt bewusst auf Vielfalt. Neben klassischen Stubenmusik-Besetzungen finden sich Tanzbodenkapellen, Gesangsgruppen, Blechbläserensembles und experimentierfreudige Formationen. Traditionelle Tänze wie Zwiefache, Polkas oder Ländler stehen gleichberechtigt neben neueren Formen, die sich aus der Volksmusik heraus entwickelt haben. Gerade hierin liegt die Stärke der Veranstaltung: Sie widerspricht dem verbreiteten Klischee einer statischen, ursprünglichen Volksmusik. Stattdessen zeigt sie, dass musikalische Tradition immer im Fluss ist. Junge Gruppen bringen neue Einflüsse ein, ältere Ensembles pflegen regionale Besonderheiten – und dazwischen entsteht ein lebendiger Austausch. Auch regionale Unterschiede werden hörbar: Ob oberschwäbische Tanzmusik, alpenländisch geprägte Weisen oder schwarzwälderisch beeinflusste Spielarten – der Volksmusiktag bildet die klangliche Topografie Baden-Württembergs ab. Und immer dazu gehört auch der Blick über die Grenze des Ländles hinaus. Alljährlich wird eine Gastgruppe aus Bayern, Tirol oder der Schweiz zum Volksmusiktag eingeladen. Und der beginnt schon am Tag zuvor mit einem Danzbodaglüha. Hier spielen Tanzbodenmusikgruppen im Wirtshaus, im Schafstall oder in der Zehntscheuer auf und es wird getanzt, bis die Socken rauchen. Am Schluss, so um die Mitternachtsstunde verschmelzen die Gastmusikanten und die einheimischen Gruppen zu einem großen Klangkörper und es wird improvisiert auf Teufel komm raus, bis der Wirt dem Treiben ein Ende setzt.
Beteiligung statt Bühne
Ein zentrales Element ist die Niedrigschwelligkeit. Der Volksmusiktag versteht sich nicht als Festival mit klarer Trennung zwischen Bühne und Publikum. Vielmehr wird das Publikum selbst Teil des Geschehens. Offene Singstunden für Kinder und Erwachsene, Volkstanzanleitungen und Mitmachangebote, wie Instrumentenbasteln für Kindern laden dazu ein, sich aktiv einzubringen.
Gerade im musealen Kontext entfaltet dies eine besondere Wirkung: Die historischen Räume werden nicht nur betrachtet, sondern bespielt. Musik, Tanz und Gesang füllen die Gebäude mit Leben – zumindest für einen Tag. Damit wird das Museum vom Ort der Betrachtung zum Erfahrungsraum. Diese Form der Vermittlung ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch nachhaltig. Wer selbst einen Zwiefachen getanzt oder ein Lied mitgesungen hat, nimmt mehr mit als bloßes Wissen: nämlich eine körperlich und emotional verankerte Erfahrung. Insofern dient der Volksmusiktag auch der Öffentlichkeitsarbeit in Sachen traditioneller Volksmusik. Rund 3000–4000 Besucher strömen alljährlich durch die Museen in denen in zweijährlichem Turnus der Volksmusiktag gefeiert wird.
»Es entsteht ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.«
Generationen im Dialog
Ein weiteres Merkmal des Volksmusiktags ist der generationenübergreifende Ansatz. Kinder, Jugendliche und ältere Menschen begegnen sich hier auf Augenhöhe – nicht zuletzt, weil Volksmusik keine exklusive Kunstform ist, sondern prinzipiell allen offensteht. Nachwuchsarbeit spielt dabei eine wichtige Rolle. Junge Musikerinnen und Musiker erhalten die Möglichkeit, sich zu präsentieren und zugleich von erfahrenen Volksmusikanten zu lernen. Workshops und Begegnungen fördern diesen Austausch gezielt. Gerade im Freilichtmuseum entsteht so ein vielschichtiger Dialog: zwischen Alt und Jung, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Überlieferung und Innovation.
Authentizität und Inszenierung
Natürlich bleibt die Frage nach der Authentizität. Kann Volksmusik im Museum überhaupt echt sein? Oder wird sie zwangsläufig zur Inszenierung? Der Volksmusiktag gibt darauf keine theoretische Antwort, sondern eine praktische: Authentizität entsteht hier nicht durch historische Genauigkeit allein, sondern durch die Haltung der Beteiligten. Wenn Musik aus innerer Überzeugung gespielt und geteilt wird, gewinnt sie auch im musealen Rahmen ihre Glaubwürdigkeit. Zugleich wird nicht verschwiegen, dass jede Präsentation im Museum auch eine Form der Inszenierung ist. Doch diese wird bewusst reflektiert und offen gestaltet. Der Volksmusiktag vermeidet starre Bühnenprogramme und setzt stattdessen auf Bewegung, Begegnung und Offenheit.
Bedeutung für die regionale Identität
In einer Zeit, in der kulturelle Identitäten zunehmend diskutiert und hinterfragt werden, kommt Veranstaltungen wie dem Volksmusiktag Baden-Württemberg eine besondere Bedeutung zu. Sie zeigen, dass regionale Kultur nichts Abgeschlossenes ist, sondern etwas, das immer wieder neu ausgehandelt wird. Volksmusik wird hier nicht als nostalgisches Relikt präsentiert, sondern als Teil einer lebendigen Gegenwartskultur. Sie stiftet Gemeinschaft, ohne auszugrenzen, und ermöglicht Identifikation, ohne starr zu sein. Gerade im Kontext von Baden-Württemberg, einem Land mit vielfältigen historischen und kulturellen Prägungen, wird diese Funktion deutlich. Der Volksmusiktag macht hörbar, was das Ländle im Innersten zusammenhält – und wie unterschiedlich es zugleich klingt.
Der Volksmusiktag Baden-Württemberg ist zwar ein Fixpunkt im Kalender der Volksmusikfreunde, aber er ist auch weit mehr als eine Veranstaltung im Jahreskalender. Er ist ein Experimentierfeld für die Frage, wie Musik im Museum wirken kann – und welche Rolle sie in der Vermittlung von Kultur spielt. Indem er historische Orte mit lebendiger Musik füllt, schlägt er eine Brücke zwischen Bewahrung und Gegenwart. Er zeigt, dass Volksmusik kein museales Objekt ist, sondern eine Praxis, die gerade im Dialog mit der Geschichte ihre Kraft entfaltet. Oder anders gesagt: Im Museum wird nicht nur gezeigt, wie es einmal klang – sondern hörbar gemacht, wie es heute klingt. Und vielleicht morgen klingen wird.
https://freilichtmuseum-neuhausen.de
https://www.bauernhaus-museum.de
Aufmacher:
Volksmusiktag Baden-Württemberg
Der Volksmusiktag 2026 findet am 6. September 2026 im Bauernhausmuseum Allgäu-Oberschwaben Wolfegg statt. Beginn ist um 11 Uhr. Der Tag endet um 16 Uhr mit einem gemeinsamen Abschluss-Singen. Bereits am Samstag, 5. September, 19 Uhr wird zum Danzbodaglüha mit der Spundlochmusig und den Die Draufgeiger eingeladen.





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