Spielweisen – Was Blasmusik sein kann

Über eine Sonderausstellung im Tirol Panorama

2. Juli 2026

Lesezeit: 7 Minute(n)

Kein anderes Musikgenre durchdringt so sehr die Gesellschaft wie die Blasmusik. Tirol hat mehr Musikkapellen als Gemeinden, sie sind tragende Säulen des sozialen Gefüges, stiften Identität und bestimmen die Außenwirkung des Landes mit. Das Musizieren in diesen Formationen ist für viele im Land die erste und prägendste Begegnung mit Musik. Anlässlich des Jubiläums 100 Jahre Tiroler Blasmusikverband stellte sich das Tiroler Landesmuseum in der Ausstellung Spielweisen die Frage, wann und warum die Blasmusik diesen herausragenden Stellenwert erlangte. Kurator Dr. Franz Gratl gibt Einblicke.
Text: Franz Gratl Fotos: Maria Kirchner

Das Phänomen Blasmusik hat viele Facetten. Es handelt sich um ein Musikgenre von erstaunlicher Vielfalt in Hinblick auf Instrumentarium, Repertoire, Besetzung und Klangbild. Darüber hinaus erfüllt Blasmusik ein breites Spektrum von sozialen und politischen Funktionen: Musikkapellen sind bei zivilen und sakralen Festlichkeiten omnipräsent. Sie bewegen sich dabei in einem Spannungsfeld: Sie pflegen und vermitteln Tradition, aber sie bleiben natürlich nicht unberührt von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Musikkapellen sind nicht zuletzt, wie es der Historiker Hubert Mock formuliert hat, »Orte der Repräsentation kollektiven Gedächtnisses« und »Orte der Stiftung und Vergegenwärtigung lokaler wie ethnisch-nationaler Identität«. Auf Tirol bezogen heißt das, dass Blasmusik ganz ohne Zweifel ein wesentlicher Bestandteil einer immer wieder beschworenen Tiroler Identität ist, in der volkskulturelle Erscheinungsformen wie die Musikkapellen als Projektionsflächen und Werbeträger dienen. Blasmusik spielt eine zentrale Rolle in der Freizeitgestaltung und der musikalischen Bildung breiter Bevölkerungsschichten. Gleichzeitig ist dieses Musikgenre mit vielen Klischees und Mythen behaftet. Die Ausstellung Spielweisen – Was Blasmusik sein kann will einerseits der Faszination dieses Genres und andererseits diesen Klischees auf den Grund gehen.

Die eingehende und kritische Betrachtung des Phänomens Blasmusik stellt in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung dar. Viele glauben zu wissen, was Blasmusik ist, und fast jeder hat eine klare Haltung dazu (von inniger Liebe bis zu strikter Ablehnung). Eine exakte Definition von Blasmusik ist jedoch sehr schwierig, ja nahezu unmöglich. Der renommierte Blasmusik-Experte Achim Hofer formuliert es so: »Sage mir, was Du unter Blasmusik verstehst, und ich sage Dir: Du hast recht.«1

In der Konsequenz gehen wir in der Ausstellung nicht der Frage nach, was Blasmusik ist, sondern was sie sein kann. Die Schau soll dazu anregen, festgefügte Vorstellungen und die eigene Haltung zur Blasmusik zu hinterfragen. All jenen, die mit Tiroler Blasmusik noch nie konfrontiert waren, soll die Ausstellung ebenso Gelegenheit geben, in eine erstaunlich vielfältige musikalische Welt einzutauchen, wie Insidern.

Besucher betreten die Ausstellung durch den stilisierten Schalltrichter eines Blasinstruments.
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Einblicke in die Ausstellung.

Ein Rundgang durch Spielweisen – Was Blasmusik sein kann

Im Folgenden unternehmen wir einen kleinen Rundgang durch die Ausstellung. Die Ausgangspunkte dafür sind Fragen, die wir uns stellen – und von denen wir uns wünschen, dass die Besucher sie sich auch stellen mögen.

Die Besucherinnen und Besucher betreten die Ausstellung durch einen gigantischen Schalltrichter. Dieser Trichter übt eine Sogwirkung aus und kanalisiert den Besucherstrom in Richtung der Ausstellung. Das steht für die sogartige Wirkung des Phänomens Blasmusik und für den Luftstrom, der durch ein Blasinstrument fließt. In der Folge durchwandert man einen Tunnel, gewissermaßen das Rohr eines Blechblasinstrumentes, und wird durch Videostationen, ausgewählte Originalobjekte und ein Kaleidoskop von reproduzierten Fotografien, Grafiken, Noten, Plakaten und Programmen in das Thema hineingezogen. In den Videostationen begegnen uns Personen, die in verschiedener Weise mit Blasmusik zu tun haben und über ihre Erfahrungen und Motivationen erzählen.

Gab’s das immer schon? – Woher kommt das?

Die Idee, beim Musizieren im Freien Blasinstrumente einzusetzen, ist uralt. Das zeigt zum Beispiel die Darstellung eines Zugs von Syrinx (Panflöte) spielenden Musikanten auf einem Tongefäß aus der Eisenzeit. Die Wurzeln des Musikgenres der Blasmusik, wie es sich heute darstellt, sind vielfältig und weitläufig: Die osmanische Feldmusik wirkt ebenso prägend wie die von professionellen Musikern gespielte höfische Harmoniemusik und die Militärmusik, deren führende Protagonisten auffallend häufig aus den slawischen Kronländern der Donaumonarchie stammen. Böhmen hat eine Ausnahmestellung, denn aus diesem wirtschaftlich fortschrittlichen Land stammen nicht nur besonders gut ausgebildete Blasmusikanten; Böhmen ist auch das europäische Zentrum des Blasinstrumentenbaus. Fast alle Tiroler Musikkapellen entstehen nach 1800, in einer Zeit, die durch den enormen Aufschwung des Laienmusizierens geprägt ist. Selten lassen sich allerdings konkrete Gründungsdaten nennen, die Anfänge sind zumeist sehr bescheiden. Ein stilisierter Trichter symbolisiert in der Ausstellung die vielfältigen Wurzeln der Blasmusik.

»Die Vitrine ist als
Umkleideraum inszeniert.«

Die Fotostation am Schluss der Ausstellung dokumentiert die eigene Haltung zur Blasmusik.

Bist du richtig angezogen?

In der öffentlichen Wahrnehmung gehören Tracht und Blasmusik zusammen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt aber, dass das noch gar nicht so lange der Fall ist – und auch in der Gegenwart ist das Bild differenzierter, als die herkömmlichen Klischeebilder suggerieren. Im 19. Jahrhundert ist eine einheitliche Tracht, die ihrerseits auf die Uniformierung im Militär- und Schützenwesen zurückgeht, die Ausnahme: Alte Aufnahmen von Dorfkapellen zeigen die Musiker (ausschließlich Männer) in ihrem Sonntagsrock. Nationale Feierlichkeiten, wie zum Beispiel die Jahrhundertfeier der Bergiselschlachten im Jahr 1909, sind dann oft Anlässe, Musikkapellen mit Trachten auszustatten. Die Entwürfe dazu stammten häufig von Krippenkünstlern und Malern.

Die Vitrine ist als Umkleideraum inszeniert: Unterschiedliche Trachten und Accessoires hängen und liegen herum. Jede Tracht hat ihre speziellen Gesetzmäßigkeiten der Zusammenstellung, aber im Überblick ergibt sich ein vielfältiges Bild.

Warum klingst du so?

Das Klangbild der Blasmusik hat sich seit dem frühen 19. Jahrhundert stark gewandelt. Viele Instrumente, die damals in den Kapellen gespielt werden, kommen später außer Gebrauch. Typisch für die Frühzeit ist ein kerniger, obertonreicher Klang. Die einzelnen Instrumente behalten ihre jeweilige Charakteristik und mischen sich kaum. Die traditionellen Naturhörner und Naturtrompeten bleiben noch lange in Gebrauch und werden zusammen mit den moderneren Ventilinstrumenten gespielt. Daneben gibt es Instrumente, bei denen die Erweiterung des Tonvorrats nicht durch Ventile, sondern durch Klappen erreicht wird. Bis gegen 1900 schreitet die Standardisierung der Besetzung fort. Die Umstellung von der hohen Militärstimmung auf die Normalstimmung um 1960 ist für viele Kapellen der Anlass, das Instrumentarium komplett zu erneuern. Das führt zu einer flächendeckenden Standardisierung und einer Globalisierung des Klangbildes.

Eine Skulptur aus zahlreichen Instrumenten, gewissermaßen ein Instrumentenbaum, gewährt von drei Seiten Einblicke in die Entwicklung des Instrumentariums.

Ist das Blasmusik?

Das Repertoire der Blasmusik ist geprägt vom Wechselspiel zwischen Tradition und Innovation. Die altösterreichischen Militärmärsche bilden bis heute einen Grundstock. Das Konzertrepertoire ist wandelbarer: Stehen im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor allem Opern- und Operettenbearbeitungen sowie Arrangements von Wiener Unterhaltungsmusik auf dem Programm, so treten im 20. Jahrhundert u. a. Filmmusik und Pop-Arrangements an diese Stelle. Auch die symphonische Blasmusik nimmt seit einigen Jahren immer breiteren Raum ein. Eine Hörstation bietet eine Vielfalt von Klangeindrücken zur Blasmusik der Vergangenheit und Gegenwart, vielfach korrespondierend mit Ausstellungsobjekten.

Marschierst du überall mit? – Muss das sein?

Blasmusik ist ein wesentliches Element der Feiergestaltung. Sie gibt weltlichen und kirchlichen Feiern ihr unverkennbares musikalisches Gepräge. Zugleich wirkt sie affirmativ, das heißt, sie bestätigt bestehende Machtverhältnisse und Hierarchien. Dabei agieren Musikkapellen in Abstimmung mit den Machthabern und politischen Verbänden. Ihre eminent politische Funktion ermöglicht und begünstigt den Aufstieg zu einem zentralen, identitätsstiftenden Musikgenre. Das zeigt sich besonders deutlich in der auffälligen Kontinuität der Aufmärsche bei Feiern von nationaler Bedeutung.

Wesentliches Gestaltungselement in diesem Bereich ist die Fahne – sie ist bei offiziellen Aufmärschen ebenso präsent wie bei kirchlichen Prozessionen. Die Kontinuität in der Gestaltung und Lokalisierung politischer Aufmärsche wird anhand von Grafiken und Fotografien demonstriert. Der Geschichte und problematischen Instrumentalisierung des Marsches Dem Land Tirol die Treue ist ein eigener Bereich gewidmet.

Musikinstrumente zum Anfassen.

Marschierst du überall mit?

Nach dem Ersten Weltkrieg verliert die Blasmusik mit der österreichisch-ungarischen Militärmusik einen wesentlichen Motor der Entwicklung. Die ländlichen und kleinstädtischen Kapellen sind zumeist dem politisch konservativen Spektrum zuzuordnen, es gibt aber auch Formationen, die eher dem sozialistischen Lager zuzurechnen sind, z. B. Arbeiterkapellen. Mit der zunehmenden politischen Polarisierung in der Ersten Republik, die im autoritären System des christlichsozialen Austrofaschismus gipfelt, werden Musikkapellen verstärkt eingebunden und vielfach aufgewertet. Mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich werden sämtliche Musikkapellen zunächst aufgelöst, dann als Teil der NS-Parteiorganisation des Standschützenverbandes neu gegründet und organisiert. Tirols Gauleiter Franz Hofer verfolgt ein kulturpolitisches Programm der Aufwertung der Volkskultur gegenüber der Hochkultur; in diesem Programm kommt den Standschützenkapellen unter der organisatorischen Leitung des Musikreferenten Sepp Tanzer eine wichtige Rolle zu.

Diese Vitrine ermöglicht Durchblicke auf Bildmaterial und Videos, die unterschiedliche Facetten des Themas Blasmusik in der Zeit der autoritären Systeme in Tirol illustrieren.

Wer darf mitspielen? – Bist du gut genug?

Im Leben vieler Menschen nimmt Blasmusik einen wichtigen Platz ein. Wir stellen uns folgende Fragen: Wer ist Teil einer Musikkapelle – und wer ist aus welchem Grund nicht dabei? Gibt es Ausschlussgründe? Warum sind so wenige Migranten dabei? Wie steht es um die Geschlechtergerechtigkeit? Seit ca. 1970 sind Musikkapellen keine reinen Männerbünde mehr, aber stehen Frauen wirklich alle Türen offen? Wie gut muss man sein, um mitzuspielen? Wie steht es überhaupt um die Ausbildung? Was hat sich in diesem Bereich getan? Nicht zuletzt: Was macht die Faszination der Blasmusik aus, dass so viele so gerne dabei sind und so viel Zeit investieren?

Das Herzstück dieses Ausstellungsbereiches bildet eine Videostation. Ausgewählte Personen beantworten Fragen nach ihrer Motivation, nach ihren eindrücklichsten und kuriosesten Erlebnissen, nach ihrer Ausbildung und ihrem Zugang zur Blasmusik.

Die interaktive Station am Schluss der Ausstellung

Wir laden die Ausstellungsbesucher ein, sich zu positionieren: Wie stehen sie grundsätzlich zur Blasmusik? Sind sie Teil einer Musikkapelle, ist ihnen Blasmusik vertraut oder ist sie ihnen völlig fremd? Lehnen sie diese Musik gar völlig ab? Oder würden sie vielmehr gern ein Instrument beherrschen und dabei sein? Wenn ja, welches Instrument darf es sein? Und wie steht es um die Tracht: Wird sie gerne getragen oder möchte man dem Zwang entgegenwirken? All dies kann der Besucher oder die Besucherin erproben, indem er oder sie sich seine Position aussucht. Eine sehr diverse Gruppe von Blasmusik-Akteuren wird zur Projektionsfläche, Instrumente und Trachtenaccessoires werden zu Requisiten. Ein Selfie ist mehr als ein Souvenir vom Ausstellungsbesuch, es ist gleichzeitig Reflexion über die eigene Haltung zur Blasmusik.

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