Text: Christoph Lambertz Fotos: Gregor Hanewacker
Es ist schon eine kleine Tradition geworden, dass die Maifeier der Fachpflege St. Vinzenz von Paul im schwäbischen Ursberg mit einem Auftanz beginnt, wie das auch bei Volkstanzveranstaltungen üblich ist. In Ursberg wird der Auftanz – auch Polonaise genannt – jedoch mit Rollstühlen getanzt. Denn die Fachpflege St. Vinzenz von Paul ist eine Senioreneinrichtung des Dominikus-Ringeisen-Werks, das Menschen mit einer geistigen Behinderung, mit Lernbehinderung, mit mehrfacher Behinderung, mit Sinnesbehinderung, Autismus, erworbener Hirnschädigung oder psychischer Erkrankung begleitet.
Ideengeberin für die Rolli-Polonaise war Isabella Farion, die Leiterin des heilpädagogischen Förderdienstes. Sie ist begeisterte Volkstänzerin und hat mich bei einer der Tanzveranstaltungen der Beratungsstelle für Volksmusik des Bezirks Schwaben angesprochen, ob wir in ihrer Einrichtung nicht auch mal was mit Tanz machen könnten.
Tanzen ohne Grenzen
Tanzen mit dem Rollstuhl? »Ja natürlich«, sagt Isabella. »Wenn Musik erklingt, zählt nicht, ob jemand läuft oder rollt. Es zählt das Gefühl. Bewegung im Rollstuhl schenkt Kraft, Selbstvertrauen und pure Lebensfreude.« Jede Drehung, jede Bewegung zeigt: Grenzen existieren oft nur in unseren Köpfen. Auf der Tanzfläche sind alle gleich – verbunden durch Rhythmus, Mut und Emotionen.
Bei der Maifeier der Senioren spielt immer eine Blaskapelle und sie findet in einer kleinen Veranstaltungshalle statt, die genug Platz zum Tanzen bietet – ideale Voraussetzungen also, um einen traditionellen Gruppentanz mit Menschen mit Behinderung umzusetzen. Dann braucht es nur noch genügend Helferinnen und Helfer zum Schieben der Rollstühle – Menschen mit E-Rolli können natürlich ohne Hilfe mitmachen. Bei der laufen wir zur Musik der Blaskapelle Formationen wie beim üblichen Auftanz: zu zweit und zu viert nebeneinander, gegenläufige Ketten und Spalier. Am Ende gibt es die Aufstellung im Kreis und wir singen zwei bis drei Abschlusslieder, dem Anlass entsprechend z. B. Grüß Gott du schöner Maien und Der Kuckuck und der Esel.
Nachmachen erwünscht
Nachdem nicht alle Helferinnen und Helfer Volkstanzerfahrung haben und sich bei manchen Tanzfiguren schwertun, die richtige Laufrichtung zu finden, haben wir im vergangenen Herbst ein Lernvideo gedreht, bei dem der ganze Auftanz gezeigt wird. Damit können sich alle Helfenden auf ihren Tanzeinsatz vorbereiten. Das Video ist aber nicht nur für den internen Gebrauch gedacht, sondern wird auch im YouTube-Kanal der Volksmusikberatungsstelle veröffentlicht. Vielleicht wollen Sie ja auch mal zusammen mit Rollstuhlfahrern einen Auftanz machen?
Tanzen ist für Menschen mit Behinderung wichtig, weil es
- die körperliche Fitness, die kognitiven Fähigkeiten und das psychische Wohlbefinden ganzheitlich verbessert,
- soziale Isolation durch gemeinsames Erleben reduziert und
- die Selbstwahrnehmung sowie den Ausdruck der Persönlichkeit fördert.
Es ermöglicht,
- Barrieren zu überwinden,
- Selbstvertrauen aufzubauen
- Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu stärken.
Anpassung an Bewegungseinschränkungen: Angebote können an den jeweiligen Bewegungsradius angepasst werden, was eine sinnvolle Ausübung auch bei stärkeren körperlichen Einschränkungen ermöglicht.
Tanzen wirkt positiv auf psychosozialer Ebene durch
- Reduzierung von Stress und Isolation: Tanzen setzt Glückshormone frei und reduziert Stresshormone, was zu einem besseren psychischen Wohlbefinden führt. Es wirkt der Einsamkeit entgegen, indem es Menschen zusammenbringt.
- Abbau von Ängsten und Barrieren: Gemeinsames Tanzen und das Ausprobieren von Bewegungen können helfen, emotionale und körperliche Barrieren abzubauen.
- Förderung von Selbstausdruck und Selbstvertrauen: Es ermöglicht, die eigene Einzigartigkeit auszudrücken und das Selbstbewusstsein zu stärken, indem der Fokus auf die Möglichkeiten des Körpers gelegt wird.
- Stärkung sozialer Kompetenzen: Das Agieren in der Gruppe, allein oder in Partnerspielen, fördert soziale Fähigkeiten.
- Schaffung von Gemeinschaft: Regelmäßige Treffen und gemeinsames Tanzen schaffen ein Gefühl der Gemeinschaft und Zugehörigkeit.
- Tanzen fördert Inklusion und Teilhabe durch
- Überwindung von Vorurteilen: Tanzprojekte, in denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammenkommen, können Vorurteile abbauen und die Wahrnehmung von Menschen mit Behinderungen positiv beeinflussen.
- Förderung der Teilhabe: Tanzangebote, die speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung ausgerichtet sind, sind ein wichtiger Beitrag zur Inklusion und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
- Erleben von Normalität: Tanzangebote geben Menschen mit Behinderungen ein Stück Normalität und ein Gefühl, einfach dazuzugehören.
Erarbeitet von Isabella Farion, Leiterin des Heilpädagogischen Förderdienstes St. Vinzenz von Paul beim Dominikus-Ringeisen-Werk in Ursberg und ihren Schülerinnen und Schülern der Heilerziehungspflege.
Aufmacher:
Link zur Tanzbeschreibung und zum Video Rollstuhl-Polonaise | Beratungsstelle für Volksmusik des Bezirks Schwaben
https://volksmusik.bezirk-schwaben.de/tanzen/rollstuhl-polonaise/






0 Kommentare