Tradition mit Nachdruck

Eine Kolumne von Matthias Wolf

2. September 2026

Lesezeit: 3 Minute(n)

Text: Matthias Wolf

Meist überraschend ausgeführt, reißt sie ihren Empfänger aus achtloser Gemütlichkeit, befreit aus erwartungsloser Lethargie – plötzlich, ruckartig und unmissverständlich. Sie rüttelt auf, erweckt Träumende aus dem trägen Delirium der Luftschlösser. Nonkonformisten weist sie zurecht und ist Katalysator und Korrektiv zugleich, Angebot zur Selbstreflexion und Einladung zur Umkehr und Buße. Demjenigen, der sich seiner Verfehlungen bewusst ist, bietet sie Erleichterung. Richtig eingesetzt, kann sie ausgleichende Genugtuung kreieren – sie gibt und nimmt, erschafft ebenso viele Konflikte, wie sie löst. Wohl überlegt und weise sollte sie eingesetzt werden – und immer technisch sauber und handwerklich korrekt vollzogen werden: die Watschen.

Austeilen ist weniger schmerzhaft als einstecken

Ausholen – mit dem Arm von der Schulter beginnend Schwung aufnehmen –, um diesen in der rückwärtigen Bewegung in den Ellenbogen und Unterarm, dann in die elastisch geöffnete Handfläche bis in die Fingerspitzen hinein zu übertragen. Eine kraftvolle Rückstoßbewegung also, theoretisch verwandt mit dem technischen Prinzip des Peitschenschnalzens. Und ebenjener Schnalzer entlädt sich bei der Watschen am Ende unserer in Schwung versetzten Extremität über die flache Hand in das Gesicht des Gewatschten.

Je nach Aufprallgeschwindigkeit spricht man hierbei dann von einem Patscher, einer Vollwatschen, einer mordsdrum Fotzn oder gar – stark euphemistisch – von einem Liebestatscherl. Die kategorische Einordnung sowie die Abschätzung der Notwendigkeit einer Watschen obliegt dem Watschengeber und ist nicht immer leicht. Die einsame Tätigkeit verantwortungsvoller Abwägung ist in der Regel jedoch weniger schmerzhaft als das erschreckend unerwartete Empfangen einer Watschen. Oftmals genügt aber schon die Inaussichtstellung der Möglichkeit einer Watschen, um einer Situation eine konstruktive Wendung zu geben.

»Glei foit da Watschnbam um!« oder »A Packerl Fotzn is glei aufgmacht!« hört man es dann oft in solchen Gesprächen sagen. Derartige Aussagen sind nicht unriskant – können sie doch zur Klärung eines Streitgesprächs genauso wie zu dessen Eskalation beitragen.

Watschntanz, Postkarte um 1920

So kann es schnell geschehen, dass derselbe, der sich soeben noch als baldiger Watschengeber definierte, im nächsten Moment als Watschenempfangender erkennen muss. Erkenntnisse wie diese sind immer schmerzvoll, machen uns aber zu dem, was wir sind. Sie prägen uns und schlagen tiefe Wurzeln in den Urgrund unserer Kultur.

Unverblümter Berührungspunkt

Insbesondere die bayerische Gesellschaft wäre ohne die Watschen, die tief in unserer DNA ihre Spuren hinterlassen hat, nicht denkbar. Sie begleitet die barocken Festivitäten, in deren Zentrum der Biergenuss thront, korrespondiert mit der archaischen Impulsivität eines beseelten Juchizers, der eruptiven Kraft eines Goaßlschnalzers. Sie belebt wie eine Prise Schnupftabak – intensiv und komprimiert wie ein scharfer Obstler. Die Watschen trägt die bayerische Seele in sich und bayerische Charaktere wie Horst Seehofer, Franz Josef Strauß oder Markus Söder werden durch die Watschen überhaupt erst begreifbar.

Unmittelbar und kraftvoll schafft sie Berührungspunkte, denn wo sie ist, dort menschelt’s. Denn nichts ist so direkt und unverblümt, wie eine althergebrachte, klug durchdachte und fachlich verständig ausgeführte Watschen. Ich glaube, wir sollten sie uns öfter gönnen: Vielleicht nicht immer die schmerzhafte Vollwatschen, manchmal reicht ja auch die gewaltfreie Variante: ein Quantum offenkundiger, unverstellter Ehrlichkeit.

3
Aufmacher:
Nachträglich farblich imaginierte Version

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Dir hat der Artikel gefallen?

Dieser Artikel ist für Dich kostenlos. Wenn Du unsere Arbeit unterstützenswert findest, magst Du unser Team vielleicht mit einem einmaligen Betrag oder mit einer regelmäßigen Spende über Steady supporten. Das Wichtigste ist – Danke, dass Ihr uns lest!

Unterstütze uns einmalig mit Paypal (an unseren Verlag: Fortes Medien GmbH)

Werbung

L