Renaissance von überlieferten Schleifern

Ein Blick in die Tanzmusik des Vogtlandes

3. September 2026

Lesezeit: 7 Minute(n)

Text und Fotos: Tim Liebert

Das Vogtland ist eine geographisch und historisch schwer zu fassende Gegend. Von den Wurzeln in den thüringischen Städten Weida, Gera, Greiz und dem sächsischen Plauen hat es einen böhmischen Arm, der bis nach Cheb (= Eger) reicht und im Fränkischen bis in die Nähe von Hof. Trotz dieser regionalen Unschärfe hat dieses Gebiet eine sehr fruchtbare und intakte Musiktradition hervorgebracht. Nicht nur, was den Instrumentenbau im Musikwinkel um Markneukirchen / Klingenthal angeht, sondern auch, was die traditionelle Musik selbst betrifft. Das ist teilweise das Resultat einer Reihe von Tanz- und Musikgruppen, die dieses Erbe in althergebrachter Weise meist als Bühnenvortrag pflegen (z. B. Dreyschlag, De Gockeschen, Ruth Müller und ihre Tanzgruppen, Landluper). In den letzten Jahren wird dieser Schatz durch eine Art akademische Goldgräbertätigkeit enorm bereichert. In diesem Artikel soll es vor allem um jene wiederentdeckten Quellen gehen, die ein nahezu unverfälschtes und facettenreiches Bild auf diese länderübergreifende, ländliche Musiktradition geben und die Basis für eine florierende Wiederbelebung bilden.

Überraschende Funde

Einer der ersten Enthusiasten, der sich mit der Bewahrung der speziellen Musiktradition des Vogtlandes beschäftigte, war der Plauener Lehrer Hermann Dunger (1843–1912). Dunger reiste als Student um 1865 von Dorf zu Dorf, um direkt vor Ort die typischen Tanzlieder des Vogtlands, die Rundas (ähnlich dem Schnaderhüpfl im süddeutschen Raum), zu sammeln. Ab 1869 kontaktierte er Lehrer und Geistliche, um ihm bei der Stoffsuche zu helfen. – Und siehe da, seine Ausbeute überraschte ihn selbst! Er hörte Hunderte der kurzen Liedtexte im Dialekt, die zum Tanz gesungen wurden, schrieb sie auf und gab sie in Buchform unter dem Titel Rundas und Reimsprüche aus dem Vogtlande beim Verlag Neupert 1876 heraus. Der Verlag hat das Kompendium mit über 1.600 Stücken im Jahr 1990 dankenswerterweise wieder veröffentlicht. Schon das Vorwort zu Dungers Sammlung ist eine detaillierte Schilderung seiner Feldstudien, die einen Einblick in die Musizier- und Tanzpraxis jener Zeit liefert. Leider sind nur 22 Melodien ausnotiert. Trotzdem haben viele der Stücke Eingang gefunden in das Repertoire von Folkloregruppen. Auch vor 150 Jahren war es bereits gang und gebe aus dem Stegreif zu bekannten Melodien zu improvisieren, bzw. griffige Texte mit Tanzmelodien zu kombinieren, wie es heute wieder passiert. Ein Großteil der Runda-Melodien steht im traditionellen Teusch-, Dreher- und Schleifer-Rhythmus, wie sie aus älteren Quellen belegt sind.

Musikalische Fundgrube

Die populärste Sammlung in dieser Hinsicht und eine Fundgrube für unverstellte Tanzmusik aus dem Vogtland bzw. Nordfranken ist die Sammlung des Heinrich Nicol Philipp (1769–1840), datiert auf den 30. Juni 1784. Sie ist heute in der Internationalen Musikbegegnungsstätte Haus Marteau in Lichtenberg / Oberfranken zu finden. Das Original stammt aus dem benachbarten thüringischen Ort Seibis und wurde für den damals fünfzehnjährigen Heinrich Nicol begonnen. Er war der Sohn des Richters und man bereitete ihn mit diesem Werk zum einen auf seine spätere Tätigkeit als örtlicher Musikant vor, und zum anderen erlernte er anhand dieser Tanzmusikstücke das Geigenspiel.

Das Buch wurde von ihm und seinen Nachfahren fortgeschrieben und gelangte als Familienerbstück in die Hände seiner Urenkelin , die es 1925 dem Geigenvirtuosen Henri Marteau zum Geburtstag schenkte. Dieser schätzte und bewahrte es und verwendete Melodien daraus als Basis für seine Komposition Rondino a la tedesca. Auch Ulrich Wirz, langjähriger Leiter des Marteau-Hauses, weiß um seine Bedeutung und hat es restaurieren und digitalisieren lassen. Durch den Musiker Stefan Straubinger und den Wiener Ethnologen Simon Wascher fand ein Teil der Sammlung Eingang in die jüngere Tanz- und Folkszene. 

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Die von Wascher komplett transkribierte Sammlung enthält 175 Tanzstücke, meist Schleifer im 3/4 oder 3/8 Takt, Teusch oder Deutsche im 2/4, Schottisch, Menuett, Poloness, Walzer, Hopser und Angle (Anglaise), Marsch und Ländrisch. Viele Melodien sind für unsere Ohren ungewohnt, da sie ungleichmäßige Taktzahlen in den Teilen aufweisen. Einer der Schottischen wurde bereits Anfang der 2000er-Jahre mehrfach aufgenommen, etwa von der Gruppe Drey­schlag und Bilwesz und ist heute als Highlife Schottisch international bei Tänzern und Session-Musikern ein Hit.

Simon Wascher konnte im österreichischen Volksliedarchiv in Wien noch eine zweite Zusammenstellung von Tänzen mit der Zuordnung zu Mitteldeutschland / Franken finden, die auf die Zeit um 1750 datiert wird. Hier findet man eine ähnliche Reihung an Tänzen, aber es fehlen die Schottischen. Dafür gibt es eine Anzahl von sogenannten Baures im 2/4 Takt.

Original eines der heute berühmten Schottisch aus der Sammlung des Heinrich Nicole Philipp (1784)

»Viele Melodien sind für unsere Ohren ungewohnt.«

Ein reicher Melodienschatz

Besonders verdient gemacht hat sich die Familie Buchholz um den Erhalt und die Popularisierung traditioneller Musik aus dem Vogtland. Schon vor 40 Jahren hat Brigitte Buchholz (damals noch Klindt) alte Tanzmelodien aufgestöbert und Transkriptionen veröffentlicht. Einen Teil der Protagonisten, die diese alten Sammlungen erstellten oder bewahrten, kannten die Buchholzens noch persönlich. Über derartige Kontakte war es dem Plauener Ehepaar möglich, einen beeindruckenden Bestand an vogtländischen Tänzen zu entdecken. Erwähnt seien das Rodauer Lautenbüchlein aus der Zeit vor 1700 mit Melodien meist in Tabulatur, das Taltitzer Violinbüchlein des August Friedrich Friedel (vor 1864), das Kürbitzer Dorfmusikantenbüchel (zum Teil erhalten als Transkriptionen von Kurt Zapff) und die Sammlung von Friedrich Ernst Bechert aus Haselrain, die in zwölf Stimmheften mehrere hundert Melodien enthält.

Einige der Musiker wurden von Albin Buchholz in seinem Buch Vogtländische Geiger und Geigenmusikanten porträtiert. So etwa Christoph August Gabler (1767–1839) aus dem vogtländischen Mühltroff. Er gilt als Verfasser des Violin-Buchs des Carolo Chris­tiano Jahn, das im letzten Jahr im Archiv des Musikinstrumentmuseums in Markneukirchen wiedergefunden werden konnte. Das Violinenbuch hat eine ähnliche Geschichte wie die Sammlung aus Seibis. Es stammt aus dem Jahr 1789 und wurde für den damals elfjährigen Jahn verfasst, der Kirchnersohn war. Es enthält ebenfalls Schleifer, Walzer, Polonaisen und Anglaisen und hat eine klare didaktische Struktur hinsichtlich Tonarten und Lagenspiel auf der Geige. Gabler gilt gesichert als Verfasser des Büchleins, da sich der damalige Musikstudent mit seinem Namenszug als del Sign. Gabler darin verewigt hat. Offensichtlich wurde die Sammlung / Schule bei ihm in Auftrag gegeben.

Als Student kannte er viele der integrierten Tänze von den Tanzböden der Region, aber er scheint auch neu komponiert zu haben, wo es nötig schien. Interessant sind auch hier die Verbindungen zur klassischen Musik. Einerseits sind, wie in der Seibiser Sammlung, Mozart-Melodien integriert, die damals sehr populär waren. Andererseits hat der spätere Dienstherr von Gabler, Carl Otto Erdmann von Kospoth, im Schlusssatz seiner Sinfonia G-Dur op.25 eine mehrteilige Tanzfolge komponiert, überschrieben Der Krautschneider.

Nur erwähnt werden soll eine 1996 wiederveröffentlichte Sammlung mit dem Titel Dreher und Rutscher – 46 Rundtänze aus Urgroßvaters Burschenzeit (Leipold 1910). Sie stammt zwar aus Südthüringen, beinhaltet aber ebenfalls eine Anzahl an Schleifern und Drehern.

Haus der Johanna Dietzel, die die Sammlung ihres Urgroßvaters 1925 an Henri Marteau schenkte.

»Einige Tänze wurden zu Bühnen- tänzen weiterentwickelt.«

Mal behäbig und mal stürmisch

Ein Teil der in den historischen Quellen gefundenen Tänze sind heute noch Gemeingut, wie etwa der Schottischen oder der Dreher (auch als Halbdreher). Brigitte Buchholz hat in einer Reihe von Publikationen versucht, die historische Tanzpraxis der großen Zahl an Tänzen zu ordnen und zu beleuchten. So wird etwa unterschieden in Kreis- und Reihentänze, Ketten- und Paartänze, Frauen-, Männer-, Handwerker-, Brauch- und Festtänze. Einige Tänze wurden zu Bühnentänzen weiterentwickelt. Bei anderen Tänzen ist die Informationslage nicht so eindeutig. Speziell die Praxis des charakteristischen Schleifertanzens ist nur bruchstückhaft tradiert. Der Schleifer ist eine Art Ländler, der im 3/4 oder im 3/8 notiert ist. Wenn man die Schleifer der Sammlungen spielt, fällt auf, dass es Melodien gibt, die eher walzerartig-behäbig wirken und andere, die fast stürmisch anmuten. Es ist überliefert, dass man die Tänze früher in Ketten gespielt und getanzt hat, d. h. vier oder fünf Stück nacheinander. Tanzexperten wie die Berliner Geigerin Vivien Zeller vermuten, dass zu Beginn einer solchen Kette die Paare auf der Tanzfläche zu moderaten Melodien spazierten, um einen Partner zu finden. Wenn das der Fall war und genügend Geld für die Musiker bezahlt wurde, begannen diese zu forcieren. Zum Teil wurde dann, wie von Dunger beschrieben, auch gesungen.

Auf Tanz- / Balfolk-Veranstaltungen, wie hier beim Nord Folk Festival in Hamburg 2025, werden zunehmend auch Stücke aus vogtländischen Sammlungen gespielt.

Heute reihen sich die Tanzmelodien aus dem Vogtland in den Kanon der wiederentdeckten Sammlungen ein. Es zeigt sich, dass es schon Ende des 18. Jahrhunderts einen regen Austausch an populären Melodien über ganz Deutschland gab. So werden viele der damaligen Modetänze wie Polonaisen mit nur geringen Variationen in Büchern aus Norddeutschland gefunden, etwa in der Dalhoff-Sammlung aus dem westfälischen Dinker. Speziell Schleifer und Dreher haben jedoch einen besonderen Bezug zur vogtländischen Region. Zunehmend findet man solche Melodien auf CD-Produktionen etwa der Bands Fior oder Zirp. Vor allem die Formationen Lind und Viertour verwenden traditionelle Melodien und Rundas aus dem Vogtland für eine moderne Form regionaler Musik.

Lind, eine der Gruppen die alte vogtländische Tanzmusik neu interpretiert

Foto: Kristin Hoffmann

Außerdem sind die vogtländischen Stücke Bestandteil von neueren Notensammlungen und Session-Material, beispielsweise der Serie Neues aus alten Büchern. Viele der vogtländischen Melodien werden bei Tanzworkshops und Balfolk–Events sehr unorthodox gespielt und getanzt. Da wird der Schleifer zur Bourrée, die Polonaise wird gewickelt und zu Teusch, Hopser und Galopp wird Polka getanzt. Durch die freie Interpretation hat das Material eine hohe Akzeptanz in der jungen Folk- und Tanzszene und wird dadurch reaktiviert. Einige Experten versuchen, neue Tänze auf der historischen Basis zu entwickeln. Auch hier seien Viven Zeller und Simon Wascher genannt, die einen Stil kreiert haben, den sie als Tanz Lustig bezeichnen, und der Elemente von Schleifer und Ländler beinhaltet. Es gibt jedoch noch Tanzpä­dagogen, die etwa den Schleifer in ihrer Ausbildung beigebracht bekamen. Mit ihrer Hilfe wird momentan versucht, eine im Volkstanzbereich implementierbare Variante des Schleifers zu entwickeln. Erste Ergebnisse sind beim Deutsch Folk Festival in Jena im August dieses Jahres zu erwarten.

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Aufmacher:
Notenblatt aus der Sammlung des Carl Christian Jahn aus Ölsnitz Vogtland, 1789

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